Nr. 25/2012 vom 21.06.2012

Frauen / Männer (sind halt so)

X und Y: Wenn es um Geschlechterrollen geht, kommen immer wieder die guten alten Chromosomen ins Spiel. Aber warum bloss?

Von Mirjam Grob

Und fast immer kommt in der Diskussion der Punkt, an dem es heisst: «Frauen sind halt einfach so und Männer anders.» Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Male ich das schon gehört habe. Irgendwie schleicht sich dieses Argument früher oder später in die meisten Gespräche über Geschlechterrollen ein.

Zumeist kommt dann noch der Hinweis, dass das genetisch bedingt sei.

Und das beileibe nicht nur von konservativer Seite. Dass die «Weltwoche» kürzlich wieder mal in jeder Frau die Hausfrau entdeckt hat, aber von der grundsätzlichen evolutionären Ausstattung her kaum je einen Hausmann sehen will, rechnen wir ihrer ebenso kalkulierten wie pubertären Politstrategie zu. Aber selbst sonst kritische Geister schreiben gerne fixe Eigenschaften fest: «Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus» ist nicht nur ein Buchtitel, sondern auch ein in linken wie rechten Kreisen gern verwendetes Zitat. Das tönt zwar schön – was es eigentlich aussagt, ist aber um einiges irdischer: Wenn uns Frauen eine mütterliche, fürsorgliche Seite zugeschrieben wird – genetisch, nicht wahr –, dann dient das immer noch, oder wieder vermehrt, der Abschiebung in die Care-Ökonomie.

Tja, die Gene. Wir Frauen haben andere Chromosomen als die Männer. Zwei einfache, solide XX, während ein rätselhaftes Y im Manne steckt. Das kann ihn zu einem komplett anderen Wesen machen, sich auf diese oder andere Weise verhalten lassen – oder eben nicht. Eine Frage des Standpunkts. Und schon steckt die genetische Diskussion in einer Sackgasse.

Nun könnte man ja den Befreiungsschlag versuchen und darauf hinweisen, dass sich auch Gene verändern. Nicht von einem Tag auf den anderen und auch nicht von einer Generation zur anderen. Aber in den letzten 10 000 Jahren ist beispielsweise durch eine genetische Veränderung bei eurasischen Erwachsenen die Milchverträglichkeit massiv gestiegen, während sie bei ostasiatischen Menschen sowie australischen und amerikanischen UreinwohnerInnen zurückgeblieben ist. Doch 10 000 Jahre – darauf wollen wir wohl kaum setzen.

Kommt hinzu: Indem wir über die genetische Ausstattung sprechen, billigen wir dem Argument schon Wirkung und Macht zu.

Doch wenn wir über den Einfluss der Gene auf die Geschlechter und deren dadurch bedingtes typisches Verhalten diskutieren, sprechen wir ja gar nicht über die Feinheiten der Genetik, sondern darüber, ob Geschlechterrollen veränderbar sind oder nicht. In der Diskussion um Geschlechterrollen werden Gene praktisch immer als Synonym für «unveränderlich» ins Feld geführt. Jenen Personen, denen ich im Gespräch ihre Meinung zu widerlegen suche, geht es bloss darum, nichts infrage zu stellen und somit auch nichts ändern zu müssen: Die traditionellen Geschlechterrollen könnten wir nicht verändern – und müssten dies deshalb gar nicht erst versuchen, so ihr Standpunkt. Um über ein mögliches anderes Geschlechterverhältnis nachzudenken, bringt ein Streitgespräch über den Einfluss der Gene erfahrungsgemäss nichts. Was also tun, wenn wir wieder einmal hören, alles sei genetisch bedingt, das Gespräch aber nicht so enden lassen wollen?

Verschieben wir den Fokus und fragen uns, weshalb das Gegenüber den Genen denn so viel Macht zuspricht oder eben darauf besteht, wir könnten sowieso nichts ändern. Vielleicht profitiert er oder sie von der momentanen Geschlechterbeziehung und den damit verbundenen Machtverhältnissen und kaschiert dies bewusst oder unbewusst mit dem Gen-Argument? Oder vielleicht kann sich das Gegenüber nur schwer vorstellen, wie es denn überhaupt möglich wäre, aus den bestehenden Geschlechterrollen auszubrechen – was es einfacher erscheinen lässt, nichts ändern zu müssen.

Was zweierlei heisst: Wir müssen vorrangig über ökonomische und soziale Zwänge, sogar über unser Wirtschaftssystem und unsere Gesellschaft im Ganzen diskutieren. Aber wir müssen auch Vorstellungen über neue Geschlechterrollen, deren Veränderung, gar deren Aufhebung entwickeln. Im Alphabet gibt es schliesslich noch viele andere Buchstaben als bloss X und Y.

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