Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Am «Tschinggentisch» in der Schule, unterm Maulbeerbaum auf dem Feld

Der eine wächst als italienisches Kind in der Schweiz der frühen siebziger Jahre auf, der andere begibt sich als Enkel italienischer EinwanderInnen auf Spurensuche in Südkalabrien: Vincenzo Todisco und Patric Marino erzählen die italienische Migration in die Schweiz aus zwei verschiedenen Perspektiven.

Von Angelo Maiolino

Was für eine Ausgangslage! Rocco und Marittimo werden im gleichen Zug geboren – während der Fahrt von Italien in die Schweiz. Inmitten unzähliger Arme, die durch die schweissgetränkte Luft mit Weinflaschen, Broten und Wurstwaren hantieren, werden sie unter Küssen und Liebkosungen von einem Abteil zum andern gereicht – und wie durch eine bizarre Laune des Schicksals vertauscht: Marittimo, die Hauptfigur, verschlägt es in die Bündner Berge, wo sein «Vater» eine Stelle als Kellner in einem Engadiner Grandhotel findet; Rocco verliert sich in den Niederungen der zürcherischen Agglomerationen und taucht erst in der zweiten Hälfte des Romans wieder auf, wo er als Pflege- und Verdingkind in einem Engadiner Dorf landet – und wieder auf Marittimo trifft. Es ist die Geschichte einer Migration aus der horizontalen Welt Süditaliens in die vertikale Welt der Schweizer Alpen, die Vincenzo Todisco in seinem neuen Roman, «Rocco und Marittimo», erzählt – und zugleich eine Schau in das Innenleben von MigrantInnen.

Suche voller Hindernisse

In der horizontalen Welt, wo das Meer die Seelen der Menschen einnimmt und ihre sehnsuchtsvollen Blicke in die flache Ferne schweifen lässt, bleiben Erinnerungen, Menschen und Gerüche zurück. Durch Erzählungen und mediterran duftende Speisen werden sie von Marittimos Familie in der Fremde wieder heraufbeschworen. Hier, zwischen den hohen Bergmauern und den Barrieren der angetroffenen Mentalitäten, sucht Marittimo seinen Platz im Leben.

Es ist eine Suche voller Hindernisse und Schikanen im italienerfeindlichen Klima der Schweiz der sechziger und frühen siebziger Jahre, die Todisco – 1964 als Sohn italienischer EinwanderInnen in Stans geboren – beschreibt. In der Schule wirft der «Herrlehrer» Marittimo seine Herkunft vor. Auf dem Schulweg verfolgen ihn die misstrauischen Blicke vieler DorfbewohnerInnen, die im Rausch der sich anbahnenden Schwarzenbach-Initiative nicht einen Jungen voller Sehnsüchte und Fragen, sondern einen weiteren «Tschingg» sehen wollen. Auch das Klassenzimmer wartet mit einer diskriminierenden Sitzordnung auf ihn: Mit den anderen italienischen Kindern muss Marittimo am «Tschinggentisch» Platz nehmen. Metaphorisch zeigt dieser Tisch die Stellung an, die vielen ItalienerInnen in der schweizerischen Gesellschaft zugewiesen wurde. Durch solche symbolhafte Elemente gelingt es Todisco, die LeserInnen in die innere Gefühlswelt der Romanfiguren zu lotsen.

Diese verborgene Erzählung macht auch den literarischen Wert des Romans aus. Indem sie zwischen den Zeilen zum Vorschein kommt, lässt sie die LeserInnen zwischen zwei Wahrnehmungsebenen oszillieren, die unlösbar miteinander verflochten sind. Die Charakterisierung der Figuren und die Beschreibung ihrer Handlungen verlieren und finden sich wieder in der Ausmalung ihrer Gedanken, Hoffnungen und Ängste. Exemplarisch zeigt sich das an jener Stelle, wo Marittimo seinen geliebten Onkel Leopardo fragt, weshalb die Schweizer die Italiener «Tschinggen» nennen würden. «Um uns an unseren Stolz zu erinnern», die so rätselhafte wie eloquente Antwort des Onkels.

