Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Wahrhaft linke Kommunalpolitik

Umverteilung von oben nach unten, eine massive Besteuerung des Reichtums, ein Ausbau des Sozialstaats – all das, was die Linke in der heutigen Krise fordert, wurde im letzten Jahrhundert schon einmal verwirklicht. Und das durchaus mit grossem Erfolg.

Von Pit Wuhrer

Man kann die ganze Geschichte auch in wenigen Worten zusammenfassen. Etwa in denen von Fritz Probst, der heute noch davon schwärmt, wie weit die Reformpolitik damals ging, wie bedeutend die Errungenschaften waren und wie gross der Zusammenhalt gewesen sei. Probst, Jahrgang 1916, Arbeiterkind, engagierter Sozialdemokrat, antifaschistischer Widerstandskämpfer und Kommunist, war in einer armen Familie aufgewachsen. «Meine Mutter brachte während des Ersten Weltkriegs drei Kinder auf die Welt», erzählt er, «doch nach dem Krieg folgte die Scheidung, und so lebten wir bei der Grossmutter in einer kleinen Wohnung über einem Stall.» Dann aber sei die gesamte Wohnung samt Möbeln in den Stall gestürzt – «und wir bekamen von der Gemeinde Wien eine neue Wohnung zugewiesen.» Ein Zimmer, eine Küche, ein kleines Kabinett – und sogar eine Innentoilette. «Und als später meine Mutter noch ein viertes Kind gebar, erhielten wir eine grössere Wohnung.» Das sei schon toll gewesen.

Und so wuchs der kleine Fritz Probst im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten auf, in einem nach Jean Jaurès – dem französischen Sozialisten – benannten Gemeindebau. Dort wurde er auch politisiert, von «sehr aktiven und gut organisierten sozialdemokratischen Funktionären, die damals noch von Tür zu Tür gegangen sind.» Fritz trat im Alter von zehn Jahren den Roten Falken bei, verfolgte aufmerksam die Ausführungen seines Gruppenführers, der sich besonders für die Ärmsten der Armen einsetzte, wechselte später zur Sozialistischen Jugend, wurde mit fünfzehn einer der jüngsten Leiter einer Roten-Falken-Gruppe in Wien – und war 1934 bereit, das vielleicht bemerkenswerteste europäische Reformprojekt in den Zwischenkriegsjahren mit der Waffe zu verteidigen. «Die Solidarität, die ich damals erlebte, hat mein ganzes Leben geprägt», sagt Probst heute.

Aber eine solch knappe, von Reminiszenzen charakterisierte Zusammenfassung würde dem ausserordentlichen Experiment des Roten Wiens dann doch nicht gerecht. Denn Wiens SozialdemokratInnen hatten in den Jahren von 1919 bis 1934 etwas versucht, das danach in Europa nie wieder ausprobiert wurde: Sie verknüpften auf Basis einer marxistischen Analyse ihre revolutionäre Zielsetzung mit einer radikalen Reformpolitik, sie kämpften mit Verve und grossem Einfallsreichtum für die Interessen der lohnabhängigen Massen, sie entwickelten neue Ansätze zur Durchsetzung einer proletarischen Hegemonie und erbrachten vor allem auf dem Gebiet des Wohnungsbaus, des Bildungswesens und der Sozialfürsorge Leistungen, die bis heute fortwirken. Holen wir also ein bisschen aus.

