Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Ein bisschen Hass muss sein

Der St. Galler Historiker und Publizist Hans Fässler denkt über den Hass gegen die herrschenden Verhältnisse nach. Oder müsste es womöglich ein Hass gegen die Herrschenden sein? Ein Auszug aus einer Rede, die er am 1. Mai in St. Gallen hielt.

Von Hans Fässler

Es hat eine Zeit gegeben, da wäre es nicht unmöglich gewesen, dass aus mir ein Pfarrer geworden wäre. Bis heute habe ich mir Respekt für Leute erhalten, die eine Mission haben. Für Bruder Rolf etwa, den im Wald lebenden Prediger, der frühmorgens singend die Spisertor-Kreuzung überquert und am Abendverkauf in die Menge predigt. Weniger Respekt habe ich für Bruder Konrad, den in einer Villa lebenden Banker, der sein Evangelium in der reformierten St. Laurenzen- und der katholischen Kirche von Teufen verkündet und dessen Gebot lautet: Du sollst falsches Zeugnis reden gegenüber dem Fiskus.

Auch ein ästhetisches Problem

Wie in einer guten Predigt möchte ich mit Leuten über den Hass nachdenken. Welche Gefühle haben wir denn, wenn ein Unternehmer eine Firma erbt, sie für sechzehn Milliarden verkauft, ins steuergünstige Gstaad zügelt, sich dem Segeln widmet und später achselzuckend zuschaut, wie über 1200 seiner ehemaligen Büezer in Genf vor dem Nichts stehen?

Was spüren wir, wenn die Glencore-Manager Hunderte steuerfreier Millionen kassieren, aber nichts von der Kinderarbeit in Katanga wissen wollen? Was geht uns durch den Bauch, wenn wir vom Schlauchboot lesen, von dem die Nato sagt, sie wisse von nichts, das Schlauchboot, das mit 63 Menschen von Tripolis loslegte und nach fünfzehn Tagen mit zehn Überlebenden wieder an die Küste getrieben wurde?

Die Frage nach dem Hass hat die Linke schon früher umgetrieben. Bertolt Brecht erkannte im Hass auch ein ästhetisches Problem: «Der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge.» Franz Hohler hingegen stellte Anfang der achtziger Jahre, als er sich mit den «Chärnchrafthärre» und anderen Mächtigen befasste, verzweifelt fest: «Es si alli so nett!»

Ich war oft hin- und hergerissen zwischen der Angst vor verzerrten Zügen, dem hohlerschen «Es si alli so nett» und der kürzlich in der Satirezeitschrift «Titanic» aufgestellten These: «Ein bisschen Hass muss sein!» Dann bin ich zurückgekehrt zu Georg Kreisler, dem 2011 verstorbenen Kabarettisten. Der hat in den siebziger Jahren «drüber sehr lange nachgedacht» und dann gesungen:

Sie sind so mies. Ja, sie sind so mies,
Die grossen und die kleineren Verbrecher.
Der schönste Platz wird kein Paradies –
Sie bohren überall dieselben Löcher.

Jean Ziegler zitiert gerne Jean-Paul Sartre: «Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt.» Das gefällt mir. Gerade auch, weil es eben nicht heisst, man müsse beides nebeneinander tun, sondern, dass das eine die Vorbedingung für das andere sei. Und es gefällt mir an diesem Zitat auch, dass es in der Dritten Welt oft anders verstanden wird, weil es im Original heisst: «Pour aimer les hommes, il faut détester fortement ce qui les opprime.» Das tönt fast identisch mit: «Pour aimer les hommes, il faut détester fortement ceux qui les oppriment.» Es hiesse dann, um die Menschen zu lieben, müsse man diejenigen hassen, die sie unterdrücken.

Aber warum gibt es nicht mehr Hass auf die herrschenden Verhältnisse? Oder, um mit Brechts Mutter Courage zu fragen: Warum wird aus der kurzen Wut über die Ungerechtigkeit bei so wenigen eine lange Wut? Wegen dessen, was ich früher «Vereinigte Verdrängungsindustrien» nannte. Die Amerikaner nennen das heute «weapons of mass distraction» (Massenablenkungswaffen). Sogar Billy Crystal hat gemerkt, wozu die Oscars da sind: «Nichts nimmt den Stachel so aus diesen wirtschaftlich harten Zeiten, wie wenn man ein paar Millionären zuschaut, die sich goldene Statuen überreichen.»

Kleine Bälle eines Multimillionärs

Tatsächlich: Nichts nimmt den Stachel so aus diesen wirtschaftlich harten Zeiten, wie wenn man einem Multimillionär und Steuerflüchtling zuschaut, wie er kleine Bälle über ein Netz schlägt, als Botschafter für das ruchlose Energiebündel Credit Suisse. Oder wenn man Millionären zuschaut, die grosse Bälle in Netze schlagen, finanziert von luschen Investoren, gesponsert vom ältesten AKW unseres Planeten und unter der Schirmherrschaft einer korruptionsanfälligen, steuerbefreiten Weltorganisation, die sich in Zürich nach dem eigenen Tempel noch ein Museum baut.

Manchmal kommt alles zusammen: Wenn Filmproduzent Arthur Cohn vor den Oscars Persönlichkeiten aus Showbiz, Hochfinanz und Israellobby zu einer Party ins «Beverly Hills» einlädt. Mit dabei waren ein ehemaliger Genfer Finanzanalyst sowie der Chef Private Banking USA der Credit Suisse. Gemeinsam polemisierte man gegen die in Steuerfragen kritischen Medien, und Cohn rief den Stars zu, sie sollten ihr Geld in der Schweiz lassen. Und dann forderte Cohn alle auf, sich zu erheben, um auf den Sieg des FC Basel gegen Bayern München anzustossen.

Ein bisschen Hass muss sein: gegen die Ungerechtigkeit, gegen die, welche sie schaffen und aufrechterhalten, und gegen die, welche uns immer wieder davon ablenken wollen.

Ich will zum Schluss noch vom Hass wegkommen. Bei Sartre heisst das Verb nämlich nicht «hassen». Es heisst «détester». Am nächsten kommt dem vielleicht «verabscheuen», aber es steckt mehr drin. Im lateinischen «detestari» ist nämlich der «testis» enthalten, der Zeuge, der sich auch im «Testament» findet. Damit sind wir wieder im Pfarrherrlichen angelangt – «détester» heisst: laut Zeugnis ablegen gegen etwas. Das ist unser Job als Linke, neben der Liebe zu den Menschen.

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