Nr. 06/2011 vom 10.02.2011

Hollywood? Klar. Bollywood? Sicher. Aber wo ist Kollywood?

Die Regisseurin und Drehbuchautorin Anna Luif freut sich über den neuen Schweizer Filmchef und hat sich für ihren jüngsten Film «Madly in Love» monatelang in Tempeln und an farbenfrohen Hochzeiten aufgehalten.

Von Jan JirátMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anna Luif: «Ich habe eine Schwäche für tamilische Filme.»

WOZ: Seit vergangener Woche ist bekannt, dass Ivo Kummer neuer Schweizer Filmchef wird. Der langjährige Direktor der Solothurner Filmtage folgt auf den in der Filmbranche unbeliebten Nicolas Bideau. Was erhoffen Sie sich vom neuen Filmchef?
Anna Luif: Ich freue mich sehr über die Wahl von Ivo Kummer. Ich muss sagen, dass ich in meinem Leben nicht viele durch und durch integre Menschen kennengelernt habe. Ivo Kummer ist einer davon. Er redet nicht viel, aber wenn er etwas sagt, hat es Hand und Fuss. Ausserdem schlägt sein Herz für den Film, er kennt alle Schweizer Filme und ihre Macher, und er wird sich für mehr und bessere Dreh­bücher einsetzen.

Kann man also sagen der Schweizer Film steht mit Ivo Kummer an der Spitze vor einer glorreichen Zukunft?
Ob ein Film gut wird, hängt nicht vom Filmchef ab. Aber er kann Rahmenbedingungen schaffen, die es uns Filmemachern ermöglichen, gute und überzeugende Projekte auch realisieren zu können. Und das traue ich Ivo Kummer zu.

Ihr jüngster Film «Madly in Love», der im Frühjahr 2010 im Kino lief, setzt sich mit der tamilischen Gemeinschaft aus Sri Lanka in der Schweiz auseinander. Wie sind Sie auf dieses Thema gestossen?
Ich war nach der Matura als Neunzehnjährige drei Monate in Indien unterwegs. Die dortige Kultur hat mich ebenso fasziniert wie das Spielerische im Hinduismus. Der Hinduismus kennt ähnlich viele und unterschiedliche Götter wie die griechische Mythologie. Dieses spielerische Element fehlt mir im Chris­tentum. Die Auseinandersetzung mit der tamilischen Gemeinschaft in der Schweiz hing sicherlich auch mit meinem Interesse an der hinduistischen Kultur zusammen, der die meis­ten Tamilen angehören. Ausserdem habe ich eine Schwäche für Kollywoodfilme. Die Bildgewaltigkeit, die Überzeichnung des Lebens, die Freude und Emotionalität dieser Filme faszinieren mich.

Der Begriff Bollywood ist bekannt. So wird die Filmindustrie in der indischen Finanzmetropole Bombay genannt. Von Kollywood habe ich noch nie gehört.
Kollywood bezeichnet die tamilische Filmindustrie. Diese ist aber nicht in Bombay oder auf Sri Lanka beheimatet, sondern im süd­indischen Chennai. Die Grossstadt liegt im indischen Gliedstaat Tamil Nadu, in dem vorwiegend Tamilen leben. Im Unterschied zu Bollywoodfilmen, die oft in der städtischen «upper class» angesiedelt sind, geht es in den Kollywoodproduktionen häufiger um das ländliche Leben. Der Schauspieler Rajinikanth, ein kleiner, runder Mann, ist auch für die Tamilen aus Sri Lanka ein absoluter Superstar. Und auch Mani Ratnam – ein sehr renommierter und genialer Regisseur – entstammt der Kollywoodszene.

Wie gelang es Ihnen, den Zugang zur tamilischen Gemeinschaft in der Schweiz zu finden? War das einfach?
Über den in der Schweiz lebenden tamilischen Schriftsteller Arulrasa Nageswaran und den Übersetzer Pirapakaran Thangarajah. Sie stellten den Kontakt her. Gemeinsam mit meiner Ko-Autorin Eva Vitija führte ich unzählige Interviews mit Tamilen aus allen möglichen Altersgruppen und Schichten. Ausserdem haben wir tamilische Feste, Hochzeiten oder Fussballturniere besucht. Die Gemeinschaft war sehr offen. Die meisten haben sich gefreut über das Interesse an ihnen und ihrer Kultur.

Während Ihrer Arbeit an «Madly in Love» spitzte sich die Lage in Sri Lanka immer mehr zu. Das Militär ging zunehmend härter gegen die tamilische Befreiungsorganisation Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) vor und schlug diese schliesslich im Mai 2009 vernichtend. Wie hat die tamilische Gemeinschaft dar­auf reagiert?
Es waren alle völlig entsetzt und deprimiert über die Situation in ihrem Heimatland. Praktisch jeder hatte im Bürgerkrieg nahe Verwandte und Bekannte verloren. Nach dem Tod von Rebellenführer Velupillai Prabhakaran war für die Welt klar, dass die Singhalesen gewonnen hatten – eine schlimme Vorstellung für die Tamilen.

Was hat die Produktion von «Madly in Love» gekostet? Und wie viel Zeit hat sie in Anspruch genommen?
Sie kostete insgesamt 2,8 Millionen Schweizer Franken – die Produktion lag für Schweizer Verhältnisse im höheren, mittleren Bereich. Von der ersten Idee zu «Madly in Love» bis zur Fertigstellung sind fünf Jahre vergangen. Ein Grossteil fürs Drehbuchschreiben und die anschliessende Finanzierung des Films, die sehr mühselig war. Die Drehvorbereitungen, die das Casting oder auch die Auswahl der Kostüme, der Locations und der Musik umfassen, nahmen weitere fünf Monate in Anspruch, während die Drehtage sich auf einen knappen Monat beschränkten. Schneiden und Nachdrehen kosteten weitere drei bis vier ­Monate.

Hand aufs Herz, vom Filmemachen allein können Sie nicht leben?
Nein. Ich bin extrem froh, dass ich als ­Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste arbeiten kann. Ich unterrichte dort mit grossem Spass im Herbstsemester im Bereich Film und Fotografie zusammen mit Michel van Grondel am Gestalterischen Propädeutikum.

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