Armut und Eigenständigkeit

Wien 1918. Die Donaumonarchie hatte den Ersten Weltkrieg verloren, weite Teile des Habsburgerreichs waren unabhängig geworden, und im November brachte eine bürgerlich-demokratische Revolution weitreichende verfassungs- und sozialrechtliche Änderungen: In der Folgezeit wurden das allgemeine Wahlrecht eingeführt, Arbeiterschutzgesetze wie die Arbeitslosenversicherung und der Achtstundentag festgeschrieben, Betriebsräte und Ferienansprüche rechtlich verankert. Doch das Proletariat der Zweimillionenmetropole hungerte, Steckrüben waren Volksnahrungsmittel, Tuberkulose – auch «Wiener Krankheit» genannt – grassierte wegen der verheerenden hygienischen Zustände, Zigtausende von Kriegsflüchtlingen strömten in die Hauptstadt, die Wohnungsnot war horrend, und die Wirtschaft der Industriestadt (der die alten Märkte weggebrochen waren) steckte in einer tiefen Krise. In dieser Situation gewann die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) im Mai 1919 mit über 54 Prozent der Stimmen die Kommunalwahl in Wien: Zum ersten Mal in der Geschichte hatte die Linke eine Millionenstadt erobert.

«Die Situation war für die Linke günstig, das Bürgertum steckte in der Defensive und hatte Angst», sagt der Historiker Andreas Weigl vom Wiener Stadt- und Landesarchiv. Die Oktoberrevolution in Russland, die Münchner Räterepublik im Westen, die Ungarische Räterepublik im Osten, all das habe einen Wechsel in der Politik erlaubt – anfangs auf Republikebene, später vor allem in Wien. «Und es traten schon früh die ersten Sozialreformer auf» – Leute wie der Gewerkschafter Ferdinand Hanusch, der als Staatssekretär die Nachtarbeit für Frauen und Kinder verbot, wie der Arzt Julius Tandler, der die Sozialfürsorge reformierte, wie die Referatsleiterin für Frauenarbeit, Käthe Leichter, oder wie der Bildungspolitiker Otto Glöckel, der das Schulwesen umkrempelte.

All das war nicht sonderlich spektakulär, schliesslich kam es nach dem Ersten Weltkrieg auch in anderen europäischen Staaten zu vergleichbaren Reformen. Dass in Wien aber etwas viel Grösseres entstehen konnte, nämlich ein in Ansätzen revolutionäres Gesamtkonzept, hatte mit einer eher verwaltungstechnischen Entscheidung zu tun. Nach der Ausrufung der Republik war die Hauptstadt dem neuen Bundesland Niederösterreich zugeschlagen worden. Dank der vornehmlich links votierenden Stadtbevölkerung gab es im österreichischen Kernland mit rund 3 der insgesamt 6,5 Millionen EinwohnerInnen Österreichs zwar eine knappe rote Mehrheit – aber diese politische Pattsituation gefiel weder der ab Ende 1920 christlich-sozial dominierten Bundesregierung noch den Wiener SDAP-Strategen: Den Rechten passte es nicht, weil sie «Angst vor einer roten Herrschaft» (Weigl) auch in den von ihr kontrollierten konservativ-ländlichen Regionen hatten; und die Linke hätte zu viele Kompromisse eingehen müssen. Und so trennte man das schwarze Niederösterreich von Wien, das seit Anfang 1922 ein eigenständiges Bundesland ist – mit allen Befugnissen.

Breitners Steuerreform

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für das, was danach im Roten Wien folgen sollte, war die Finanz- und Steuerhoheit des neu geschaffenen Bundeslands. «Es konnte zuallererst die hohen Schulden abbauen», sagt Weigl. «Die Binnenschulden verschwanden durch die hohe Nachkriegsinflation und die Auslandsschuld durch einen ‹haircut›», einen Schuldenschnitt also. Weitaus wichtiger war jedoch eine Steuerpolitik, «die uns auch heute nicht schlecht anstehen würde».

