Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

Unheimliche Gärten

Bettina Dyttrich ist irritiert über Pflanzen.

Sie sehen schön aus. In der Mitte des Raums stehen sie am Boden und strecken sich dem Neonlicht entgegen: knallgrüne, grossblättrige Baumwollpflanzen, daneben die filigrane Ackerschmalwand mit ihren weissen Blüten und vielen winzigen, gerundeten Blättchen.

Doch in den Texten an der Wand geht es um Gentechnik, um vom Unkrautvertilgungsmittel Glyphosat zerstörte Böden, um den Saatgut- und Pestizidmulti Syngenta, der die Universität St. Gallen sponsert, ergänzt mit einem schrecklich naiven Interview einer Studentin mit einem Firmenvertreter. Der Schweizer Künstler Aurelio Kopainig, der heute in Berlin lebt, konfrontiert die BesucherInnen seiner Ausstellung «Crop Culture» mit der technischen Verfügungsgewalt über die Pflanze, mit der Pflanze als Business. Da machen die harmlos aussehenden Gewächse in der Mitte des Raums plötzlich misstrauisch: Sind die etwa auch gentechnisch verändert?

Es sei schwierig gewesen, Samen der Ackerschmalwand aufzutreiben, sagt Kopainig. Die Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana) ist das Lieblingskraut der PflanzengenetikerInnen, sozusagen die Fruchtfliege unter den Pflanzen: Sie ist anspruchslos, wächst und blüht schnell, sie hat ein einfaches, gut erforschtes Genom, sie ist geeignet für alle möglichen Versuche. Sonst interessiert sie niemanden, weder als Gemüse noch als Zierpflanze, nicht einmal als Ökokraut, das Umweltbewusste im Garten säen, um seltene Insekten zu fördern. Kopainig fand das Saatgut schliesslich an einer Universität.

Er beschäftigt sich schon lange mit Pflanzen, fotografiert deformierte Bäume und zusammengeschnürte Eiben in Vorgärten, besucht argentinische BäuerInnen, die sich gegen das Sojabusiness wehren, baut improvisierte Gewächshäuser in Ausstellungsräume, zeichnet Keimlinge und kaputte Stämme mit Wurzeln an beiden Enden. Seine Arbeiten erinnern daran, dass Pflanzen etwas Unheimliches haben.

Auch mein Garten ist mir unheimlich. Wie aus den dicken Saubohnen graugrüne Pflanzen werden, auf denen rote Ameisen wohnen, die Honigtau von schwarzen Bohnenblattläusen aufsaugen. Wie die Kartoffeln an einem einzigen Maitag mehrere Zentimeter wachsen. Das ist alles unheimlich und seltsam, ich stehe daneben und kann es nicht wirklich erfassen. Wer gärtnert, stellt Bedingungen für die Pflanzen her, nicht die Pflanzen selbst. Und das ist nicht nur im Garten so. Wir benehmen uns zwar alle, als hätten die Menschen die Welt gemacht. Aber es war umgekehrt. Wer das nicht verstanden hat, kann Ökologie vergessen.

Eine Baumwollpflanze aus Kopainigs Ausstellung steht jetzt in meiner Stube. Sie ist nicht gentechnisch verändert. Aber selbst wenn sie es wäre: Hergestellt haben wir auch sie nicht.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.

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