Nr. 27/2013 vom 04.07.2013

Das schwarze Loch wird immer grösser

Sind die Finanzblasen nur ein Symptom eines viel grösseren Problems? Die ökonomischen Analysen des linken Theoretikers Robert Kurz bleiben ein Jahr nach seinem Tod hochaktuell – und immer noch schwer verdaulich.

Von Bettina Dyttrich

Erzählen, das konnte er. Die Geschichte des Kapitalismus in einer Stunde, von der Reformation bis zu den Finanzblasen, unter besonderer Berücksichtigung der Schusswaffen. Ohne sie, war er überzeugt, hätte der Kapitalismus nie so schnell an Fahrt gewonnen: «Die abstrakte Rationalität der modernen Betriebswirtschaft kam aus den Gewehrläufen und Kanonenrohren von berufsmässigen Mordbrennern, nicht aus dem Interesse an gesellschaftlicher Wohlfahrt.»

Und obwohl das Thema düster war, wirkte Robert Kurz dabei ganz vergnügt. Vor bald einem Jahr, am 18. Juli 2012, starb der «Erneuerer des Marxismus» («Spiegel online») in Nürnberg, laut seiner Frau Roswitha Scholz an einem Operationsfehler. Diesen Frühling ist eine Sammlung kürzerer Texte aus den letzten zwanzig Jahren erschienen, die zeigen, wie spannend Kurz’ Denken war – aber auch, wo er an Grenzen stiess.

Schriftlich war Robert Kurz weniger zugänglich als in seinen Vorträgen. Es ist leicht, sich abschrecken zu lassen von einem wie ihm. Wenn Kurz sich mit anderen Marx-SpezialistInnen Schreibgefechte lieferte, wurde es schnell eng und hermetisch wie in einem theologischen Seminar. Aber Kurz wollte mehr als nur im kleinen Kreis streiten. Immer wieder erreichte er ein breiteres Publikum, vor allem mit dem «Schwarzbuch Kapitalismus» (1999). Der mehr als 800 Seiten dicke Wälzer lag um die Jahrtausendwende in vielen WG-Stuben und beeinflusste entscheidend jenen Teil der Antiglobalisierungsbewegung, der sich nicht mit der Attac-Forderung nach regulierten Finanzmärkten zufriedengeben wollte.

Zwangsläufige Blasen

Überhaupt die Finanzmärkte: Anders als ein grosser Teil der heutigen Linken hielt Kurz sie nur für ein Symptom, nicht für das Problem. Die Entwicklung zum Finanz(blasen)kapitalismus sei geradezu zwangsläufig: «Wenn für eine gegebene industrielle Struktur die Expansionsfähigkeit der Märkte erschöpft ist und die Rationalisierung mehr Arbeitsplätze frisst, als neue geschaffen werden, können die aus vorangegangenen Produktionsperioden realisierten Gewinne nicht mehr ausreichend rentabel in zusätzlichen produktiven Investitionen angelegt werden.» Darum ströme das Kapital in die Finanzmärkte und treibe dort «unter dem Verwertungsdruck eine Blase der Spekulation (der Kreation von fiktiven Werten) hervor, deren Platzen dann die Krise umso mehr anheizt». Sein Fazit: «Die vielbeschworene ‹Realökonomie› ist in Wahrheit schon längst nicht mehr real, sondern sie wurde aus den ‹substanzlosen› Finanzblasen künstlich ernährt.»

Das Kapital stosse nicht nur an die äussere Schranke der natürlichen Ressourcen, sondern auch an eine innere, ökonomische. Es habe schlicht keine Möglichkeiten mehr zur Expansion – die Informatik vernichte mehr Arbeitsplätze, als sie schaffe – und lebe zunehmend auf Pump: «Die einen kaufen mit Geld aus zukünftigen Einnahmen Waren, deren Produktion von den anderen durch Zugriff auf zukünftige Erlöse vorfinanziert wurde. Zwischen vergangener realer und fiktiv vorweggenommener zukünftiger Wertschöpfung klafft ein sich ausdehnendes schwarzes Loch.» Im letzten Text des Sammelbands, den er kurz vor seinem Tod schrieb, sah Kurz seine Theorien bestätigt: «Die schon verbrauchte kapitalistische Zukunft ist zur Gegenwart geworden. Griechenland zeigt exemplarisch, dass die Menschen auf Jahre hinaus aufhören müssten zu leben, um weiterhin kapitalistischen Kriterien zu genügen.»

