Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Die Fahrt durch die Sperrzone

Nach der Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 wurden 70 000 Menschen aus dem Gebiet um das AKW Fukushima vertrieben. Als erstem Schweizer Medium ist es der WOZ gelungen, die Sperrzone von Fukushima zu besuchen, zu der JournalistInnen bislang keinen Zugang haben.

Von Susan Boos (Text und Fotos)

Wir fahren hinein, einfach so. Durch die Strassensperre mit den Bussen und den Polizisten. Vor uns die Welt ohne Alltag, die verseuchte Sperrzone von Fukushima. Übersetzer Tomoyuki Takada hat uns den Zugang verschafft. Ich will nicht genau wissen wie, und der Mann, der es möglich macht – unser Guide –, sitzt vorne am Steuer. Er erzählt während unserer Reise durch die Zone seine Geschichte, aber man darf sie nicht weitererzählen, sonst bekomme er Ärger. Nur so viel: Er arbeitet in der Zone, er besitzt einen gültigen Passierschein und entsprechende Arbeitskleidung, und er hat seine Motive, uns hereinzubringen, Motive, die nichts mit Geld zu tun haben, das würde zu den Leuten hier auch nicht passen. Den Polizisten, die den Eingang der Zone bewachen, reichte ein Blick auf den Passierschein, und sie liessen uns ziehen. Das Auto hat hinten abgedunkelte Scheiben, vermutlich haben sie uns kaum wahrgenommen.

«In the Shadow of Chernobyl»

So leicht kam man um 1990 herum nicht in die Sperrzone um den havarierten Reaktor von Tschernobyl. Soldaten bewachten mit scharf geladenen Waffen den Schlagbaum, der die Strasse in die Dreissig-Kilometer-Sperrzone verbarrikadierte. Man fühlte sich wie im Krieg, wenn man am Checkpoint ankam, und hatte den Eindruck, in feindliches Territorium vorzudringen. Ohne offiziellen Passierschein kam man nicht rein, der Schein war aber mit einigem Aufwand, den richtigen Kontakten und dem nötigen Geld zu bekommen. Die Fahrzeuge, die in der sauberen Welt verkehrten, musste man beim Checkpoint stehen lassen, kein Auto sollte die Zone verlassen, um keine radioaktiven Partikel nach draussen zu verschleppen. Um das geborstene AKW und die gleich daneben liegende Stadt Pripjat hatten die Sowjets noch eine zweite, die Zehn-Kilometer-Sperrzone errichtet. Da standen nochmals bewaffnete Soldaten, da brauchte man nochmals einen Passierschein, da wurden erneut die Fahrzeuge gewechselt. Anfang der neunziger Jahre galten diese Regeln noch, inzwischen ist aus der Destination Tschernobyl ein ordinäres Tourismusgeschäft geworden. Man erhält für hundert Dollar eine Führung, mit Stopp vor dem explodierten Block 4 und Mittagessen im Städtchen Tschernobyl, das dreissig Kilometer vom AKW entfernt liegt. Junge Leute toben übermütig durch Pripjat, stülpen sich vergnügt Gasmasken übers Gesicht und stellen das Computerspiel «In the Shadow of Chernobyl» nach. Gelangweilte Menschen holen sich in der Zone einen exklusiven Kick, sie wollen nicht wirklich wissen, was hier geschehen ist und wie viel Plutonium fein verteilt für ewig über der Stadt liegt.

Die Sperrzone von Fukushima hat ihre Metamorphose noch vor sich. Noch ist sie frisch in ihrem Schrecken. Aber es stehen hier keine grimmigen Soldaten mit Waffen im Anschlag, die Leute werden nicht scharf geprüft, kein Auto wird gewechselt. Die Sperrzone beginnt mit einer Sperre, die einer harmlosen Verkehrskontrolle gleicht. Das Tor zum Inferno stellt man sich martialischer vor.

Rechts zieht eine Tankstelle vorbei, links ein Einkaufszentrum mit einem riesigen leeren Parkplatz, noch eine Tankstelle, ein Möbelhaus mit Möbeln in den Schaufenstern, ein Autohaus mit Occasionswagen, an denen noch die Preisschilder kleben.

Es steigt ein Gefühl von Sonntagmorgen hoch, das Gefühl, durch friedlich schlafende Dörfer zu fahren, man braucht nur zu warten, dann tauchen die Menschen auf, und das Leben beginnt von neuem.

In der Hektik hatte ich am Morgen vergessen, das Strahlenmessgerät einzupacken, wir sind nun also unterwegs wie Blinde ohne Führhund und Stock.

