Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

«Zickzack, Zigeunerpack»

Etrit Hasler fragt sich, wie weit man gehen darf, bevor man aufs Maul bekommt

Eine der grossen Institutionen des deutschen Fussballs steht derzeit arg in der Kritik. Die Rede ist nicht von den unsympathischen Grossunternehmen, die seit Jahrzehnten den deutschen Meistertitel unter sich ausmachen, sondern von einem Zweitligisten, dessen Logo – so hat man das Gefühl – in keiner Alternativkneipe im deutschsprachigen Raum fehlen darf: vom FC St. Pauli.

Bei einem alljährlichen Hallenturnier, an dem der Hamburger Kiezverein zum 24. Mal in Folge teilnahm, kam es zu Angriffen seitens einer Gruppe rechtsgerichteter Hooligans, die sich aus Anhängern des VfB Lübeck und des Stadtrivalen HSV zusammensetzte. Die St.-Pauli-Fans schlugen zurück, was in wüsten Auseinandersetzungen mit der Polizei mündete sowie im vorzeitigen Abbruch des Turniers. Bilanz des Abends: 90 Verletzte, 74 Verhaftete, davon 72 aus den Reihen der St.-Pauli-AnhängerInnen.

Die Abfolge gegenseitiger Beschuldigungen (die Polizei beschuldigte die St.-Pauli-Fans der organisierten Gewalt; der Verein konterte, die Polizei habe die wahren Aggressoren sogar unter Polizeischutz zum Bahnhof geleitet) war dabei weniger spannend als die resultierende Diskussion um die Provozierbarkeit politischer Fussballfans: Als einer der wenigen Vereine pflegt der FC St. Pauli eine Fankultur, die sich dezidiert als links oder zumindest als gegen rechts orientiert versteht – so war der Verein einer der ersten, der in seiner Stadionordnung rassistische Fangesänge verbot. Dies bringt seine AnhängerInnen (nicht nur in Deutschland) immer wieder in Konflikt mit rechtsradikalen Gruppen, ob diese nun dem Fussball entstammen oder nicht.

So ist es denn wenig überraschend, dass auch am eingangs erwähnten Hallenturnier die St.-Pauli-Fans vor der Auseinandersetzung mit Parolen wie «Judenkinder» und «Zickzack, Zigeunerpack» beschimpft wurden – die Polizei wollte davon im Nachhinein nichts wissen, musste aber eingestehen, ihre Beamten hätten es eventuell unter ihren Vollhelmen nicht gehört. Wieso sie auch diverse Hitlergrüsse nicht gesehen habe – in Deutschland anders als hierzulande alles andere als ein Kavaliersdelikt –, konnte die Polizei dann nicht mehr erklären.

In diesem Zusammenhang geriet ein Zitat des FC-St.-Pauli-Sicherheitsverantwortlichen (und ehemaligen Fanarbeiters), Sven Brux, vielerorten in den falschen Hals: «Der FC St. Pauli wird landauf, landab gerühmt für dieses Gegen-rechts-Sein (…), meine Güte, da muss das in der Realität auch mal umgesetzt werden. Wenn irgend so ein Nazi da meint, er könnte im St.-Pauli-Block derartige Sprüche loslassen, dann muss der auch das Gefühl haben, dass ihm das gesundheitlich womöglich nicht ganz guttut», liess er einen Journalisten wissen – ein Satz, der weitherum als Verharmlosung von Gewalt ausgelegt wurde beziehungsweise als Eingeständnis, dass St. Pauli ein Fanproblem habe.

Nun, auf die Frage, ob man echten Rechtsradikalen nur mit Gewalt entgegentreten darf, weil alles andere nichts nützt, möchte ich mich nicht einlassen. Tatsache ist aber, dass die Fans im Stadion ein Klima geschaffen haben, in dem sich Menschen bewusst sein müssen, dass ihre Handlungen Konsequenzen haben, und darin haben sie viele NachahmerInnen – auch in der Schweiz. So ist es heute auch bei uns nicht mehr normal, dass Bananen aufs Spielfeld geworfen werden, sobald ein schwarzer Spieler den Rasen betritt.

Damit wir uns richtig verstehen: Mit Legitimierung von Gewalt hat das nur am Rand zu tun. Aber es ist eine Realität: Wenn ich an der Olma in einem Rheintaler Festzelt herumbrülle, dass alle Oberrieter RassistInnen seien, kriege ich auch aufs Maul. Wobei die Aussage auch nicht stimmt. Mindestens sieben davon sind es nicht. Mit fünf bin ich verwandt. Und die anderen zwei werden nicht eingebürgert. Das macht mich wesentlich trauriger als die Tatsache, dass jemand, der in einem Fussballstadion einen Hitlergruss macht, mit Schlägen rechnen muss.

Etrit Hasler findet Gewalt nur am Fernsehen und im Ring lustig, hat aber auch schon 
aufs Maul bekommen – von Polizisten 
und Rechten. Es gibt Menschen, die finden, dass er das auch verdient hat.

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