Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

«Werch ein illtum!»

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Woher kommt es eigentlich, dass viele Menschen so gern in Hierarchien funktionieren? Die einfache Antwort aus den Neurowissenschaften lautet: weil unser Gehirn hierarchisch strukturiert ist und unser Verhalten entsprechend steuert. Nun ist das menschliche Gehirn mit seinen rund 86 Milliarden Nervenzellen ja eine recht komplexe Angelegenheit. NeuroforscherInnen weichen deshalb lieber auf einfacher gestrickte Modellorganismen aus, um die Funktionsweisen neuronaler Schaltkreise zu untersuchen und die eingangs aufgestellte Behauptung zu stützen.

Zum Beispiel auf C. elegans. Der Wurm besitzt gerade mal 302 Neuronen, deren Aktivität sich in Echtzeit überwachen lässt. Genau das hat ein Wiener Forschungsteam jüngst gemacht. Dabei ist es – kann es Zufall sein? – auf ein rigides hierarchisches System gestossen: Komplexere Verhaltensweisen (im Fall von C. elegans: vorwärts- respektive rückwärtskriechen) sind in einem übergeordneten, umfassenden Schaltkreis organisiert, einfachere (Kopfbewegungen etwa) in kleinen, schnellen Schaltkreisen, die aus wenigen multifunktionalen Neuronen bestehen und der Kontrolle des übergeordneten Schaltkreises unterliegen. Das kennt die Neurobiologie auch vom Stichling: Auf dem obersten Hierarchielevel dieses Fisches rangiert der reproduktive Instinkt. Alles andere wie Nestbau oder Verteidigung wird diesem Fortpflanzungstrieb unterworfen.

Nun ist es ja ein ziemlicher Schritt vom Wurm (oder Fisch) zum Homo sapiens. Was den Wiener Neurowissenschaftler und Studienleiter Manuel Zimmer indes nicht daran hindert, die entdeckten Funktionsprinzipien auf den Menschen zu übertragen: «Die menschliche Sprache ist ebenfalls hierarchisch organisiert», weshalb «dieselben Prinzipien die Spracherzeugung und das Sprachverständnis im menschlichen Gehirn regeln» könnten.

Da fällt uns doch spontan ein anderer Wiener ein, der da sagte: «manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / werch ein illtum!»

Was bevorzugen Sie: «Laut und Luise» von Ernst Jandl oder Neuronen? (direkter Download des Forschungspapiers «Nested Neuronal Dynamics Orchestrate a Behavioral Hierarchy across Timescales»)

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