Kenia : Gewalt sät Gewalt sät Gewalt …

Nr. 16 -

Die kenianischen MuslimInnen fühlen sich von ihrer Regierung verfolgt. Immer mehr von ihnen wollen sich wehren – auch mit radikalen Methoden.

Vor drei Jahren hätte sich Abubakar Ahmed fast der Al-Schabab-Miliz angeschlossen, obschon er die brutale Gewalt der islamistischen Kämpfer eigentlich verurteilt. Dass er damals beinahe in deren Fänge geraten wäre, habe wenig mit seinen religiösen Überzeugungen zu tun gehabt, sagt der junge Kenianer.

Am 14. April hat al-Schabab, die zum Terrornetzwerk al-Kaida gehört, das Bildungsministerium in der somalischen Hauptstadt Mogadischu angegriffen und dort ein Blutbad angerichtet: Siebzehn Menschen sind laut BBC Africa getötet und mehrere weitere verletzt worden. Bereits am 2. April verübten Al-Schabab-Milizen einen schweren Anschlag in Kenia: Sie stürmten die Universität von Garissa im Nordosten des Landes und verschanzten sich sechzehn Stunden lang mit Dutzenden Geiseln. Nachdem Sicherheitskräfte das Gebäude schliesslich gestürmt hatten, waren fast 150 Menschen tot. Der Anschlag war in Kenia der blutigste seit mehr als fünfzehn Jahren.

Um seine Geschichte in Ruhe zu erzählen, geht Abubakar Ahmed durch verwinkelte Gassen voraus. Er wohnt in einem der ärmeren Viertel von Mombasa, Kenias zweitgrösster Metropole nach der Hauptstadt Nairobi. Hier tragen viele Männer eine Kopfbedeckung und bodenlange Gewänder, auch die Frauen bedecken ihr Haar. Die Hafenstadt ist Zentrum einer der beiden kenianischen Regionen, in denen besonders viele MuslimInnen wohnen. Der Islam kam mit den ersten arabischen Händlern, die sich im 11. Jahrhundert an der afrikanischen Ostküste niederliessen, und ist heute Teil der weltoffenen, städtischen Suaheli-Kultur. Die zweite muslimisch geprägte Region Kenias ist das Grenzgebiet zu Somalia, wo auch Garissa liegt. Landesweit bekennt sich nur eine Minderheit von etwa zehn Prozent der Bevölkerung zum Islam.

Radikalisierung an der Küste

Abubakar führt in ein schmales Haus mit einem langen Flur. Dort wohnt er bei der zehnköpfigen Familie seiner Schwester. Gerade spielen einige seiner Nichten und Neffen in dem langen Flur Fussball. Abubakars Zimmer ist ein kleiner Raum, das Bett die einzige Sitzgelegenheit. Umstandslos fängt Abubakar an zu erzählen. Mit einigen Freunden treffe er sich jeden Nachmittag auf einem Platz ganz in der Nähe zum Tee. An einem Freitag im Mai 2012 seien drei Männer auf sie zugekommen, zwei davon muslimisch gekleidet. Sie hätten Söldner für die Armee eines Landes gesucht, dessen Namen sie nicht nennen wollten. «Sie haben uns jeden Monat umgerechnet 300 Euro versprochen, und 100 Euro vorab, noch bevor wir überhaupt Kenia verlassen.» Das Angebot sei für ihn und seine Freunde kaum abzulehnen gewesen. Abubakar machte damals eine Ausbildung zum Elektriker, seine Freunde waren arbeitslos.

Anschliessend erzählte Abubakar seiner Mutter von diesem Anheuerungsversuch. «Sie hat gesagt, dass das Land bestimmt Somalia sei und dass ich mich dort sicher mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft jagen müsse.» Sie riet dem Sohn dringend ab. Der heute 25-Jährige liess sich umstimmen, aber drei aus seiner siebenköpfigen Freundesgruppe verschwanden tatsächlich. Ausser diesen hätten sich noch mehr Leute aus seinem Bekanntenkreis den Islamisten angeschlossen. Sechs von ihnen seien bereits im Kampf für die Al-Schabab-Miliz gestorben. «Einige haben sich als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, andere sind offenbar bei Kämpfen gefallen.» Deren Familien hätten dann einen Anruf von einer somalischen Nummer erhalten, mit der knappen Information, dass ihr Angehöriger tot sei.

