Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

«Du bist Animationstrainerin und Kindergärtnerin in einem»

Die 24-jährige Zürcherin Cosima Frei schliesst dieses Jahr das Filmstudium in Zürich ab. Wie denkt sie über das Schweizer Filmschaffen – und was macht eigentlich eine Regieassistentin?

Von Esther Banz

Kurz vor Weihnachten in Zürich, es ist der düsterste Tag des Jahres, im Café brennen Kerzen. Die junge Frau legt ihren rosaroten Wintermantel über die Stuhllehne, ihre Nase trieft. Die Filmstudentin ist gekommen, obwohl sie eigentlich im Bett liegen sollte. Vor sich einen Ingwertee, wundert sich Cosima Frei zunächst über das Interesse an ihrer Person. «Noch habe ich ja nichts Grosses vollbracht», lacht sie. Aber über Regieassistenz und Filme sprechen, doch, das tue sie gerne.

In ihrer Klasse an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ist die 24-Jährige eine der Jüngsten. Sie hätte ihr Filmstudium schon letztes Jahr abschliessen können, fand aber: «Das ist keine Ausbildung zum Stressen. Besser, ich schliesse mit einem guten Film und vielen praktischen Erfahrungen ab.»

Das Filmstudium in Zürich ist praxisorientiert, «wir werden in Assistenzwissen ausgebildet», erklärt Cosima Frei. Sie habe zur Vertiefung Schnittassistenz gewählt, «auch, weil man sich beim Schneiden ein wenig verstecken kann – als ich vor drei Jahren mit der Ausbildung anfing, traute ich mir weniger zu als heute. Inzwischen interessieren mich Regie und Regieassistenz aber mehr als das Schneiden.» Das haben offenbar auch die DozentInnen gemerkt. Als der Regisseur Christoph Schaub auf der Suche nach einer Crew für seinen neuen Film war, gelangte er an einen der ZHdK-Dozenten und fragte ihn, ob er für die zweite Regieassistenz jemanden empfehlen könne. Der Dozent gab ihm Cosima Frei an. Und so kam sie zu ihrem ersten Engagement bei einem grossen Spielfilm. Als zweite Regieassistentin war sie vor allem für die StatistInnen zuständig.

Lebende Requisiten motivieren

Es war ein harter Dreh, selbst für die Erfahrenen in der Crew, denn der Film spielt ausschliesslich in der Nacht. Für Cosima bedeutete das, die StatistInnen von sieben Uhr am Abend bis in die frühen Morgenstunden bei Laune zu halten. «Das sind lebende Requisiten, leider. Sie werden in eine Ecke gestellt und müssen dann auf Abruf paratstehen. Geld verdienen sie damit keines. Trotzdem sollen sie motiviert bleiben.» Denn sie sind genauso wichtig für den Film wie die SchauspielerInnen: «Du bist Animationstrainerin, Kindergärtnerin und Dompteurin in einem.» Die Zürcherin war eine gute Dompteurin, Regisseur Christoph Schaub übertrug ihr mehr und mehr Verantwortung.

Bei Filmen von StudienkollegInnen hatte sie bereits erste Regieassistenz gemacht, aber noch nie bei einem langen Film mit so viel Personal. «Es ist ein extrem intensiver Job. Du bist dafür verantwortlich, dass auf dem Dreh alles rund läuft. Wenn du nicht ernst genommen wirst, funktioniert nichts mehr, und es entstehen Rattenschwänze. Als erste Regieassistentin bist du die Kommunikatorin, die alle Departemente verknüpft. Und manchmal bist du eben auch das Arschloch vom Set, weil du unterschiedlichste Bedürfnisse unter einen Hut bringen musst – und das ist nicht immer so einfach.» Und der Regisseur? «Der darf nie an die Zeit denken oder an Probleme der Crewmitglieder. Er ist nur für die Schauspielerinnen und Schauspieler da. Du nimmst ihm ab, was immer möglich ist – oft intuitiv. Als ein Schauspieler während der Dreharbeiten eine Pistole in die Wiese warf, überlegte ich nicht lange und kroch wie ein Hund auf allen Vieren durchs Gras, um sie zu finden.»

