Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Irrrtum (falsch geschrieben)

Kann ein korrekter Irrtum richtig sein? Gibt es richtige Aussagen in einem falschen Text? Aussagen über den Irrtum an sich.

Von Stephan Müller

Ein früh verstorbener Freund von mir stellte einst die Frage (er war damals schon schwer krank): «Was ist ein Irrrtum?» Seine eigene Antwort: «Ein Irrtum.»

Das lässt mich nachdenken. Da irrt sich zunächst also jemand in der Anzahl der «r», und dies genau beim Wort «Irrtum». Ein Formfehler bei einem Wort, welches den Fehler, den Irrtum als Inhalt hat. Kann man sich irren beim «Irren»?

Ein Mathematiker wird sagen, dass die Gleichung «Irrrtum=Irrtum» falsch ist, weil auf beiden Seiten nicht dasselbe steht. Bei «Irrrtum» liegt ein Irrtum vor, das ist richtig, doch ist ein «Irrtum» stets ein «Irrrtum»? Wohl kaum.

Der Freund hatte Krebs. Er liess die Frage und Antwort über den «Irrrtum» von Freunden aufschreiben, da er schon bettlägerig war, unter Morphiumeinfluss. Das gibt dem Entstehen des Gedankens eine weitere Ebene. Ein Vergleich im Rausch? Oder eine scharfsinnige Analyse der Krebssituation, indem die Krebszellen den «Irrrtum» darstellen, das dritte «r» produzieren, womit der «Irrtum» mit dieser Wucherung tödlich falsch wurde? Dann aber wäre der Mensch als Basis ohne diese Wucherung immer noch ein «Irrtum» …

Gehen wir von dieser existenziellen Ebene weg auf eine poetisch-politische. Da leuchtet die «lichtung», ein Gedicht von Ernst Jandl, auf: «lichtung // manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum». Da liegt keine Verdreifachung des «r» vor, sondern das «r» wird überall zum «l», und das «l» wird überall zum «r». So sind wir auf einer «Lichtung» und haben keine «Richtung», aus «links» wird «rinks», aus «rechts» wird «lechts». Lässt sich so der Graben zwischen links und rechts, zwischen rechter und linker Gehirnhälfte überwinden? Im Formalen, im Sprachlichen? Gar im Politischen? Nach dem vorgängigen «Irrrtum» haben wir also nun den «Illtum» vor uns, beide scheinen ähnlich aufgebaute sprachliche «Irrtümer» zu sein.

Es gibt den Spruch: «Der Kapitalismus hat keine Fehler, er ist der Fehler.» Das hiesse, dass sich beim Kapitalismus keine Fehler korrigieren lassen, sondern der Kapitalismus nur als Ganzes überwunden werden kann. Was sicher ist: Heute sehen auch viele einst Neoliberale den «endgültigen Sieg» des Kapitalismus nicht mehr so euphorisch wie früher. Auch «Das Ende der Geschichte» scheint ein Irrtum zu sein.

Der ostdeutsche Schriftsteller Heiner Müller (1929–1995) sagte dazu einst sinngemäss: Vor 1933 sei gesagt worden, die Welt sei so, wie sie ist, und sie werde so bleiben. Und es war nicht so. Das Tausendjährige Reich begann, und dieses war nach zwölf Jahren am Ende. Auch die neu gegründete klassenlose Gesellschaft im Osten hätte ewig dauern sollen. Gut vierzig Jahre später war auch sie Makulatur. Nun sage man ihm, der Kapitalismus habe endgültig gesiegt. Das solle er glauben?

Offenbar hat, wer einen oder mehrere Systembrüche erlebt hat, gelernt, zumindest in zwei Systemen zu denken und zu handeln. Möglicherweise hat die starke Hoffnung, welche die Öffentlichkeit auf den neuen deutschen Bundespräsidenten, Joachim Gauck, setzt, damit zu tun, dass erwartet wird, er erkenne nach den Irrtümern der DDR nun auch frühzeitig die Irrtümer unserer Gesellschaft.

Die Frage dürfen wir stellen: Haben wir, die wir im Westen aufgewachsen sind, überhaupt noch die Flexibilität, das andere Mögliche zu denken oder zu erstreben? Vielleicht hat der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht es in seinem Roman «Imperium» auf seine Art und Weise versucht – und prompt wurde er von einem deutschen Nachrichtenmagazin als «Türsteher rechter Gedanken» beschimpft. Er verherrliche autoritäre Regimes und habe zwielichtige Freunde, wird ihm unterstellt. BerufskollegInnen von Kracht hingegen werfen dem Nachrichtenmagazin vor, es schreibe Zitate von Figuren seiner Bücher umstandslos persönlich dem Schriftsteller Kracht zu. Eine Verwechslung, alles ein Irrtum?

Wie können wir in der Sprache Irrtümer erkennen? Wie können wir durch Sprache Irrtümer erkennen? Wie können wir die Irrtümer benennen?

Oder ist dieser Text selbst ein Irrtum?

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch