Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Zu Gast im Todesstern

Etrit Hasler über die Proteste gegen die Fussballeuropameisterschaft in der Ukraine.

Was war das doch für ein erfrischendes Zeichen der Hoffnung, als die Schweizer Nationalmannschaft damals vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Schweden ihr Transparent «Stop it, Chirac!» entrollte, anstatt die Nationalhymne mitzusingen. Fussballer mit einem politischen Bewusstsein? Die Weltrevolution konnte nicht mehr weit sein.

Das war 1995. Die Atomtests von Jacques Chirac liefen übrigens trotz des Protests ungestört weiter. Alain Sutter, der Kopf hinter der Aktion, durfte bei der folgenden Fussballeuropameisterschaft nicht mitspielen – inzwischen arbeitet er für die Zürcher Grasshoppers, einen Verein, dessen Funktionäre nur ungern mit der antisemitischen Vergangenheit ihres Klubs konfrontiert werden. Nun gut, mag man sagen – wer so viele Probleme hat wie GC gegenwärtig, der hat auch keine Zeit, sich mit seiner eigenen Geschichte zu beschäftigen.

In diesen Tagen diskutieren nun westeuropäische PolitikerInnen darüber, die Fussballeuropameisterschaft in Polen und der Ukraine zu boykottieren. Nun gut: In der Ukraine herrscht ein dreckiges Regime. Ein Regime, das so dreckig ist, dass nach einem Händedruck mit Präsident Wiktor Janukowitsch wohl monatelanges Waschen nötig ist, um die Hände wieder sauber zu bekommen – kein Wunder, reisen Regierungschefs anderer Staaten nicht allzu häufig in die Ukraine. Wobei es natürlich enorm hilft, dass die Ukraine weder über Gas noch Erdöl verfügt, das hält die Motivation für einen solchen Besuch ganz natürlich tief.

Gegen dieses Regime zu protestieren, kann also auch nicht ganz falsch sein. Insbesondere, wenn es schöne blonde Frauen inhaftiert, die irgendwie an Prinzessin Leia aus Star Wars erinnern. Wer so etwas tut, der kann nur Darth Vader sein. Findet das Finale dieser EM eigentlich auch im Todesstern statt? Verzeihung – ich übertreibe. Aber «das ist der Eindruck, den ich erhalte, wenn ich einen Blick in die Glotze werfe», um Allen Ginsberg zu zitieren. Dass die Vergabe der Fussballeuropameisterschaft an Polen und die Ukraine ein Skandal war, steht nicht infrage – damals, 2005, wurde die Ukraine nach der Orangen Revolution zwar gerade als Vorzeigemodell einer erwachenden Demokratie gefeiert, während in Polen gerade die rechtsnationalen, homophoben Kaczynski-Zwillinge an die Macht kamen.

Dass im Land Korruption herrschte, war aber allgemein bekannt: In der WOZ berichtete Andrew Jennings im April vor drei Jahren (siehe WOZ Nr. 14/09) bereits, dass die damalige ukrainische Regierung (also jene der inzwischen inhaftierten Julia Timoschenko) Bauaufträge im Wert von 25 Milliarden US-Dollar über Kanäle laufen liess, die intensiv nach Mafia rochen. Wenn nun plötzlich PolitikerInnen aller Couleur so tun, als würde ihnen das erste Mal auffallen, dass in der Ukraine nicht alles toll läuft – oder, wie aktuell in Österreich, noch versuchen, daraus Profit zu schlagen –, dann ist das bloss verlogen.

Grosse Sportanlässe finden immer wieder in Staaten statt, deren Regimes menschenfeindlich sind. Zum Beispiel in China, wo mehr Menschen inhaftiert sind als in der Ukraine leben. Angela Merkel, die derzeit laut über einen Boykott nachdenkt, war bei den Olympischen Spielen 2008 zwar auch nicht dabei – stattdessen schickte sie Wolfgang Schäuble. Logisch: Mit China wollte es sich auch niemand verscherzen.

Sport ist Mord. Es geht um Geld und Macht. Sollten Sie selber den Impuls verspüren, gegen etwas protestieren zu wollen, dann bitte gegen Sepp Blatter, der damals das Turnier in die Ukraine vergab in der Aussicht, sehr viel Geld zu verdienen. Oder organisieren Sie doch eine Demo mit Kollekte gegen die selbstausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der WOZ-Redaktion, die manchmal dazu führen, dass der Abschlussredaktion der Geduldsfaden reisst. Noch besser: Schenken Sie Frau Merkel ein WOZ-Abonnement. Damit tun Sie der Welt einen grösseren Gefallen.

Etrit Hasler war einst Katholik,
was vielleicht eine Erklärung dafür ist, 
dass ihm empörtes Protestierertum 
manchmal auf die Nerven geht.

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