Nr. 31/2017 vom 03.08.2017

Midlife-Tiefenrausch

Etrit Hasler hadert mit Extremtauchern

Von Etrit Hasler

Seit knapp zehn Jahren verbringe ich meine Sommer damit, an den immergleichen Strand zu fahren und dort jeweils zwei Wochen tauchen zu gehen. Ich werde den Teufel tun und Ihnen verraten, wo das ist, weil ich ganz froh darum bin, dort meine Ruhe zu haben und dieses eine Mal im Jahr meine Stunden damit zu verschwenden, amerikanische Schundromane zu lesen und eben: unter Wasser zu atmen und vor mich hin zu paddeln.

Ich habe an anderer Stelle schon über die Faszination geschrieben, dass jemand wie ich, den die meisten Menschen in meinem Umfeld als unentwegt schnarrende Schnorrimaschine kennen, sich ein Hobby aussucht, bei dem man zwangsweise kein Wort reden kann. Aber glauben Sie mir, wenn ich sage, dass es für mich seit zehn Jahren keine grössere Befriedigung geben kann, als an den immergleichen Orten, vor der immergleichen Szenerie zwei Stunden pro Tag im Wasser zu schweben. Ein besseres Wort findet sich dafür nicht, denn es ist nicht schwimmen, und – auch wenn es sich manchmal so anfühlt – es ist nicht fliegen, sondern jener magische Zustand dazwischen, den höchstens noch AstronautInnen beim Spaziergang im All nachvollziehen können.

Zugegeben, das ist nicht das einzige Element der Faszination. Da ist eine sehr physische Komponente: Die Anreicherung des Körpers mit Stickstoff und Sauerstoff während des Tauchgangs wird von ExtremtaucherInnen gern mit einer Art Rausch verglichen, der insbesondere in grösseren Tiefen an Narkotika wie Morphium herankommen soll. Tiefenrausch nennt sich das. Oder etwas wissenschaftlicher: Stickstoffnarkose beziehungsweise Sauerstofftoxikose. Ich muss Sie enttäuschen: Ich kann Ihnen leider nicht davon erzählen, wie das ist, weil dieser Zustand erst weit unter der für SporttaucherInnen erlaubten Tiefstgrenze von 40 Metern einsetzt.

Was ich jedoch weiss, ist, dass es nicht zuletzt dieser Rausch ist – kombiniert mit einer leicht irren Pionierhaltung «to boldly go where no one has gone before» –, der immer wieder TaucherInnen dazu bringt, sich in viel grössere Tiefen vorzuwagen. Orte wie das Blue Hole am Sinai, bei dem es einen mythischen Ausgang auf 60 Metern gibt, ziehen seit Jahrzehnten Glücksritter und Thrillseekers aller Länder an. Der Fussweg zum Einstieg am Blue Hole ist entsprechend gesäumt mit Gedenktafeln für TaucherInnen, die eines Tages den Weg an die Oberfläche nicht mehr gefunden haben, sei es, weil sie unter Wasser das Bewusstsein verloren, sei es, weil ihre Ausrüstung unter Wasser versagte, sei es gar, weil sie sich einen Freitod in der blauen Ewigkeit aussuchten.

Kein Wunder also auch, hörte das Guinnessbuch der Rekorde 2005 damit auf, den Tiefenrekord für PresslufttaucherInnen zu veröffentlichen – was in Zeiten des Internets jedoch kaum hilft. Offiziell liegt der bestätigte Rekord derzeit bei 145 Metern – ein zweiter Weltrekord, der bei 155 Metern liegen soll, ist umstritten. Die Grenze, ab der unter normalen Umständen Sauerstoff potenziell tödlich wirken kann, liegt bei 66 Metern.

Zwei meiner liebsten Tauchlehrer sind seit ein paar Jahren miteinander im Wettbewerb um ihren persönlichen Rekord – inzwischen sind sie bei 120 Metern angelangt. Intelligente Männner. Mit Familie, Kindern, gesicherten Jobs und einem vernünftigen Einkommen. Genug, um davon zu leben, aber leider zu wenig, um sich ein Cabriolet leisten zu können und ihre Midlife-Crisis anders abzuarbeiten. Und es ist eine Frage der Zeit, bis einer von beiden seine persönlichen Grenzen überschreitet.

Das muss man nicht verstehen. Man muss es auch nicht gutheissen. Aber es ist auch kein bisschen weniger verrückt, als wenn Felix Baumgartner powered by Red Bull in 38 000 Metern Höhe aus einem Heliumballon springt. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass einer von den dreien von der Weltöffentlichkeit abgefeiert wird.

Etrit Hasler taucht gerne viel und tief und sucht noch nach Spendern für ein Cabriolet, falls er irgendwann doch noch in die Midlife-Crisis kommt.

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