Verantwortlich dafür war der ehemalige Bankdirektor Hugo Breitner, der sich ab 1918 für die SDAP, das Gemeinwohl und die Arbeiterklasse engagierte. Und er hatte Prinzipien. «Breitner hat das Steuerwesen völlig neu gestaltet», sagt der Historiker Hans Hautmann. «Als Wiener Finanzstadtrat hat er, wo immer möglich, die in der Monarchie üblichen Verbrauchssteuern durch direkte Steuern mit einer starken Progression ersetzt. Und er hat nie Kredite aufgenommen, sondern die Ausgaben für öffentliche Einrichtungen stets mit Steuermitteln finanziert.» Breitner, sagt der emeritierte Geschichtsprofessor Hautmann, sei halt «keine alltägliche Persönlichkeit» gewesen. So habe er etwa die Reingewinne der städtischen Verkehrs- und Versorgungsbetriebe (Gas, Strom, Wasser) stets den NutzerInnen zukommen lassen oder damit Sozialprojekte finanziert: «Noch nie waren die Tarife so niedrig.»

Vor allem aber führte Breitner neue Steuern ein, «die zeigen, was man auch heute so alles machen könnte» (Hautmann). Er erliess eine Lustbarkeitsabgabe für Theater- und Bordellbesuche, Varieté- und Zirkusvorstellungen, Opernaufführungen, Boxkämpfe und Pferderennen. Er verhängte eine Genussmittelsteuer für teure Restaurants, Hotels der gehobenen Klasse, Konditoreien und Kaffeehäuser. Er besteuerte Kraftwagen, Hunde, Pferde und Haushalte, die mehr als zwei Haushaltshilfen beschäftigten.

Politisch wichtiger als diese Luxussteuern, die etwa dreissig Prozent des gesamten Steueraufkommens der Gemeinde Wien ausmachten, waren jedoch Breitners Grunderwerbssteuer und die Wohnbausteuer. Mit der Grunderwerbssteuer, die progressiv gestaffelt war und umso höher ausfiel, je schneller ein Grundstück weiterverkauft wurde, unterband er die Bodenspekulation. Und mit der Wohnbausteuer – die die einfachen Leute kaum belastete, die Reichen hingegen zur Kasse bat – finanzierte das Rote Wien das grösste kommunale Wohnbauprojekt Europas. Die 500 000  billigsten Wohnungen und Geschäfte, sagt Hautmann, trugen 22 Prozent zum Gesamtaufkommen in Höhe von durchschnittlich 36 Millionen Schilling bei, die 3500 teuersten Projekte hingegen 44 Prozent.

Die Arbeiterklasse befreien

«Unbeirrt von all dem Geschrei der steuerscheuen besitzenden Klassen holen wir uns das zur Erfüllung der vielfachen Gemeindeausgaben notwendige Geld dort, wo es sich wirklich befindet», hatte Breitner einmal sein Konzept umschrieben – und damit den Austromarxismus auf den Punkt gebracht. Die austromarxistische Linie der SDAP war ab 1904 von Max Adler und Rudolf Hilferding entwickelt und später vor allem von Otto Bauer präzisiert worden. Im Unterschied zum «despotischen Sozialismus» der Bolschewiki sollte der Übergang zum Sozialismus demokratisch und friedlich erfolgen («nicht die Köpfe einschlagen, die Köpfe gewinnen», schrieb Otto Bauer 1923); eine Revolution sei keine einmalige Umwälzung, sondern ein langer Prozess, bei dem es darauf ankomme, «dass die kleinbürgerlichen-kleinbäuerlichen Massen des arbeitenden Volks unter die geistige Führung der Partei der Arbeiterklasse gelangen» (Bauer 1924). Es komme also auf die «Hegemonie der Arbeiterklasse» an.

Diese Hegemonie fand ihren sichtbaren Ausdruck in den 382 Gemeindebauten, die ab 1922 mit den Breitner-Steuern gebaut wurden und die heute noch das Rückgrat der Wiener Wohnungspolitik bilden. Voraussetzung für den dritten Weg, den die AustromarxistInnen einschlugen, und für das Konzept der Hegemonie war freilich eine gut ausgebildete, emanzipierte, selbstbewusste Arbeiterklasse, die selbstbestimmt den revolutionären Prozess vorantreiben konnte. Und frei von drückender Armut war. Folglich beschränkte sich das Rote Wien nicht auf den Wohnungsbau – obwohl der schon eindrücklich war.