Wenn diese Analyse stimmt, sind die sozialdemokratischen Hoffnungen – «Zähmung» der Finanzmärkte und Wohlstand für alle dank neuer Investitionen in die «Realwirtschaft» – zum Scheitern verurteilt. Die Konsequenzen sind düster. Wenn es nicht gelinge, eine ganz neue Form des Wirtschaftens zu entwickeln, drohe ein brutaler Niedergang der Gesellschaften, war Kurz überzeugt: die Ausweitung der ökonomischen Konkurrenz auf das ganze Leben, eine «Entzivilisierung der Welt».

Sehr wichtig war für Kurz Marx’ Begriff der «abstrakten Arbeit»: «Es ist egal, ob Schokoladenplätzchen oder Handgranaten hergestellt werden, Hauptsache, abstrakte menschliche Energie als ‹Verausgabung von Nerv, Muskeln, Hirn› (Marx) kann in Geld (Mehrwert) verwandelt werden.» Das Marktsystem sei nur scheinbar rational, immer mehr komme sein «irrationaler Selbstzweck» zum Vorschein: «aus Wert mehr Wert und damit aus Geld mehr Geld zu machen. (…) Das bedeutet, dass die Befriedigung der Bedürfnisse zum blossen Abfallprodukt der Verwertung degradiert und von dieser abhängig gemacht wird.» Beeinflusst von den feministischen Analysen seiner Frau Roswitha Scholz, thematisierte Kurz auch das Geschlechterverhältnis: Sexismus sei eine logische Folge des Kapitalismus, weil die Frauen für alles für zuständig erklärt würden, «was sich seiner Natur nach nicht in Geld ausdrücken lässt und damit nach kapitalistischen Kriterien ‹nichts wert› ist».

«Abstrakte Arbeit», Geld als «automatisches Subjekt»: Kurz brauchte Begriffe von Marx, die frappierend aktuell klingen. Dass der Kapitalismus, dieses seltsame, «subjektlose Bezugssystem», die Menschen überfordert, wunderte Kurz nicht: «Geld erscheint als eine unheimliche Macht, weil es das ‹abstrakte Ding› ist, gleichgültig gegen alle sinnlichen Inhalte, gegen Mensch und Natur, gegen Gefühle und persönliche Bindungen. (…) In dieser gesellschaftlichen Abstraktion des Geldes lauert ein ungeheures Destruktionspotential, sobald sie real gegen die sinnliche Welt durchgesetzt wird.»

Gute Arbeit, böses Kapital

Von einem subjektlosen System kann man keine Gerechtigkeit fordern. Aber viele, die unter die Räder kommen, suchen trotzdem nach Schuldigen. Schnell fällt der Verdacht auf geheime «Drahtzieher im Hintergrund», meist gleichgesetzt mit JüdInnen. Kurz interpretiert den Holocaust als Versuch, den «bösen», abstrakten Teil der Warenproduktion – das (jüdische) Kapital – vom «guten», konkreten Teil – der Arbeit – zu trennen und zu vernichten.

Auch die Linken seien immer wieder anfällig für dieses aufspaltende Denken gewesen. In Wirklichkeit gehöre beides untrennbar zusammen: Konsequent kritisierte Kurz die Verherrlichung der Arbeit, wie sie die ArbeiterInnenbewegung betrieb. Die realsozialistischen Länder waren für ihn nie eine Alternative, sondern Teil des Systems. Auch sie hatten die «abstrakte Arbeit», Lohn und Konkurrenz nicht überwunden. Ebenso störte ihn der vereinfachende Rationalismus vieler MarxistInnen: Im Text «Das Licht der Aufklärung» polemisierte er gegen den «schönen Schein der bürgerlichen Aufklärung». Sie war für ihn zwangsläufig verbunden mit der «Unterwerfung der Menschen unter die abstrakte Arbeit»: «In einem mechanischen Universum muss auch der Mensch eine Maschine sein und maschinell bearbeitet werden.»

