Nr. 18/2012 vom 03.05.2012

Bekannte, die in einer Grossbank traumhafte Saläre einstreichen, beneiden mich, da ich bereit bin, den Preis des Lebens von der Hand in den Mund zu bezahlen.

Von Johanna Lier (Text) und Lika Nüssli (Illustration)

Bis vor kurzem unterrichtete ich an der Zürcher Hochschule 
für Angewandte Wissenschaften im Departement Architektur. Ich sollte den Studierenden das Schreiben von architektonischen Konzepten beibringen. Die Krux: Die Studierenden befinden sich dermassen unter Leistungsdruck, dass sie in 
ihren Texten mehrheitlich Fachausdrücke aneinanderreihen, um die DozentInnen zu beeindrucken. Diese Texte sind 
syntaktisch und inhaltlich ungeheuer chaotisch – was die 
Studierenden nicht mehr bemerken und die Dozierenden
 anscheinend übersehen.

Nun gestand mir meine durchaus engagierte Arbeitgeberin, sie habe die Anweisung erhalten, nur noch hochschulinterne Leistung einzukaufen. Sie schaute mich verzweifelt an und schüttelte bedauernd den Kopf. Und ich, 
die extern eingekaufte Leistung, versuchte, sie darüber hinwegzutrösten, dass sie gezwungen war, mir trotz guter Leistung das Einkommen für meine monatliche Miete zu streichen. Ich nahm meine Tasche und ging. War ich bis vor kurzem immerhin noch Human Resource, so bin ich heute gerade 
noch ein Leistungsteilchen. Aber auch wenn du eine Leistung mit erbrachter Leistung bist, nützt dir das nur etwas, wenn 
du eine interne Leistung mit erbrachter Leistung bist. 
Wie soll ich da meinen StudentInnen beibringen, dass 
eine Treppe in die obere Etage führt und nicht eine Nutzhohlschicht sein muss, die den modernisierenden Charakter 
des antiken Gebäudes innerhalb des zentralen Hohlraums 
in die Höhe generiert?

«I do wonderful work in a wonderful way, giving a wonderful service for wonderful pay!» (Ich mache wunderbare Arbeit auf eine wunderbare Weise, leiste einen wunderbaren Einsatz für einen wunderbaren Lohn.) Der Satz, den mir 
eine Freundin aus den USA geschickt hat, erscheint vor diesem Hintergrund geradezu zynisch, als Formel für den täglichen Selbstbetrug. Wie wir Sprache missbrauchen können, um Menschen auf Funktionen zu reduzieren und sie ihrer Menschlichkeit, ihrer Gefühle, besonderen Fähigkeiten und Bedürfnisse zu berauben, so können wir Sprache auch gebrauchen, um uns über genau diese Tatsachen hinwegzulügen. Was hiesse, dass ja alles in Ordnung sei und lediglich 
ich als Individuum in diesem besten aller Systeme nicht 
richtig tickte.

Arbeite an dir – es geht nur um deine Selbstregulation!, höre ich den Chor vertrauter Stimmen im Kopf. Oder: Wahrscheinlich bist du nicht fähig, deinen Dienst in der geforderten Weise zu leisten! Und ich zermartere mir das Hirn darüber, auf wie viel verrichtete Arbeit ich nach einer Stunde zurückblicken kann, visualisiere mögliche Resultate, frage mich, ob ich in der Lage bin, Zielvereinbarungen einzuhalten, Lernziele zu erreichen, ob ich über genügend Selbstmotivation und Kommunikationskompetenz verfüge. Lasse also die benötigten Eigenschaften und Verhaltensweisen vor meinem inneren Auge vorüberdefilieren und inspiziere diese meine Soldaten im täglichen Arbeitsbeschaffungs- und -erhaltungskrieg – bereit, jeden Mangel, jede Nachlässigkeit, jede Entgleisung schonungslos blosszulegen und meinen intimen Richtern vorzuführen.

«Denn gerade weil Techniken des Sich-selbst-Regierens aus der Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Ermächtigung entstehen, aus der Gleichzeitigkeit von Zwang und Freiheit, werden die Individuen in dieser paradoxen Bewegung 
nicht nur zu einem Subjekt, sondern zu einem bestimmten modernen, ‹freien› Subjekt», schreibt Isabell Lorey in ihrer Studie zur Selbstprekarisierung von KulturproduzentInnen. Und so verlasse ich beschwingten Schrittes das Departement Architektur, denn ich bin ja auch ein freies, modernes Subjekt.

Und mir kommen alle die anderen Arbeitsverhältnisse 
in den Sinn, in denen ich gerade bin oder auch steckte: 
die Deutschschule, die keine Ferien, keine krankheitsbedingten Abwesenheiten vorsieht und sich das Recht nimmt, den 
Vertrag monatlich zu verlängern – oder auch nicht; die gleiche 
Schule, die von den LehrerInnen, die vierzig Franken die Stunde 
bekommen, erwartet, dass sie in nächtelanger unbezahlter Arbeit interaktive Spiele für den modernen Unterricht basteln. Und es bleibt mir der Satz der Supervisorin im Gedächtnis, die uns im Unterricht begleitet und seitenweise Notizen macht, 
um uns unsere Stärken und Schwächen ins Bewusstsein 
zu führen: «Man unterrichtet aus Leidenschaft und nicht des Geldes wegen.»