Die Wohnverhältnisse Anfang der zwanziger Jahre müsse man sich so vorstellen, sagt Reinhold Eckhardt, Leiter des kleinen Anton-Brenner-Museums: «Im ersten Stock und zur Strasse hin lagen in der Regel die Wohnungen der Gutbetuchten. Je weiter man nach hinten ging, desto kleiner und dunkler waren sie, und die Innenhöfe trockneten auch im Sommer nicht aus.» Die Wohnungen seien im Durchschnitt 20 bis 25 Quadratmeter gross gewesen, mit bis zu zwanzig BewohnerInnen, die Schichtarbeiter, denen man tagsüber das Bett überliess, mitgerechnet. Oft mussten sich vier Wohnungen eine Toilette teilen, und meist war die Bassena, ein Waschbecken auf dem Gang, die einzige Wasserstelle. Die hygienischen Verhältnisse seien katastrophal gewesen, sagt Eckhardt, «aber der Hausbesitzer hat gut verdient».

«Bis Ende des 19. Jahrhunderts sind in Wien keine Wohnungen für Arbeiter entstanden», erläutert Christa Veigl vom Architekturzentrum Wien, die auch Stadtführungen organisiert; «die Architekten mussten erst lernen, Arbeiterwohnungen zu bauen». Das habe sich erst ab 1919 geändert, als eine Diskussion über die Bauformen der Zukunft entbrandete: Soll man den Geschosswohnungsbau bevorzugen? Oder Siedlungen errichten? Der massive Bautypus setzte sich aus mehreren Gründen durch: Er verbrauchte weniger Baugrund (den die Gemeinde ja nach und nach hinzukaufen musste), er war billiger, die Wohnblocks konnten in Innenstadtnähe errichtet werden und nicht – wie etwa die Werkbundsiedlung – an der Peripherie. Und ausserdem waren in Wien Einzelwohnungshäuser nicht gebräuchlich: «Alle, ob Bürger oder Arbeiter, wohnten auf Miete», sagt Veigl.

So kam es, dass von den 65 000  Wohneinheiten, die im Roten Wien entstanden, rund 50 000  im Geschosswohnungsbau hochgezogen wurden. Und noch einen Vorteil hatte der Massivbau, wie an der «Ringstrasse des Proletariats» gut zu sehen ist. An diesem Abschnitt des Margaretengürtels stehen der Julius-Popp-Hof (402 Wohnungen), der Herweghhof (220), der Matteottihof (452), der Metzleinstaler Hof (244) und der nach dem ersten sozialdemokratischen Bürgermeister benannte Reumannhof (478) dicht nebeneinander. Und zwischen ihnen, manchmal in eingeschossigen Bauten, mitunter in den Erdgeschossen, befanden sich all die Einrichtungen, die den Wiener Gemeindebau so vorbildlich gemacht haben: die Arztpraxen und Kindergärten, die Bibliotheken und Waschhäuser, die Wannen- und Tröpferlbäder und die Läden der genossenschaftlichen Consumvereine. Da und dort hatte die Gemeinde sogar Gruben für Kinderfreibäder ausheben lassen.

Die Arbeiterkultur

Es sind teilweise Städte in der Stadt, entworfen von rund 200 Architekten und 2 Architektinnen, darunter Margarete Schütte-Lihotzky, die sich – wie Anton Brenner – auch mit der Ausstattung der Wohnungen beschäftigte und Brenners Konzept der Einbauküche weiterentwickelte. Aber kein Bau ist so gewaltig wie die Zitadelle des Karl-Marx-Hofs mit seinen ursprünglich 1382 Wohnungen und etwa 5000 BewohnerInnen, seinen sechs Türmen und vier Toren. Das Wahrzeichen der Wiener Gemeindebauten symbolisiert bis heute die Kraft, die das Rote Wien entfaltete, und den hegemonialen Anspruch der Arbeiterklasse. Durch die Tore des einen Kilometer langen Baus seien die Massen geströmt, wenn sie vom Bahnhof Heiligenstadt zur Hohen Warte, dem damals grössten Fussballstadion der Stadt, marschierten, sagt Werner Bauer. Er leitet mit seiner Frau Lilli Bauer den «Waschsalon», eine Dauerausstellung über die Geschichte des Roten Wiens.