Ein Militärlaster kommt uns entgegen, der Fahrer wie der Mann auf dem Beifahrersitz tragen weisse Schutzanzüge und Atemschutzmasken und sehen martialisch aus. Zum Glück sind sie da, sonst wäre man geneigt, die unsichtbare Gefahr, die draussen lauert, als Hirngespinst abzutun.

Unser Guide zeigt nach rechts, das sei die Einfahrt zum AKW Daini. Ein dichter Wald versperrt die Sicht, man sieht nur den Stummel eines weissen Abluftkamins hinter Tannenwipfeln vorbeigleiten.

Kein Durchkommen

Der Wegweiser zeigt an, dass es geradeaus nach Minami-Soma geht. Wir fahren in diese Richtung, die Küste hoch nach Fukushima Daiichi, wo das AKW mit den drei geborstenen Reaktoren steht. Ein prächtiger, kalter Tag begleitet uns. Die hohen Berge rund um die Stadt Fukushima trugen am Morgen weisse Spitzen, und der steife Wind roch nach Schnee. Jetzt ziehen dunkle Wolken von den Bergen gegen das Meer und wandern in einen klaren, türkisfarbenen Himmel hinein. Borstig wiegt sich verblühtes Unkraut auf verwilderten Feldern im Wind. Neben alten Holzgebäuden stehen noch die Gerippe von Gewächshäusern.

Der Guide erzählt von den wilden Viehherden und einer Kuh, die vor kurzem ein Auto angegriffen hat. Das Auto habe Feuer gefangen. «Da!», sagt er plötzlich und zeigt auf die Fahrbahn: «Da sieht man noch den Brandflecken auf dem Asphalt.» Dem Fahrer sei glücklicherweise nichts passiert.

Einige Kilometer später deutet unser Guide erneut nach rechts. «Daiichi», sagt er nur. Am Horizont sind einige Kamine und drei riesige, weiss-rote Kräne aufgetaucht. Der Wald verdeckt wieder die Sicht. Der Guide sagt, er versuche, näher heranzufahren. Er biegt rechts in eine schmale Strasse ein, auf der man zu den Reaktoren fünf und sechs fahren kann. Doch dann geht es nicht weiter, das Erdbeben damals im März hat die Strasse aufgerissen, ein tiefer Spalt läuft quer durch die Fahrbahn, es ist unmöglich, durchzukommen. «Die haben die Strasse immer noch nicht repariert», stellt unser Guide verwundert fest.

Er wendet, fährt zurück, weiter der Küste entlang Richtung Minami-Soma. An manchen Stellen ist die Strasse abgesackt und provisorisch ausgebessert. Das Meer taucht auf, dunkelblau und wunderschön. Ein Wegweiser kündet «Futaba Seaside Beach» an. Die Sonne scheint auf das blasse Schilf und taucht die Küste in ein goldenes Licht. Ein prächtiger Ort muss das gewesen sein.

Niemand zu finden

Vor einigen Tagen hatten wir Yoshihiko Monma getroffen, einen jungen Musiker, der genau aus dieser Gegend stammt und mit seiner Familie nicht weit vom Ufer gewohnt hat, nur sieben Kilometer vom AKW entfernt. Er selbst war am Tag des grossen Bebens nicht zu Hause. Er erzählt, wie seine gehbehinderte Grossmutter allein daheim war und beschlossen hatte, nicht vor dem Tsunami zu fliehen.

Ihr Schwiegersohn hörte davon, eilte herbei und rettete sie. Als er kam, habe sie ruhig gestrickt und verwundert gefragt, was er hier tue, sie habe abgeschlossen mit dem Leben und warte jetzt. Er nahm sie mit. Heute lebt Monma mit ihr in einer kleinen Wohnung in Fukushima.

Nur zweimal sei er zurückgekehrt. Ihr Haus sei weg, alles fortgetragen von der grossen Welle. Bei seinem ersten Besuch sei er einen Tag lang in der Gegend herumgeirrt und habe nach Leuten gesucht. Er habe gerufen und geschrien, aber niemanden gefunden, sagt er und versucht, seine Tränen zu unterdrücken.

Ihn treibt um, was viele beschäftigt, die aus der Sperrzone fliehen mussten: Das Erdbeben hat Leute verschüttet, die noch lebten, der Tsunami hat Menschen mitgerissen, die man hätte bergen können – wenn man hätte suchen dürfen, wenn man hätte helfen können. Das ging aber nicht. Und deswegen sind wegen des AKW-Unfalls Menschen gestorben, die nicht hätten sterben müssen.

