Nr. 51/2009 vom 17.12.2009

Ein raffiniertes Machtspiel

Zwei Publikationen widmen sich der wenig bekannten Kunsttheorie des französischen Soziologen. Lässt sich das emanzipatorische Potenzial der Kunst noch behaupten?

Von Edith Krebs

Der bildenden Kunst haftet noch immer ein elitärer Touch an. Zwar sind die BesucherInnenzahlen in Museen und Grossausstellungen in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen, die Kunst selbst hat sich mit der Verwendung von Medien wie Fotografie und Video und dem Aufgreifen aktueller gesellschaftspolitischer Themen ein Stück weit popularisiert. Einen gegenläufigen Effekt erzielen die exorbitanten Preise auf dem Kunstmarkt: Kunst zu besitzen, ist nach wie vor der oberen Gesellschaftsschicht vorbehalten.

Keiner hat diesen Dünkel, der die Kunst umgibt, hellsichtiger analysiert als der aus einfachen Verhältnissen stammende französische Soziologe Pierre Bourdieu (1920–2002). In seinem Hauptwerk «Die feinen Unterschiede» (deutsche Erstausgabe 1987) hat er den Kunstbetrieb schonungslos entmystifiziert und die Bedingungen offengelegt, wie Kunst das Individuum gesellschaftlich klassifiziert.

Habitus, Feld, symbolisches Kapital – zentrale Begrifflichkeiten seiner soziologischen Theorie hat Pierre Bourdieu aus der Beobachtung und Analyse der Kunst und ihrer AkteurInnen gewonnen. Umso mehr erstaunt es, dass seine Schriften zur Kunst, zumindest im deutschsprachigen Raum, bisher nur wenig Beachtung gefunden haben. Zwei unlängst erschienene Publikationen zur Kunsttheorie Bourdieus wollen hier Abhilfe schaffen.

Die feinen Unterschiede

Sorgfältig zeichnet der Soziologe und Kunsthistoriker Jens Kastner die zentralen Stationen in Bourdieus Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Feld nach. Ausgangspunkt bildet Algerien, wo Bourdieu im Anschluss an seinen Militärdienst Feldforschungen zur Kultur der BerberInnen betrieb und an der Universität von Algier unterrichtete. Ein Konvolut von über 3000 Fotografien ist in diesen Zusammenhang entstanden, die Bourdieus Interesse an einer Zusammenführung von Sozialforschung und Bildproduktion belegen. Bereits damals war er überzeugt, dass fotografische Visualisierungen die wissenschaftliche Forschung sinnvoll ergänzen.

Kastners Augenmerk gilt indessen den «feinen Unterschieden», die Geschmack als Merkmal von «Klasse» und damit als zentrales gesellschaftliches Unterscheidungskriterium definieren. Er interpretiert die Geschichte der Kunst als ein raffiniertes, von Konkurrenz und Abgrenzungen durchsetztes Machtspiel. Die «ästhetische Disposition», so der Titel seiner Untersuchung, sei massgeblich bestimmt durch die soziale Herkunft der einzelnen AkteurInnen. Diese schlägt sich im Habitus, dem Auftreten und Lebensstil eines Menschen nieder und festigt seine Positionierung innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie. Gerade diese Klassenauseinandersetzung, die sich in der bildenden Kunst manifestiert, macht sie laut Kastner gesellschaftlich relevant. Als «Raum des Möglichen» biete die Kunst aber auch einen Spielraum zur politischen Intervention und zum Widerstand.

Der übermächtige Markt

«Nach Bourdieu: Visualität, Kunst, Politik» heisst eine zweite Publikation, die sich mit Bourdieus Wirkung im künstlerischen Feld auseinandersetzt. Siebzehn AutorInnen kommen hier zu Wort, deren gemeinsames Anliegen es ist, das Gewicht von Bourdieus Theorien zur Kunst zu reflektieren. Während Nirmal Puwar vom Goldsmiths College in London Bourdieus Bedeutung als postkolonialen Denker hervorhebt, beschreibt Isabelle Graw, Herausgeberin der Zeitschrift «Texte zur Kunst», Bourdieus Arbeiten als wichtigsten Referenzpunkt ihres kunstkritischen Schaffens. In Anbetracht der zunehmenden ökonomischen Durchdringung des Kunstfeldes schlägt sie vor, Bourdieus theoretische Erkenntnisse anzupassen. So sieht sie den gegenwärtigen «Raum des Möglichen» weniger durch Konkurrenz und Machtbeziehungen als durch Opportunismus und Suche nach Netzen und Kooperationen definiert. Die relative Autonomie, die Bourdieu der Kunst attestierte, betrachtet sie als gefährdet. Es gehe heute darum, ein künstlerisches Wertesystem und damit das emanzipatorische Potenzial der Kunst gegen die Übermacht des Markts zu verteidigen.

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