Anfangs, erzählt Bauer, sei der Karl-Marx-Hof nicht als reiner Arbeiterbau konzipiert gewesen, «auch Intellektuelle, Künstler und Sportler lebten hier». Hugo Meisl zum Beispiel, der «Wundertrainer» der österreichischen Fussballnationalmannschaft. Der Bildstatistiker Otto Neurath, der als Erfinder des Piktogramms gilt. Oder Marie Jahoda und Paul Lazarsfeld, die 1933 ihre bahnbrechende soziologische Studie «Die Arbeitslosen von Marienthal» publizierten. Denn hier gab es alles, was man brauchte: Kindergärten, Wäschereien, Bäder, eine Mütterberatungsstelle, eine Zahnklinik, ein Postamt, einen Sportplatz, Kaffeehäuser, Geschäfte, Versammlungsräume.

Auch die Kultur und das Vereinsleben seien wichtig gewesen, sagt Lilli Bauer – man wollte ja eine stolze, eine respektable Arbeiterschaft heranbilden. Und so entstanden in ganz Wien Arbeiterbüchereien, die von ehrenamtlichen BibliothekarInnen verwaltet wurden. Es gab Sportverbände, Vereine wie «Die Flamme» (der sich im katholischen Österreich für die Feuerbestattung starkmachte), die NaturfreundInnen und die Kinderfreunde des grossen Journalisten Max Winter, Arbeitersymphoniekonzerte, den Arbeitersängerbund, die ArbeiteraquarianerInnen, den Arbeiterradiobund Arabö. Und dann natürlich die vielen Feste, allen voran am 1. Mai, an dem 400 000  aus den Arbeitervierteln Floridsdorf, Ottakring, Simmering, Margareten oder Favoriten zum Rathausplatz zogen.

So manches – wie etwa die alkoholfreien Arbeiterheime – wurde von oben herab initiiert, nach dem Motto: Wir wissen, was gut für euch ist. Ein bisschen paternalistisch sei das schon gewesen, sagt Lilli Bauer. «Aber es gab keinen Masterplan», vieles habe sich einfach so entwickelt: «Man hat keine Vorschriften gemacht, sondern Angebote bereitgestellt.» Wie die Säuglingswäschepakete, die Sozialarbeiterinnen verteilten, damit die Babys nicht mehr in Zeitungspapier gewickelt werden mussten. Wie die Beratungsstelle für Inneneinrichtung, deren Leiter Josef Frank später nach Stockholm emigrierte und den schwedischen Wohnstil massgeblich prägte. Allerdings scheiterten auch manche Ansätze, wie Maria Steiner, die Archivarin im Vorwärtshaus, weiss. Anfangs habe es Überlegungen gegeben, Zentralküchen einzurichten, «um die Frauen von der schrecklichen Hausarbeit zu entlasten». Doch dieser Plan wurde wieder aufgegeben – dafür sei die Sozialdemokratie, die Führung wie die Basis, letztlich doch zu kleinbürgerlich gewesen.

Trotz dieser Erfolge, trotz der enormen Popularität der Wohnungspolitik, der Arbeiterbäder, der zahllosen Bildungseinrichtungen scheiterte aber das Projekt des Roten Wiens. Warum? Es gibt viele Gründe dafür – politisch-ideologische (vgl. «Die Defizite der austromarxistischen Strategie»), machtpolitische und hausgemachte. «Die SDAP wollte ja nicht nur Wien regieren, sondern allen demonstrieren: Wenn wir in Österreich an die Macht kommen, dann werden wir überall das Wiener Modell verfolgen», sagt Hans Hautmann. «Aber Wien blieb eine Insel. Das zeigte sich, als die bürgerlichen Kräfte den Klassenkampf von oben verschärften.»