Oder ich denke an die Hochschulen, die erst zwei Wochen vor Kursbeginn bekannt geben, ob der Kurs nun stattfindet 
oder nicht – wenn nicht, gibt es auch nichts, und trotzdem muss ich mir die Zeit dafür freihalten und mich darauf einstellen. Damit überhaupt Lohn ausbezahlt werden kann, verbringe ich viele Stunden damit, mich mit der Evaluation diverser Jobs 
und der Bewältigung der Administration zu beschäftigen. 
Die Zeit dafür übertrifft bisweilen die Zeit, die ich unterrichte. Und ich denke an Redaktionen, die sich das Recht herausnehmen, eine Reportage von mir auch mal nicht zu publizieren, wenn die Planung eine unerwartete Wendung nimmt.

«Prekarität hat bei dem, der sie erleidet, tiefgreifende Auswirkungen», schrieb der französische Soziologe Pierre Bourdieu: «Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allem jenes Mindestmass an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist.» Damit traf Bourdieu sehr genau 
ein Gefühl, das so weit verdrängt werden muss, wie die tatsächliche Lebenssituation konkrete Massnahmen und 
(ganz im Sinne herrschender Ideologie) Eigenverantwortlichkeit abverlangt: Ich gehe in mich! Mache eine Weiterbildung! Und lass mich bei McDonald’s einstellen!

Doch will ich nicht klagen. Es geht mir gut. Sehr gut sogar, wenn ich meine Situation vergleiche mit jener meiner Bekannten in Teheran, Buenos Aires, Tel Aviv oder Beirut … oder nur mit jener der Kassiererin in der Migros um die 
Ecke. Sogar Bekannte, die in einer Grossbank traumhafte 
Saläre einstreichen, beneiden mich um mein Leben, da ich 
tue, was ich will, aus Leidenschaft arbeite und bereit bin, 
den Preis des Lebens von der Hand in den Mund zu bezahlen – wenn sie sich auch nicht vorstellen können, wie so etwas funktionieren soll.

Ja. Ich bin ein freies, modernes Subjekt. Denn meine Prekarisierung als Künstlerin unterliegt der Illusion, 
selbst gewählt zu sein. Diejenige vieler anderer ist Resultat einer Wirtschaftskrise, von Misswirtschaft, falscher Investition oder persönlichem Versagen – oder sie bestätigt ganz einfach 
die These, dass jedes System eine Entwicklung anstrebt, 
die es der besitzenden Klasse immer leichter macht, Mittellose auszubeuten und zu unterdrücken. Ich bin davon ausgenommen. Habe ich doch gewählt! Ist es doch so, dass jede sichere Arbeit mir die Luft zum Atmen und die Zeit für 
meine Projekte stehlen würde – und die unsicheren Verhältnisse mir im Gegenzug erlauben, jederzeit zu gehen 
oder ein Sabbatical zu fordern. Doch jedes Mal, wenn ich 
mich auf eines meiner prekären Arbeitsverhältnisse einlasse, sticht mich das Gewissen, und ich muss den Gedanken wegschieben, dass es aus politischer Sicht unzulässig, ja geradezu unverantwortlich und unaufrichtig ist, einen 
solchen Vertrag überhaupt in Betracht zu ziehen.

Nachdem vor ein paar Jahren der Ruf laut geworden 
war, die Intellektuellen müssten sich wieder politisch einmischen, redeten wir uns in SchriftstellerInnenrunden nächtelang den Mund fusselig, ohne auch nur annähernd 
die Frage beantworten zu können, warum uns der Glaube an 
die Wirkkraft politischen Handelns abhandengekommen war. Klar war uns einzig, wogegen wir uns wehren sollten. Schon viel weniger wussten wir, wofür wir kämpfen wollten. Ist es die Romantik, die unser politisches Handeln lähmt? Romantik, 
die mir gebietet, unter Opfern unsterbliche Kunstwerke zu schaffen (oder es zumindest zu versuchen) – Romantik, die von mir den Glauben verlangt, mit grossem Lärm die Verweigerung anzukünden? Wenn schon scheitern und untergehen, dann wenigstens mit viel Krach und Trara?

Es ist ernüchternd, wenn Isabell Lorey neoliberale Arbeitsbedingungen beschreibt und wir darin fast unverändert 
unsere Slogans von 1968 oder 1980 wiederfinden: «… bewusst prekäre Lebens- und Arbeitsformen wählen, weil dabei mehr Freiheit und Autonomie möglich schien, gerade wegen der eigenen Zeiteinteilung und ganz wichtig: der Selbstbestimmung. Auf eine gute Bezahlung kam es dabei oft nicht an, war die Entlohnung doch, Spass an der Arbeit zu haben. Die vielen eigenen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen, darum ging es.»