Die Jungs, die so krass tun

Cosima Frei ist im Zürcher Kreis 3 aufgewachsen, in der Schule war sie das einzige Schweizer Mädchen und eine der wenigen, die ins Gymi gingen. «Jetzt werde ich Filmemacherin, meine damaligen Schulfreundinnen schneiden Haare oder arbeiten im Büro oder an einer Migros-Kasse – dass die verschiedenen Wege, die man einschlägt, einen auch von den andern distanzieren, beschäftigt mich sehr.»

Der Abschlussfilm der 24-Jährigen thematisiert die unterschiedlichen Chancen junger Menschen in der Schweiz. Es ist die Geschichte eines Türken im Teenageralter, der in Zürich aufgewachsen ist. «Ein Coming-of-Age-Film», sagt Frei, «es geht um Lehrstellen, Perspektiven und Gegensätze innerhalb einer Klasse. Mich faszinieren diese Jungs um die sechzehn, die so krass tun. Die haben doch auch Träume. Aber dann geht der Bewerbungsmarathon los, und sie bekommen immer nur Absagen, und das Beste, was sie schliesslich werden können, ist Hilfsirgendwas. Das nagt doch am Selbstbewusstsein und muss kompensiert werden.» Ihr Film ist schon fast fertig. Sie hat das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, und nun schneidet sie ihn. An den Filmtagen in Solothurn wird man ihre Abschlussarbeit noch nicht sehen können, dafür einen Film, bei dem sie die Regieassistenz machte, den Bachelorfilm «Magnetfelder» ihres Studienkollegen Jan-Eric Mack.

Für den Notfall ist Plan B bereit

Wie sieht eine 24-jährige Filmemacherin das Schweizer Filmschaffen? Schweigen. Dann: «An der Filmschule herrscht schon die generelle Atmosphäre, dass ein Schweizer Film eben ‹nur› ein Schweizer Film ist. Das zeigt sich in Kommentaren wie ‹Doch, der ist richtig gut – für einen Schweizer Film›. Es steht nicht zum Besten um unser Selbstbewusstsein.» Das sei, so findet sie, kein Wunder: «Die Schweiz ist so klein und erst noch zersplittert. Ich fühle mich selber ja auch nicht als Schweizerin, sondern als Zürcherin, genauer gesagt als ‹Kreis-3-Kind›, insofern sind mir jene Filme nahe, die hier in diesem Milieu spielen, ‹Strähl› zum Beispiel oder ‹Das Fräulein›.» Sie sehe zwar extrem viele motivierte Leute in der jungen Filmszene, man wolle etwas erzählen – aber nicht unbedingt etwas über die Schweiz. «Wir sind viel mehr von ausländischen Filmen inspiriert und auch international ausgerichtet. Es gibt keinen Spirit à la ‹So, jetzt sorgen wir dafür, dass der Schweizer Film ein neues Image bekommt›. Ich sehe noch keine Revolutionäre in meiner Generation.»

Einer ihrer Lieblingsfilme aus der Schweiz ist Hans Liechtis «Akropolis Now» mit Max Rüdlinger, ein Roadmovie aus den achtziger Jahren: «Es ist die Schweizer Komödie, bei der ich am meisten lachen musste. Der Film hat eine Lockerheit, wie man sie in Schweizer Filmen kaum je antrifft.» Will sie selber dereinst Komödien drehen? «Ich mag bittersüsse Filme, das Ambivalente. Von mir wird es also sicher keine puren Dramen geben», lacht sie. Und überhaupt, Regisseurin werden, das sei schon ihr Ziel, aber: «Ich bin ja noch sehr jung. Ich möchte gerne noch besser sehen, wie alles auf dem Set funktioniert. Über die Regieassistenz zur Regie zu gelangen, scheint mir ein guter Plan. Aber es ist immer gut, auch einen Plan B zu haben. In meinem Fall also die Regieassistenz.»

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