Zum Krüppel geschlagen

Und der setzte ein, sobald die Bourgeoisie ihre Furcht vor der Revolution verloren hatte. Der Rest von Österreich (über vierzig Prozent der Erwerbstätigen arbeiteten in der Landwirtschaft) blieb tiefschwarz. In Wien regierten christlich-soziale Bundesregierungen, die katholische Kirche verfügte weiterhin über grossen Einfluss, und ab Ende der zwanziger Jahre terrorisierten Verbände der 1920 gegründeten reaktionär-paramilitärischen Heimwehr die BewohnerInnen der Arbeiterquartiere.

Die Angriffe des bürgerlichen Lagers kamen von allen Seiten. Die Bundesregierungen novellierten mehrfach das Abgabengesetz, das die Verteilung der Bundeseinnahmen an die Länder regelte – und hungerten das Bundesland Wien finanziell aus; der Anteil an der Bundessteuer war der zweitwichtigste Budgetposten Wiens. Nach der Novellierung Ende 1930 musste die Gemeinde den kommunalen Wohnbau einstellen. «Begründet wurde die Kürzung mit der Weltwirtschaftskrise», sagt Hautmann, «das ist heute noch genau so.» Gleichzeitig gingen die rechten Schlägertrupps immer aggressiver vor. In einer öffentlichen Rede sagte beispielsweise der faschistische Heimwehrführer (und spätere Sicherheitsminister) Ernst Rüdiger Starhemberg 1930: «Erst wenn der Kopf dieses Asiaten [gemeint war Breitner, der jüdischer Herkunft war] in den Sand rollt, wird der Sieg unser sein.» Und 1933 brüstete sich Heeresminister Carl Vaugoin, man habe «die Sozialdemokratie Glied für Glied zum Krüppel geschlagen».

Die SDAP hätte schon viel früher reagieren müssen und nicht ständig zurückweichen dürfen, sagt Fritz Probst, mit 96 Jahren einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Etwa beim Massaker 1927, als Wiener ArbeiterInnen spontan die Arbeit niederlegten und den Justizpalast stürmten, weil zwei vaterländische Frontkämpfer «durch die Klassenjustiz freigesprochen worden waren, obwohl sie Menschen ermordet hatten». Mindestens 89 ArbeiterInnen starben im Kugelhagel der Bundespolizei. «Das war der Anfang vom Untergang der Ersten Republik.» Und Gegenwehr hätte es auch geben müssen, als die klerikal-faschistische Regierung von Engelbert Dollfuss im März 1933 das Parlament auflöste, den Republikanischen Schutzbund (die sozialdemokratische Antwort auf die Heimwehr) und die Kommunistische Partei verbot und die Diktatur des austrofaschistischen Ständestaats errichtete.

«Wir haben immer wieder gedrängt: Unternehmt doch endlich was!», erinnert sich Probst, «bekamen aber immer dieselben Beschwichtigungen zu hören: Lasst euch nicht provozieren. Die Radikalen warten doch nur auf unsere Gegenwehr. Habt ihr kein Vertrauen?» Als sich dann im Februar 1934 doch noch die ArbeiterInnen wehrten und es zum kurzen Bürgerkrieg kam, in dem das Bundesheer Wiener Gemeindebauten beschoss und mehrere Hundert Menschen tötete, waren die Würfel schon gefallen. Der achtzehn Jahre alte Fritz Probst, der mit GenossInnen und fünf Pistolen damals ein Jugendheim besetzte («statt das Bundeskanzleramt zu stürmen und die Regierung zu verhaften»), trat nach dieser Erfahrung wie fast alle Rote-Falken-FührerInnen dem illegalen Kommunistischen Jugendverband bei; aber illegal war ab diesem Zeitpunkt ja auch die SDAP. Im Herzen aber blieb Probst, der nach 1934 mehrfach inhaftiert wurde, 1938 flüchtete und heute noch als KPÖ-Mitglied seine Stimme erhebt, ein Austromarxist. «Ich bin weiterhin Sozialdemokrat», sagt er, «nicht meine Politik hat sich geändert, sondern die der Partei.»

