Nr. 26/2012 vom 28.06.2012

Der Pump erfordert unendliche Schmiermittel

Ernst Lohoff und Norbert Trenkle liefern eine unorthodoxe Krisenanalyse des Kapitalismus: Wer liegt eigentlich wem auf der Tasche?

Von Holger Schatz

Seit dem Fall der Investmentbank Lehman Brothers vor vier Jahren und den darauf folgenden Turbulenzen ist erstaunlich viel Bewegung in die Kapitalismusdiskussionen und -analysen gekommen. Beherrschte nach dem Mauerfall von 1989 eine neoliberal auftrumpfende Markteuphorie jahrelang die Debatten, so erscheinen heutzutage die FürsprecherInnen einer sozialen, vor allem aber regulierten Marktwirtschaft nicht mehr als die einsamen RuferInnen in der Wüste.

Bis in die deutlich verunsicherte Zunft der Volkwirtschaftslehre hinein scheint sich dabei ein Konsens herauszubilden, dass die Zukunft des Kapitalismus nicht mehr auf entfesselten Finanzmärkten entschieden werden dürfe. «Wer erlöst uns vom Kapital?», titelte selbst die bürgerliche «Zeit» bereits vor Jahren, doch genau genommen fragt der neue Zeitgeist: «Wer erlöst uns vom Finanzkapital?»

Die Spekulation ist nicht schuld

Denn die Analyse, auf die man sich derzeit zu einigen scheint, sieht die Ursache ökonomischer Zerfallserscheinungen in den nachweislich sinkenden Investitionsquoten – als Folge dessen, dass viel Kapital aus der «Realwirtschaft» in die Anlagesphären der Finanzmärkte abwandert.

Nach der Lektüre der unlängst erschienenen Studie «Die grosse Entwertung» erscheint diese Sicht im besten Fall als eine Beruhigungspille, die von schonungsloseren Infragestellungen entlastet – im schlimmsten Fall aber als eine gefährliche Ideologie, die auf der Suche nach personifizierbaren Ursachen Raffgier und damit auch Sündenböcke zu finden glaubt. Die Autoren der Studie, Ernst Lohoff und Norbert Trenkle, liefern überzeugende Argumente dafür, «warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind».

In gewisser Weise erfährt dabei das viel geschmähte «fiktive Kapital», wie die beiden Redaktoren der Theoriezeitschrift «Krisis» spekulativ angelegtes Kapital bezeichnen, sogar eine Rehabilitation. Denn die Vorkapitalisierung zukünftig stattfindender Wertschöpfung, auf die der Kauf von Aktien, Anleihen, Kreditrückzahlungsverpflichtungen oder Derivaten zielt, fungierte faktisch schon seit den siebziger Jahren immer mehr als Motor einer ins Stocken geratenen Wirtschaftsweise, die an einem ihrer zentralen Selbstwidersprüche krankt: Jede Steigerung der Produktivität, die eine Einsparung von angewandter Arbeit nach sich zieht, führt über kurz oder lang zu einer Verminderung des Werts, der pro Produktionseinheit geschaffen werden kann.

Nebulöse Blasen

Das Ergebnis ist paradox: mehr Güter in weniger Zeit bei schwindender Wertsubstanz des einzelnen Guts. Am Beispiel des Niedergangs der Solarzellenproduktion lässt sich dies aktuell nachzeichnen. Nun kann freilich der relative Verlust durch eine absolute Mengenausweitung kompensiert werden. Genau dies gelingt, so Lohoff und Trenkle in ihrer Analyse, seit vierzig Jahren jedoch immer weniger, weshalb eine – freilich politisch flankierte – Entfesselung der finanzindustriellen Produktion von Eigentumstiteln aller Art in die Bresche springen konnte. Gezeigt wird dabei eindrücklich, dass und wie die Wandlung zu einem «inversen», einem verdrehten Kapitalismus entgegen gängiger Annahmen die Realwirtschaft kurzfristig durchaus immer wieder befeuern kann.

Dieses Verschieben des Selbstwiderspruchs des Kapitalismus geschieht allerdings nicht nur um den Preis immer schneller platzender Spekulationsblasen. Die Mehrwertschöpfung auf Pump erfordert unendlich Schmiermittel. In der Folge explodieren Staatsschulden, während die Zentralbanken die überforderte private Finanzindustrie als Feuerwehr ablösen müssen. Über die sozialen Folgen dieser «Teilverstaatlichung der verbrannten kapitalistischen Zukunft» lässt die Darstellung keinen Zweifel. Wo aber die logische Grenze der Blasenökonomie liegen soll, bleibt ebenso nebulös wie diese selbst.

Am Ende der fulminanten Darstellung keimt doch noch etwas Hoffnung auf: Intelligenz, Wissen, soziale Kooperationsbeziehungen, Herstellung von notwendigen Gütern mit immer weniger Aufwand – all das ist vorhanden. Es müsste nur noch entfesselt, angeeignet und somit «entwertet» werden. Wo also ist das Problem?

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