Bourdieu hingegen schreibt: «Gegen diese politische Ordnung kann ein politischer Kampf geführt werden. 
Und er kann sich (…) zunächst zum Ziel setzen, die Opfer 
der Ausbeutung, all die gegenwärtigen oder potenziell Prekarisierten zu ermutigen, gemeinsam gegen die zerstörerischen Kräfte der Prekarität anzugehen, indem man ihnen 
hilft zu leben, durchzuhalten, einen aufrechten Gang und Würde zu bewahren, der Zersetzung und dem Verfall ihres Selbstbildes, der Entfremdung zu widerstehen.»

Vor Jahren sah ich eine Dokumentation über eine Knopffabrik in einer kleinen Ortschaft in Florida. Erzählt wurde die Geschichte eines Rentners, der festgestellt hatte, dass die meisten älteren Menschen in seinem Umfeld nicht in der Lage waren, mit der Rente zu überleben, und sich in der Folge aus dem sozialen Leben ausklinkten und ein jeder für sich 
auf die Jagd nach Nebenerwerb gingen oder gar betteln mussten.

Der ältere Mann beschloss, dem ein Ende zu machen. 
Er kaufte eine alte Knopffabrik, die soeben Konkurs 
gemacht hatte. Er machte sich auf dem Markt schlau, gab 
eine neue Kollektion in Auftrag, erschloss einen neuen Kundenkreis, baute ungewohnte Vertriebsnetze auf und warf die Maschinen wieder an. Seine Mitarbeitenden waren die RentnerInnen aus der Umgebung, egal ob sie an den Maschinen standen, Knöpfe verpackten, Buchhaltung machten, Kollektionen entwarfen oder Kundenkontakte pflegten. Konzept 
war es, dass jede und jeder so viel arbeitete, wie sie oder er wollte oder konnte, und die Produktion nicht auf Gewinn, sondern auf Deckung der laufenden Kosten (inklusive Löhne) ausgerichtet war. Und siehe: Die Knopffabrik machte Gewinne, zeitweise gab es gar das Problem, nicht über genügend Arbeitskräfte zu verfügen.

Ich erinnere mich nicht mehr im Detail, wie das 
alles funktioniert hat. Ich sehe vor meinem inneren Auge die Knöpfe in allen Farben und Grössen, sehe die alten Leute, 
die Knöpfe auf Kartonunterlagen gesteckt und über ihre Gebrechen geklatscht haben. Der Initiator wies auf den ausgefransten, handgeschriebenen Arbeitsplan und meinte achselzuckend, dass es schon etwas chaotisch zu- und hergehe. Und ich weiss, dass ich gedacht habe: «Eine Knopffabrik? 
Genau das ist es!»

Aber wie könnte denn eine «Knopffabrik» in unserem Leben aussehen? Das Dilemma jedenfalls – dass wir als Kunstschaffende zwar genügend Geld verdienen würden und uns eine einigermassen kontinuierliche Basis schaffen könnten, uns dann aber die Zeit fehlte, unsere Arbeit als KünstlerInnen zu tun – wäre mit der Knopffabrik noch lange nicht gelöst. 
Eine solche Fabrik am Laufen zu halten, das bräuchte die volle 
Kraft und ganze Zeit mehrerer Personen. Wir wären selbstbestimmt, aber vollbeschäftigt. Ein Sieg für die Gewerkschaft. Nicht aber für die Kunst.

«Wenn wir die soziale Atomisierung durchbrechen 
wollen, müssen wir uns wirksam in den öffentlichen Raum einmischen, andere Slogans in Umlauf bringen, grosse Ereignisse produzieren, Prekarität als Konflikt platzieren», 
proklamieren die feministischen Aktivistinnen der Las Precarias a la Deriva aus Spanien. Müssten wir vielleicht zuerst die Knopffabrik ins Leben rufen, in der gedacht und imaginiert wird? «Thinking buttons» aktivieren? Auf jeden Fall freue 
ich mich zwischenzeitlich auf kontroverse Debatten über das bedingungslose Grundeinkommen. Ob dafür oder dawider: Wenn wir diese Chance nicht nutzen, um Arbeit neu zu denken, dann ist uns nicht zu helfen.

Aber wie schimpfte letzthin eine Bekannte, die fest im Sessel einer nichtstaatlichen Organisation sitzt und monatlich gegen die 10 000 Franken verdient: «Dauernd reden sie über Geld. Warum? Sie sind doch Künstler! Und wer es nicht geschafft hat, soll halt putzen gehen.» Tief in mir drinnen dachte es: «Dir zeig ich es! Ich werde es schaffen.»

Isabell Lorey: «Die Regierung der Prekären». Mit einem Vorwort 
von Judith Butler. Nr. 14 aus der Reihe «es kommt darauf an». 
Verlag Turia + Kant. Wien 2012. 150 Seiten. Fr. 21.90.

Precarias a la Deriva: «Streifzüge durch die Kreisläufe feminisierter prekärer Arbeit». Übersetzt von Therese Kaufmann. Europäisches Institut für progressive Kulturpolitik. www.eipcp.net