Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Der lange Schatten eines Attentats

Von Brigitte Matern

Rosario Bentivegna wollte kein Held sein. Als er vor dreieinhalb Jahren im römischen Museo Storico della Liberazione in einem Gespräch von seiner Tat berichtete, war ihm wichtig, dass wir Zuhörenden das ganze Bild sahen. Dass er, der 1922 Geborene, damals nichts anderes als Faschismus kannte. Dass er sich danach aber für Geschichte und (verbotene) Philosophen zu interessieren begann und ihm allmählich die Augen aufgingen.

Als im Oktober 1938 Benito Mussolinis faschistisches Regime die Rassengesetze einführte, kündigte Bentivegna seine Loyalität gegenüber dem Duce auf. Er schloss sich einer linken Untergrundorganisation an, landete im Gefängnis und erlebte schliesslich am 25. Juli 1943 «einen der schönsten Tage meines Lebens»: Mussolini war gestürzt, Freiheit und Demokratie schienen in greifbarer Nähe. Stattdessen aber besetzten die Deutschen Rom. Oppositionelle wurden gejagt, gefoltert, exekutiert und im September 1943 die ersten tausend JüdInnen deportiert. Da war Bentivegna längst wieder im Untergrund aktiv.

Er war es, der am 23. März 1944 – «meiner starken Nerven wegen» – für den Anschlag in der Via Rasella ausgewählt wurde. Die Strasse lag in der Nähe der deutschen Machtzentrale, man wollte die Besatzer ins Mark treffen. In einer Müllkarre transportierte Bentivegna die Bombe zur verabredeten Stelle und zündete sie, als eine SS-Einheit vorbeimarschierte. Das Attentat zog eine unbeschreibliche Vergeltungsaktion nach sich: Für jeden der 33 Toten wurden umgehend zehn ItalienerInnen erschossen und in den Fosse Ardeatine in die Luft gesprengt.

Für Bentivegna war das der schwärzeste Tag seines Lebens. Warum musste gerade er, ein Medizinstudent, Auslöser für ein Massaker dieses Ausmasses sein? Zumal umgehend Unwahrheiten und Verleumdungen kursierten: Die Vergeltungsaktion wäre verhindert worden, wenn sich die Attentäter gestellt hätten (so etwa der katholische «Osservatore Romano»); andere verurteilten das Blutvergiessen als unnötig, da die Allierten doch ohnehin bald einmarschiert wären. Und war es überhaupt ein Attentat – und nicht viel eher ein Kampf unter rivalisierenden linken Gruppen? Wegen solcher Fragen musste sich Bentivegna sein Leben lang rechtfertigen. Zwar erhielt er 1951 als Anerkennung seiner Verdienste um die Befreiung Italiens Medaillen überreicht – aber da interessierte sich schon niemand mehr für die Aufarbeitung der Geschichte. So blieb das Nachkriegsitalien auch in der Interpretation des Attentats in der Via Rasella tief gespalten.

Am 2. April ist der Arzt und Widerstandskämpfer, der später auch im jugoslawischen Partisanenkampf und gegen das griechische Obristenregime aktiv war, im Alter von 89 Jahren gestorben. Für die Linken als Held, für die Rechten als Brudermörder.

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