Nr. 22/2016 vom 02.06.2016

EM-Boykott? – Ein andermal

Etrit Hasler freut sich auf die Fussball-EM in Frankreich

Von Etrit Hasler

Ich werde immer wieder von Menschen aus meinem linken Umfeld darauf angesprochen, wieso ich eigentlich nicht aus politischen Gründen jeglichen Spitzenfussball boykottiere. Also zum Beispiel diese Europameisterschaft. Das ist natürlich eine gute Frage, und ich habe selbstverständlich eine Antwort darauf.

Nun, zuallererst einmal wird die Europameisterschaft nicht von der Fifa, sondern von der Uefa ausgetragen. Das mag auf den ersten Blick nach Hans wie Heiri aussehen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Fifa von einem Präsidenten regiert wird, der sich ganze sechzig Tage Zeit gelassen hat, um der Welt zu beweisen, dass er genauso wenig von unabhängigen Aufsichtsgremien und Transparenz hält wie sein Vorgänger und dass er ganz abgesehen davon unter vier Millionen Franken im Jahr keinen Bleistift anrührt. Im Vergleich dazu ist der Uefa-Präsident erfreulich unauffällig. Zugegeben, das hängt vor allem damit zusammen, dass das Präsidentenamt seit dem Rücktritt von Michel Platini vakant ist – vielleicht zieht die Uefa daraus ja doch noch die logischen Schlüsse und verzichtet in Zukunft ganz darauf. Das scheint für den Moment auch gut zu funktionieren.

Ebenfalls kann man gerade aus einer linken Perspektive festhalten, dass in den Vorbereitungsarbeiten zum Turnier ausnahmsweise nicht Tausende eingeflogener GastarbeiterInnen in sklavenartigen Verhältnissen gehalten wurden. Zwar haben die französischen Gewerkschaften in diesen Tagen tatsächlich Streiks während der Meisterschaft angekündigt – diese allerdings als Protest gegen die angekündigte Arbeitsmarktreform des ehemals linken Präsidenten François Hollande und nicht gegen die bisher herrschenden Arbeitsbedingungen.

Dazu kommt natürlich noch der Gastgeber selber: Les Bleus hatten schon einfachere Zeiten, sei das auf dem Platz oder daneben – in einer Zeit, in der der Front National Wahl um Wahl gewinnt und das fremdenfeindliche Klima im Land schürt, ist die französische Nationalmannschaft so etwas wie ein Symbol aus besseren Zeiten. Eine Erinnerung daran, dass es die ethnische Diversität «Black-Blanc-Beur» war, die diese Mannschaft schon einmal zum Weltmeistertitel brachte – und das auch im eigenen Land. Seither ist viel Wasser die Seine hinuntergeflossen, und auch wenn Frankreich immer noch zu den fussballerischen Topnationen Europas gehört, wäre ein Titelgewinn eine Sensation. Und vielleicht das einzige Mittel, um das Geunke der Fremdenfeinde zum Verstummen zu bringen, die – nicht unähnlich den Diskussionen um die Schweizer Nationalmannschaft – gerne von einem Team schwadronieren, das «das Volk repräsentieren soll».

Und natürlich: Persönlich freue ich mich auf nichts mehr als das «Bruderduell» Albanien–Schweiz, bei dem mehr kosovarische Fussballspieler auf dem Platz stehen werden als je zuvor in der Geschichte des Fussballs. Und wenn Sie diesen Satz jetzt nicht ganz verstanden haben, ist das auch nicht so schlimm. Auch ein bisschen schade natürlich, weil Sie eventuell auch nicht ganz nachvollziehen können, dass wir (H)Albaner uns auch nicht für eine von beiden Seiten entscheiden müssen, sondern uns vielleicht einfach auf ein verdammt gutes Fussballspiel freuen.

Zurück zur Ausgangsfrage: Es steht natürlich allen frei, die Fussballeuropameisterschaft zu boykottieren. Aus welchen Gründen auch immer. Weil sie zu kommerziell ist. Weil die Schweizer Nati im Unterschied zur Eishockeyequipe nicht aus Eidgenossen, sondern aus angeblichen Papierlischweizern besteht. Weil man lieber Minigolf spielt oder die Schweizer Armbrustmeisterschaften (7.–17. Juli im Albisgüetli in Zürich) vorzieht. Und wir können auch gerne wieder über die Korruption im Fussball sprechen. Spätestens dann, wenn die Uefa wieder einen Präsidenten hat. Aber zuerst schauen wir Fussball. Ich freu mich drauf.

Etrit Hasler wird diverse Spiele live kommentieren – am 11., 19. und 25. Juni 2016 im Kafi Sorglos im Friesenberg in Zürich sowie am 17. Juni 2016 im Gaskessel in Bern. Vorbeikommen erwünscht.

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