Robert Kurz stellte Denken und Schreiben ins Zentrum seines Lebens. Das Geld dazu verdiente er jahrelang bei den «Nürnberger Nachrichten» – nicht etwa als Redaktor, sondern als Handlanger in der Produktion. Sein erster Text erschien in den siebziger Jahren: eine Polemik gegen den Kommunistischen Arbeiterbund Deutschlands, der ihn gerade rausgeschmissen hatte. Es war die Zeit der sogenannten K-Gruppen, kommunistischer Kleinparteien, die sich über den richtigen Weg zur Revolution verbissen bekämpften. Bald hatte Kurz eine eigene Gruppe von K-Gruppen-DissidentInnen um sich geschart, die gemeinsam lasen und debattierten. Daraus entstand später die Gruppe und Zeitschrift «Krisis».

Nicht nur die vertieften Debatten der 68er-Generation lebten in Kurz’ Umfeld weiter, sondern auch die Gepflogenheiten der K-Gruppen. Man habe einen «Haudrauf-Duktus» gepflegt, schrieb Kurz’ einstiger Mitstreiter Gaston Valdivia letztes Jahr in einem Nachruf, und «ohne Scham auf echte und vermeintliche Gegner eingedroschen». Die Spaltungen und Ausschlüsse setzten sich fort, 2004 verliessen Robert Kurz und Roswitha Scholz die Gruppe Krisis im Streit.

Solche persönlichen Details könnten LeserInnen egal sein – wenn sie nicht auch Kurz’ Schreiben beeinflusst hätten. Ein Beispiel dafür sind die beiden Texte über «Aneignung» im Sammelband, in denen er andere Linke, zum Teil ehemalige FreundInnen, aggressiv angreift. Inhaltlich ist seine Kritik oft fast nicht nachvollziehbar, liegen die kritisierten Positionen doch verdächtig nahe an der eigenen. Kaum mehr verständlich und offensichtlich eine persönliche Abrechnung sind auch jene Passagen im Titeltext «Weltkrise und Ignoranz», in denen Kurz gegen «theoretisch unterbelichtete Strippenzieher im Klein-Byzanz der linken Szeneverhältnisse» und «vor sich hin menschelnde linksalternative Kleinbürgerei» wütet – hat ihm jemand dominantes Gesprächsverhalten vorgeworfen? «Das beschädigte Leben versuchte er mit Polemik zu kompensieren, in der er sich manchmal verloren hat», schrieb Gregor Katzenberg in einem Nachruf für die Zeitung «Jungle World», und ein Blogger kommentierte kurz und sarkastisch: «Alle doof ausser Robert.»

Wo beginnt der Widerstand?

Auch wenn es um die Frage nach Alternativen ging, blieb Robert Kurz unerbittlich. Staatliche Regulierungen und linke Parteien hielt er für genauso untauglich wie «eine genossenschaftliche Alternativ-Ökonomie». Das genüge alles nicht, meinte er, und hatte recht – aber wo sollte denn der «gesamtgesellschaftlich organisierte Widerstand gegen die Krisenverwaltung» beginnen, der ihm vorschwebte? In seinem Alles-oder-nichts-Denken verkannte er den Wert, den Widerstandsversuche bei aller Unzulänglichkeit haben; gerade in Krisenländern wie Griechenland oder Spanien können alternative Strukturen die Vernetzung von bisher unpolitischen Menschen möglich machen, die sonst vielleicht bei den Rechten landen würden.

Natürlich genügt auch das nicht – je länger die Krise dauert, desto plausibler wird der Verdacht, dass Kurz in seinem wesentlichen Punkt recht hatte: «Die historische Zeit des Kapitalismus ist abgelaufen.» Seine Frage, wie sich der Sozialismus «in einer anderen, nicht mehr staatsökonomischen Form neu formulieren» lässt, bleibt offen – und dringend.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch