Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Blubbblubb

Etrit Hasler über das Schweigen der Fische.

Kurz bevor ich mich in die Sommerpause davonstehle, ist wahrscheinlich der Moment gekommen, Ihnen zu beichten, dass ich tatsächlich genau eine Sportart selber betreibe.

Dafür gibt es gute Gründe: Für Fussball bin ich zu wenig metrosexuell (in diesem Zusammenhang könnte ich vielleicht den Spaniern noch zur Europameisterschaft gratulieren, muss ich aber zum Glück nicht), für Rugby zu harmlos, für Kampfsport zu wenig esoterisch (wenn Sie nicht wissen, was ich meine, fragen Sie einmal eine Kung-Fu-Lehrerin, ob ihre Energiefelder in Balance sind), und meine zarten Versuche im Eishockey endeten immer damit, dass meine TeamkollegInnen dachten, ich sei eine Bandenwerbung. Nein, ich betreibe eine einzige Sportart, und auch die geht nur knapp als Sport durch: Es gibt keine Wettkämpfe dabei, stattdessen liegt man meistens rum, atmet ein bisschen ein und aus, redet nicht und beschaut sich dabei die Landschaft. Ich rede natürlich vom Tauchen. Was haben Sie denn gedacht?

Tauchen ist eine komische Sache. Meist wird es an Orten betrieben, an denen Horden europäischer TouristInnen in regelmässigen Abständen einfallen, sich in klimatisierten Hotelkomplexen einschliessen und dann eine Woche damit verbringen, ihr Hautkrebsrisiko zu vervielfachen und ihr All-Inclusive-Arrangement wettzumachen, indem sie sich so viele Drinks mit Schirmchen wie nur möglich einschütten. Währenddessen verbringe ich an denselben Orten eine Woche mehr oder weniger am Stück unter Wasser und beschaue mir die Unterwasserlandschaft – wobei ich vielleicht anfügen muss, dass ich im Unterschied zu den meisten TaucherInnen keine besondere Faszination für Fische habe. Am liebsten habe ich Fische eigentlich auf dem Teller.

Was vielleicht auch erklärt, warum ich mich mit anderen TaucherInnen nicht auf Anhieb verstehe. Die meisten Ausübenden dieser Sportart sind das Jahr durch ganz normale Menschen, häufig still, einige davon PolizistInnen (fragen Sie mich nicht, wieso, ich spreche nur aus Erfahrung). Sobald sie im Taucheranzug stecken, verwandeln sie sich in wahre Lexika der Unterwasserwelt. Jede Fischart wird da bestimmt und sofort nach dem Tauchgang ins Logbuch eingetragen. Jeder Ausrüstungsbestandteil wird auf seine Qualität hin mit anderen Teilen verglichen – ein solches Gespräch zwischen TaucherInnen klingt, wie wenn zwei Star-Trek-Fans sich über die Unterschiede in der Bauweise der Warpkerne von Enterprise-A und Enterprise-E unterhalten. Falls Sie schon beim Lesen dieses Satzes ein Gähnreflex überkommt, wissen Sie, wie es mir geht, wenn sich zwei TaucherInnen über ihre Oktopusse, also ihre Atemgeräte unterhalten. Und ja, es würde Oktopoden heissen, aber ich habe nicht behauptet, TaucherInnen seien intellektuell veranlagte Menschen. Geschweige denn sprachaffin.

Und vielleicht liegt genau darin die Faszination des Tauchens für mich. Meine grösste Fähigkeit ist es, viel und schnell zu reden, was mich wohl für eine Karriere im Poetry-Slam und in der Lokalpolitik prädestiniert hat. Bei Beni Thurnheer hat dieselbe Veranlagung zum Sportkommentator geführt. Nur beim Tauchen halte ich die Klappe. Zwischen den Tauchgängen verzichte ich gern darauf, mit anderen TaucherInnen die Vorzüge des neusten Atemgeräts auszudiskutieren. Und während der Tauchgänge bin ich sogar noch ein bisschen stiller.

Das ist natürlich auch etwas zwangsbedingt, immerhin habe ich ein Atemgerät im Mund, aber glauben Sie mir, ich geniesse die Stille, in der nichts zu hören ist ausser: Einatmen. CCCCChhhhhhh. Ausatmen. Blubbblubb. Und ja, das klingt immer etwas wie bei Darth Vader, aber das stört mich auch nicht weiter. Immerhin kam sogar der irgendwann wieder zur guten Seite der Macht zurück. Was mit Sicherheit an der seligen Entspanntheit dieses Geräusches lag.

Etrit Hasler kommt auf der Poetry-Slam-Bühne auf 270 Wörter pro Minute. Während 
der Taucherferien sind es noch 2000 Wörter pro Woche. Womit wohl auch bewiesen 
ist, dass seine Energiefelder unheimlich ausbalanciert sind.

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