Nr. 03/2012 vom 19.01.2012

Die Poesie des Gerümpels

Wieso etwas wegwerfen, was noch nützlich sein könnte?

Von Sarah Stähli

Elmira kann sich in ihren eigenen vier Wänden kaum mehr bewegen. Von oben bis unten sind die Zimmer angefüllt mit Kassetten, Zeitungsartikeln und Büchern. Arthur sammelt auf seinem Hof alte Traktoren und verrostete Gefährte wie andere Leute Briefmarken, in Karls Dachstock kommt man bald nur noch mit dem Gabelstapler durch, und Thomas’ Lieblingsort ist der Schrottplatz, wo er immer neue Ware für seine Basteleien findet.

Ulrich Grossenbacher porträtiert in «Messies, ein schönes Chaos» – für den er den Berner Filmpreis sowie den Semaine-de-la-Critique-Preis des Filmfestivals Locarno bekam – vier Betroffene, die sich über ihre Gegenstände definieren, Unmengen von Material ansammeln, nicht entsorgen können und sich so ihre ganz eigene Ordnung schaffen.

Elmira hat zu viele Interessen und zu wenig Leben für diese, und Karl kann als Laienbühnenbildner immer noch den einen oder anderen Gegenstand gebrauchen. Wieso also wegwerfen, was nützlich sein könnte?

Der Berner Filmemacher sieht das Schöne im Chaos, unterstreicht die Weisheit in Arthurs Ausführungen zur Ordnung in der Schweiz und überhaupt und macht den quälenden Schmerz spürbar, wenn eine von Karls tausend Schrauben im Abfallsack landen muss.

Man hätte gerne noch mehr über die Ursachen des Messietums erfahren, aber Grossenbacher entscheidet sich für den kommentarlosen Weg. Zu fasziniert ist er von den Welten, die sich ihm eröffnen: Wie über ein Jackson-Pollock-Gemälde gleitet die Kamera über Elmiras Kassettenberge und dringt in Thomas’ Wunderkammer blinkender Apparätli ein. Gezeigt werden auch die Mitmenschen, die unter dem Chaos leiden: Karls Frau etwa, die aus dem vollgestopften Haus in eine eigene Wohnung zieht – es gibt keinen Platz mehr für sie. Oder die Gemeindearbeiter, die Arthurs Land zwangsräumen und in ihrer Pingeligkeit unfreiwillig komisch wirken.

Der Film ist eine zärtliche, manchmal verstörende Annäherung an vier eigenwillige ZeitgenossInnen, in hervorragenden Bildern, die das Poetische im Gerümpel suchen.

Kino Canva, 
Sa, 21. Januar, 14.30 Uhr, und Reithalle, Mi, 
25. Januar, 21 Uhr.

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