Am Ufer steht noch ein einziges Haus. Rundherum deuten nur noch Betonfundamente darauf hin, dass hier einmal eine Siedlung stand. Ein weisser Reiher stakt im Brackwasser umher. Unser Guide zeigt auf eine hohe, einsame Fichte. So hoch wie die Baumspitze sei die Welle gekommen und habe ganze Küstenwälder abrasiert.

Die Sonne scheint in die schwarzen Wolken, das gelbe Schilf leuchtet. Dahinter öffnet sich ein breites Trümmerfeld mit den Überresten von Häusern. Da steht noch ein halbes Bad, hier eine Treppe, dort ein zerquetschtes Auto. Die Schiffe sind an Orten, wo sie nicht hingehören. Im Süden, am Ende eines langen, weissen Sandstrands, recken sich die Kräne und Kamine von Fukushima Daiichi in die Höhe. Mehr ist nicht zu sehen. Die Anlage ist keine zehn Kilometer entfernt, aber es ist vermutlich ein Leichtes gewesen, sie zu ignorieren, wenn man hier gewohnt hat.

Wir wandern durch Trümmer, sammeln Muscheln, kleine Wellen tänzeln leise auf dem Meer, Möwen ziehen ihre Kreise, die Welt ist still.

Unser Guide drängt zur Weiterfahrt. Er fürchte sich ein bisschen vor der Polizei, die hier rege patrouilliert. Er weiss nicht, was passieren würde, wenn sie uns erwischten, aber unangenehm wäre es sicher, vor allem für ihn.

Wir fahren zurück, an Haufen von zusammengeräumtem Schutt vorbei. An einer Wegkreuzung haben Leute einen kleinen Schrein errichtet. Einige Buddhas wachen über die Toten, die nie gefunden werden konnten, daneben stehen Getränke, frische Blumen und einige Kerzen.

Die Sonne verschwindet bald hinter den Bergen und wirft ein atemberaubendes Licht auf diesen unglücklichen Fleck.

Aggressive Kühe in der Dämmerung

Auf der Höhe von Fukushima Daiichi sagt der Guide, hier würden etwa 80 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Aufs Jahr gerechnet gäbe das über 700 Millisievert, der Grentzwert liegt für AKW-Mitarbeiter bei 20. Es sei also nicht ratsam, hier lange zu verharren. Dann biegt er nach links ab, nimmt die Einfahrt zum Tor von Daiichi. Wir fahren durch eine Siedlung, in den Gärten hängen die Bäume voller oranger Kakis. Wir haben unseren Guide nicht gebeten, so nahe an die Anlage heranzufahren, aber es scheint ihn zu drängen, uns dem schaurigen Ort so nahe wie möglich zu bringen.

Kurz vor dem Haupttor biegt er wieder nach links ab, fährt den Zaun entlang und hält vor einem Nebentor. Dahinter, nur wenige Hundert Meter entfernt, stehen die havarierten Reaktoren. Man sieht nicht viel, einige Kräne auf der anderen Seite des Zauns, auf unserer Seite Lastwagen, Container, ein Parkplatz. Ein Ort, den man für gewöhnlich nicht beachten würde. Dass er so gefährlich ist, kann man weder sehen noch spüren, man muss es wissen und vor allem glauben.

Unser Guide wendet und fährt zurück Richtung Zonengrenze. Die Sonne ist verschwunden, die Gegend scheint nun grau und ungastlich. Es beginnt zu dämmern, da müsse man besonders vorsichtig sein, in dieser Phase seien die Kühe am aggressivsten. Kaum hat der Guide es gesagt, tauchen sie auf. Rechts zwischen den Häusern und Gärten, vielleicht zehn Stück. Schwarze Kühe, jede von ihnen hat ein Kalb an der Seite. Die Kleinen sind vielleicht vier, fünf Monate alt. Sie stehen gebannt da. Der Fahrer hält an, wir öffnen die Fenster.

Die Kühe starren uns vorsichtig wartend an, bereit, auf uns loszugehen, falls wir es wagen, näher zu kommen. Dann wendet die Leitkuh, die Truppe zieht sich in die Gärten zurück, die nun ihnen gehören. Wir sehen noch mehrere kleine Herden und einzeln weidende Tiere. Sie verhalten sich scheu wie Wildtiere, die sich erst bei Dämmerung auf die offenen Flächen wagen. Sie fürchten die Menschen nicht, aber sie haben aufgehört, mit ihnen zu leben.