Während der sensible Marittimo mit seiner Umgebung hadert, durchlebt Rocco eine ganz andere Biografie. Als verstecktes Kind sammelt er in sich all die Frustrationen, unerfüllten Wünsche und Aggressionen jener, die ein verkapptes Leben im Schatten des Alltags fristen. Seine unzähligen Schlägereien sind das Symptom einer Hilflosigkeit, die nur noch mit Fäusten Ausdruck findet.

Mit dieser Geschichte zweier Jugendlicher, die vom Schicksal wieder zusammengeführt und mit einem unzertrennlichen Freundschaftsband aneinandergebunden werden, ist es Todisco gelungen, das Thema der Migration mit den konkreten Erfahrungen ihrer Protagonisten zu verbinden. Schade nur, dass Roccos Geschichte so wenig Platz findet. Gerne hätte man mehr über seinen Werdegang in der Schweiz erfahren.

Düfte aus vergangenen Zeiten

Einen anderen Zugang zum Thema bietet «Nonno spricht», der Erstling des 23-jährigen Patric Marino. Die Erzählung spielt hier nicht in den siebziger Jahren, sondern mitten in unserer Gegenwart. Und die Reise geht nicht in den Norden, sondern zurück in den Süden. In einer losen Abfolge schildert der Ich-Erzähler seine Erlebnisse in einem kalabrischen Küstendorf, wo er mit seinen Grosseltern die Sommerferien verbringt. Die tagebuchähnlichen Berichte über die Stranderlebnisse, den Einkauf am Markt, Besuche bei Verwandten oder die Zubereitung der Speisen lassen uns in die sommerliche Welt Süditaliens eintauchen.

Die Streifzüge mit dem Grossvater durch das Dorf und die Landschaft führen den Ich-Erzähler an Orte, die durch die Erinnerungen des Grossvaters neue Gestalt annehmen. Die Bar am Dorfplatz, ein Maulbeerbaum auf dem Feld, der Friedhof am Hang, die alte Weide, auf der nun ein Inder die Schafe hütet, oder die Käserei, in der eine Albanerin als Hilfskraft die Molke abschöpft, werden vom Grossvater in Erzählungen verwoben, die eine vergangene Welt heraufbeschwören. Im Koordinatensystem der Grosseltern spendet diese erinnerte Welt Halt und Sinn und eröffnet dem Enkel eine neue Sicht auf das heutige Kalabrien. Wie ein Echo aus vergangenen Zeiten hallen die Erzählungen des Grossvaters in die Gegenwart hinein, prallen an der Realität Süditaliens mit den unfertig belassenen Strassen ab, an den Bauruinen und dem täglichen Kampf ums Überleben – und vermischen sich mit den Farben der Fruchtbäume, den Düften der Speisen und der Tiefe des Meeres.

Vor allem die Küche erweist sich als jener symbolische Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart, das Leben im Ausland und die wiedergefundene und doch auch unbekannte Herkunft zusammenkommen. Die fast schon heilige Bedeutung der Nahrungsmittel strukturiert nicht nur die Architektur der Erzählung, sondern auch das Bewusstsein ihrer ProtagonistInnen: Die Sorgfalt, mit der die Grossmutter die Speisen zubereitet, und die Erzählungen, die der Grossvater um diese spinnt, erscheinen wie die Koordinaten einer Vergangenheit, die in der Gegenwart Orientierung gibt.

Beide Bücher kreisen um die Themen Migration und Fremdheit und eröffnen die Sicht auf das Innenleben ihrer Akteure. Todiscos Roman besticht mit einer einfühlsamen Sprache, die den Figuren eine wahrnehmbare Seele einhaucht. Maja Pflugs brillante Übersetzung bringt dies auch in der deutschen Fassung zum Ausdruck. Demgegenüber blitzt in Marinos Erzählung die innere Gefühlswelt der Figuren nur selten durch die bildstarke und süffige Schilderung der Sommererlebnisse. Das macht die Lektüre zwar durchaus unterhaltsam – gleichwohl vermag sie keine allzu grossen Spuren zu hinterlassen.

Buchvernissage von «Nonno spricht» in: Bern, 
Café Kairo, Donnerstag 29. März 2012, 19.30 Uhr. Mit Musik von Larsen Genovese (Violine) und Urs Nydegger (Akkordeon).

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