«Viele liessen sich vom Geld verführen», so Abubakar. «Aber immer mehr wollen nach Somalia, um dort den Umgang mit Waffen und Sprengstoff zu lernen.» Und das nicht nur für den Krieg in Somalia, sondern auch, um Anschläge in Kenia auszuführen. Die Radikalisierung der jungen Menschen an der kenianischen Küste nehme zu, sagt er. «Seit 2011 wird in einigen Moscheen gepredigt, dass wir gegen die kenianische Regierung kämpfen müssen, weil sie unsere Rechte verletze und unsere Religion beleidige.» Im Oktober 2011 marschierte die kenianische Armee in Somalia ein, um dort an der Seite einer afrikanischen Eingreiftruppe gegen die Al-Schabab-Miliz zu kämpfen. Nach dem Einmarsch des kenianischen Militärs schwor die Gruppe Rache und hat seitdem vermehrt schwere Anschläge auch auf kenianischem Boden verübt. Ihre hasserfüllte Propaganda gegen die (christlich geprägte) kenianische Regierung stösst bei den kenianischen MuslimInnen auf eine lange Erfahrung von Ausgrenzung – in der Region rund um Garissa noch stärker als an der Küste, die durch die Suaheli-Kultur geprägt ist. Dort lebten Musliminnen und Christen verschiedener Ethnien bis zur jüngsten Eskalation problemlos zusammen.

Pauschale Verdächtigung

Rund um Garissa ist das anders. Der Nordosten Kenias liegt auf dem Siedlungsgebiet des somalischen Volkes; die dortige Bevölkerung fühlt sich seit der Staatsgründung 1963 an den Rand gedrängt. In den Augen des ersten Präsidenten Jomo Kenyatta waren diese somalischen KenianerInnen «Shiftas», bewaffnete Banditen, und so wurden sie auch behandelt: verfolgt und oftmals getötet. Das bislang schlimmste Massaker verübten kenianische Sicherheitskräfte am 10. Februar 1984: Auf der Landepiste der Stadt Wagalla wurden Tausende erst tagelang in der brütenden Hitze interniert, dann vergewaltigt und ermordet. Überlebende beziffern die Zahl der Opfer auf mehrere Tausend. Die Regierung spricht von 57.

Seit auch Kenia gegen den Terrorismus kämpft, klagen somalische KenianerInnen über pauschale Verdächtigungen. Die Kluft zwischen der kenianischen Regierung und den kenianischen MuslimInnen ist seit Oktober 2011 stetig tiefer geworden. Dutzende oder gar Hunderte sind bisher als mutmassliche TerroristInnen verhaftet und über Tage festgehalten worden. An der Küste verschwinden immer mehr MuslimInnen spurlos oder werden ermordet. Für die Bevölkerung ist nicht erkennbar, dass die Polizei ermittelt, zu Gerichtsverfahren kommt es fast nie. Die Leute gehen deshalb davon aus, dass die PolizistInnen selbst die Menschen erschiessen. Auch diverse Menschenrechtsgruppen werfen der Regierung aussergerichtliche Hinrichtungen vor. Nach deren Schätzungen werden allein an der Küste jährlich rund achtzig Menschen von Sicherheitskräften getötet.

Unter den MuslimInnen ist die Angst vor einer aussergerichtlichen Hinrichtung inzwischen weit verbreitet. «Alle haben das Gefühl, dass die Regierung nicht gegen den Terror kämpft, sondern gegen den Islam», sagt einer, der unter den jungen Männern an der Küste gegen die Radikalisierung predigt und trotzdem um sein Leben fürchtet. Denn fünf seiner Freunde wurden bereits unter ungeklärten Umständen erschossen. «Natürlich habe ich Angst, der Nächste zu sein.» Er ist gerade Vater geworden und seine Familie fleht ihn an, dass er sich den kurz gestutzten Bart ganz abrasiert. Andernfalls, so die Befürchtung, werde er erschossen. Diese Panik mag übertrieben sein, ist aber bezeichnend für die Stimmung an der Küste. Noch vor wenigen Monaten habe die Al-Schabab-Miliz hier nur wenige SympathisantInnen gehabt, sagt der junge Vater. «Wir sind gegen deren Gewalt, wir haben ein anderes Verständnis vom Islam», betont er. «Aber die Regierung beleidigt uns und unsere Religion. Sie hat unsere Moscheen mit schweren Waffen gestürmt, in unseren Gotteshäusern Menschen verhaftet und getötet. Wir Muslime werden alle als Terroristen verdächtigt. Da ist es vielleicht an der Zeit, sich zu wehren.»