Der Guide sagt, es sei beschlossene Sache, die Kühe demnächst alle abzuschiessen. Sie seien zu gefährlich.

Haustiere und Vieh blieben alleine zurück

Der Hof von Katuyoshi Sato befindet sich in Namie, mitten in der Zwanzig-Kilometer-Sperrzone. Wir treffen Sato und seine Frau zusammen mit Tadanori Tadano in einem lärmigen Fast-Food-Restaurant im Bahnhof von Koriyama. Neben dem grossen Sato wirkt Tadano schmächtig. Tadano steht einer der drei Milchbauernvereinigungen vor, die es in der Präfektur Fukushima gibt. In dieser Vereinigung sind die BäuerInnen aus der Umgebung des havarierten AKWs organisiert. Tadanos Hof liegt in der Gemeinde Minami-Soma, gleich ausserhalb der Sperrzone. In dieser Region dürfte man schon wieder Landwirtschaft betreiben, doch ging über Tadanos Land so viel strahlendes Material nieder, dass sein Hof zur «Sonderevakuierungsstelle» erklärt wurde.

Er sagt, Fukushima sei die drittgrösste Präfektur Japans, bezüglich Milchproduktion liege sie landesweit auf Platz acht und liefere zudem viel Reis und Obst. Umgerechnet zirka drei Milliarden Euro bringe die Landwirtschaft der Präfektur jedes Jahr ein, ein Viertel stamme aus der Fleisch- und Milchproduktion.

Tadano leitet auch die Milchverarbeitungsfirma, die den Bauern der Vereinigung gehört. Einen grossen Teil der Milch würden sie nach Tokio liefern, sagt er. Seit dem Atomunfall sei dort der Absatz stark eingebrochen. Die Laster müssten oft halb leer fahren. Ausserdem seien 10 000 Kinder aus der Präfektur weggezogen, die bislang in der Schule täglich eine Flasche Milch erhalten hatten, auch das spürten sie. Wie hoch die Einbussen konkret sind, will Tadano nicht sagen.

Durch die Sperrzonen hat die Milchverarbeitungsfirma zwanzig Prozent ihrer Produktion verloren. Im gesamten evakuierten Gebiet gab es 48 Milchbauern, allein in der Zwanzig-Kilometer-Sperrzone waren es 26, die zusammen gegen tausend Kühe hielten. Die Familie Sato gehört zu ihnen. Was sie durchzumachen hat, wünscht man niemandem. Auf dem Hof lebten drei Generationen, Sato, seine Frau, der Sohn mit Schwiegertochter und deren Kinder. In der Nacht nach dem grossen Erdbeben schliefen sie alle in ihren Autos, wegen des Stromausfalls und wegen der Nachbeben.

Am nächsten Tag hörten sie von den Problemen im Atomkraftwerk. Die Grossfamilie beschloss, sich in Minami-Soma in Sicherheit zu bringen, bloss Katuyoshi Sato blieb bei seinen drei Dutzend Tieren. Bis zum 15. März molk er die Kühe und schüttete die Milch weg. An diesem Tag hörte er im Radio, das AKW werde wirklich gefährlich. Da beschloss auch er zu gehen. Am Abend kam er in einer Notunterkunft von Minami-Soma wieder mit seiner Familie zusammen.

«Als ich wegging, hatte ich keine Ahnung, wie lange das dauern würde», sagt Sato.

«Was taten Sie mit den Tieren?»

«Ich liess sie im Stall, angebunden.»

«Warum?»

«Wir haben uns dafür entschieden, weil wir wussten, dass es gefährlich werden könnte, wenn man sie einfach freilässt. In unserer Umgebung waren wir einige Milchbauern. Wir haben alle unsere Kühe angebunden zurückgelassen. Daneben hatte noch ein Fleischproduzent dreihundert Masttiere. Er liess die Hälfte der Rinder frei. Sie sind inzwischen verwildert, haben sich zu Herden von etwa zwanzig Tieren zusammengeschlossen, richten Schäden an und sind wirklich gefährlich. Erst vor kurzem kollidierte ein Mann, der zum AKW Daini zur Arbeit fuhr, mit einer Kuh. Sein Auto wurde ziemlich beschädigt.»

«Was ist mit Ihren Kühen passiert?»

Sato zögert: «Ich bin erst am 26. März zurückgekehrt, vorher durfte man nicht.»

«Und was war mit den Kühen?»

