Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Dreckige Wäsche, saubere Bilder

Von Sonja Wenger

Nur selten werden indische Filme einem grösseren Publikum zugänglich, wenn sie denn für einmal mit den Sehgewohnheiten der zwar unterhaltsamen, aber meist hanebüchenen Bollywood-Geschichten brechen. Umso erfreulicher ist es, dass «Bombay Diaries», der Debütfilm von Regisseurin und Drehbuchautorin Kiran Rao, auch international erfolgreich in den Kinos gelaufen ist. Was «Bombay Diaries» zu einem aussergewöhnlichen Film macht, sind eine feinfühlige Regie, ein grundsolides Drehbuch und die Leistung der DarstellerInnen, von denen viele das erste Mal vor der Kamera stehen. Und eine Geschichte, die hartnäckig im Gedächtnis hängen bleibt.

Der Titel ist Programm: In episodenhaften Schnappschüssen kreuzen sich mehrmals die Lebenswege des Kunstmalers Arun (Aamir Khan), des Wäschers Munna (Prateik Babbar) sowie der Hobbyfotografin Shai (Monica Dogra), die lange in den USA lebte und sich in ihrer Heimat nun eine Auszeit von der Arbeit als Bankerin gönnt. Auf einer Vernissage lernt sie den Maler Arun und später Munna kennen, der für Arun die Wäsche macht.

Munna führt Shai in die eindrückliche Welt von Dhobi Ghat ein, der grössten Wäscherei Bombays unter freiem Himmel. Shai macht mehrere Fototouren durch den grössten Slum der Stadt. Gleichzeitig findet Arun in seiner neuen Wohnung das vergessene Videotagebuch von Yasmin (Kriti Malhotra), einer früheren Bewohnerin, und vergräbt sich fasziniert in deren immer tragischer werdende Lebensgeschichte.

Die eigentliche Hauptdarstellerin von «Bombay Diaries» ist Bombay selbst. Nur selten sieht man auf der Kinoleinwand Aufnahmen, die ein einigermassen unverzerrtes Bild der Millionenstadt zeichnen, ein Bild, das ohne viel Pathos auskommt und gerade in der realistischen Abbildung eine eigene, unverbrauchte Ästhetik findet. Der Film zeigt, wie man sich vom Eskapismus à la Bollywood emanzipieren kann.

Ab 22. März in Deutschschweizer Kinos.

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