Die Informationen zu diesem Text wurden im Rahmen der WOZ-Reise «Spaziergänge durchs Rote Wien» im August 2011 zusammengetragen. Kooperationspartner dieser Reise war das Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte; organisiert haben sie Heidrun Aigner, Patricia Hladschick und Herbert Scholz.

Ausführliche Informationen über das Rote Wien bietet die Website www.dasrotewien.at.

Warum die Wiener Sozialdemokratie scheiterte

Die Defizite der austromarxistischen Strategie

«Erbaut von der Gemeinde Wien aus den Mitteln der Wohnbausteuer», dieser Spruch steht in grossen Lettern noch immer an der Fassade vieler Gemeindebauten. Er erinnert die WienerInnen daran, wem sie die billigen Mieten auch heute noch zu verdanken haben. Zumindest in dieser Hinsicht hat das Rote Wien dauerhaft ein Zeichen gesetzt. Man weiss, wer den Fortschritt warum ermöglichte – schon deswegen ist eine Privatisierung der Gemeindewohnungen derzeit völlig undenkbar.

Dass das Rote Wien der zwanziger Jahre dennoch scheiterte, lag auch an der Strategie der damals führenden AustromarxistInnen – und an den Umständen. So hatte die SDAP-Führung nicht nur im reproduktiven Bereich (dem Alltagsleben oder den Wohnverhältnissen) radikale Änderungen angepeilt. Sie plante auch die Vergesellschaftung der Betriebe, die drittelparitätisch von den Belegschaften, den KonsumentInnen und vom Staat kontrolliert werden sollten. Doch dazu kam es nie – weil die Zeit dafür fehlte, weil die rechte Bundesregierung eine Enteignung nie erlaubt hätte und weil die SDAP-Spitze selbst schlussendlich vor einer solch radikalen Umwälzung der Besitzverhältnisse zurückschreckte. Von daher stand das Rote Wien stets auf recht wackligen Beinen – und war von einer Art Doppelherrschaft geprägt: Die ArbeiterInnen, die so selbstbewusst hätten werden sollen, waren nur in der Stadt und bei sich zu Hause wirklich frei.

Dazu kamen, wie Historiker Alfred Georg Frei in seinem Buch «Rotes Wien. Austromarximus und Arbeiterkultur» ausführt, weitere Schwachstellen. Die SDAP-Führung, so Frei, kümmerte sich zu wenig um den Abbau autoritär-patriarchalischer Strukturen, war zu stark auf den staatlich-parlamentarischen Raum fixiert, hat das Potenzial von Basisbewegungen und alternativen Strukturen wie Räte unterschätzt (was damals auch viele Linke kritisierten) und hielt zu lange an ihrem legalistischen Kurs des absoluten Gewaltverzichts fest – ein fataler Fehler, wie sich spätestens zu Beginn der dreissiger Jahre herausstellte. Und als es dann zu den entscheidenden Auseinandersetzungen mit den faschistischen Kräften kam, agierte mit dem Republikanischen Schutzbund eine «Kopie des bürgerlichen Militärs» mit Drill und Hierarchie – eine Miliz abseits der politischen Massenbewegungen, die traditionellen Kampfformen verhaftet blieb und dem Gegner hoffnungslos unterlegen war.

Alfred Georg Frei: «Rotes Wien. Austromarxismus und Arbeiterkultur. Sozialdemokratische Wohnungs- und Kommunalpolitik 1919–1934». DKV-Verlag. Berlin 1984.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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