«Die Hälfte war bereits tot, verhungert …, die andern …», er streicht mit der Hand über die Wangen zum Kinn, um zu zeigen, wie sie aussahen, «… ganz abgemagert.»

«Was haben Sie getan?»

«Nichts!», sagt er knapp. «Ich konnte nichts tun. Ich hatte nicht die Möglichkeit, sie zu töten.»

«Stimmt es, dass Schweine zum Teil die toten Kühe gefressen haben?»

Er nickt: «Tierschützer sind um den 20. März in die Zone gefahren, sie haben versucht, Kühe und Schweine freizulassen. Die Schweine haben dann zum Teil die Kühe gefressen … Kabinettssekretär Yukio Edano hat erst am 20. Mai im Parlament gesagt, jetzt werde man alle Tiere töten, die noch in der Zwanzig-Kilometer-Sperrzone sind …, erst am 20. Mai.»

«Und die Hunde und Katzen?»

«Die blieben auch zurück, die Leute konnten sie ja nicht in die Notunterkünfte mitnehmen.»

«Hatten Sie Hunde oder Katzen?» Sato schüttelt verneinend den Kopf.

Nach Schätzungen von Tierschutzorganisationen blieben bis zu 6000 Hunde in den Sperrzonen zurück. Viele verhungerten und verdursteten, weil sie angebunden waren. Andere liefen herum, bildeten Rudel, zum Teil wurden sie eingefangen und in Tierheimen untergebracht.

Tadano und Sato sagen, sie hofften, dass sie zurückkönnen. Die Regierung habe bekannt gegeben, die Sperrzone solle bis 2013 aufgehoben werden. Man müsse unbedingt alles dekontaminieren, sonst seien alle Bauern um ihre Existenz gebracht.

Tepco, die Betreiberfirma des AKWs, hat zugesichert, pro verlorener Kuh eine Entschädigung von umgerechnet 9000 Euro zu zahlen. Ein anständiger Preis, kostet doch eine gute Kuh laut Sato um die 6000 Euro. Mit diesem Geld liesse sich neu beginnen.

«Wenn aber bis 2013 keine klare Entscheidung gefällt wird, ob wir wirklich zurückkönnen, werden wir aufgeben», fügt Sato zögernd an. Er sei jetzt 63, sein Sohn hätte den Hof gerne übernommen. «2013 wäre ich 65 und könnte helfen, den Hof aufzubauen. Das braucht bestimmt zwei Jahre. Wenn es aber länger dauert, bis wir zurückkönnen, kann ich nicht mehr helfen, dann geht das nicht mehr.» Sein Sohn lebt inzwischen in einer anderen Präfektur und hat einen temporären Job angenommen. Die Satos leben in einer kleinen Wohnung in der Stadt Nihonmatsu, zwischen Fukushima und Koriyama. Sie sind schon ein-, zweimal für wenige Stunden zu ihrem Hof gefahren, es dauere aber eine Woche, bis sie die Bewilligung bekämen. Und es zieht sie nichts mehr dorthin: «Im Haus messen wir zwei Mikrosievert pro Stunde. Alles ist kontaminiert, da wollen wir auch nichts mitnehmen.»

Der Staat habe versprochen, bald die toten Kühe aus dem Stall wegzuräumen, sagt Sato. Und dann beginnt er nochmals von den Tieren zu reden, wie schlimm es war, zurückzukommen und die verhungernden Kühe zu sehen. Tränen stehen ihm in den Augen. Es ist der einzige Moment, in dem sich seine Frau ins Gespräch mischt. «Ich habe ihn überredet, die Kühe nicht loszulassen. Drei Tage lang habe ich auf ihn eingeredet. Es war aber richtig», sagt sie bestimmt, aber traurig.

Ihr Mann nickt und lächelt.

Dann fügt er leise hinzu, er finde auch ganz schlimm, dass sie diese absolute Sicherheit propagiert hätten: «Als es dann passierte, gab es keinen Notfallplan, die Bevölkerung wurde nicht vor der Strahlung geschützt, es gab keine Evakuierungspläne, keinen Plan für die Dekontaminierung. Neun Monate nach dem Unfall haben sie noch immer keine Ahnung, wie man mit den geschmolzenen Reaktoren umgehen soll. Sie wissen nicht mehr als im März.» Zehn Tage vor dem Unfall habe es noch eine grosse Katastrophenübung gegeben. Auf allen Ebenen, bis hinauf zum Premierminister, habe man geprobt, was bei einem AKW-Unfall zu tun wäre. «Was hat es gebracht? Nichts, gar nichts», sagt Sato.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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