Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Flexibel bis in den Schlaf

Das Büro wird zum Ort von Kommunikationsereignissen – zeitgenössische Angestellte verlieren nach und nach jeglichen Bezug zu ihrer eigentlichen Arbeit.

Von Ulrike Baureithel

Büroarbeit heute: Sitzungen, Sitzungen bis tief in die Nacht. Foto: Deniz Saylan

Die erste Filmkamera der Welt war, kaum zu glauben, auf ein Fabriktor gerichtet, aus dem ArbeiterInnen strömten. Der Dokumentarfilmer Harun Farocki hat diese kurze Szene der Brüder Lumière hundert Jahre später adaptiert und den langsamen Abschied von der tayloristischen Industriearbeitswelt eingefangen. Aber nicht nur die Fabrik, auch das Büro hat sich in den letzten hundert Jahren verändert. Die neue Bürotechnik, Managementlehren und positive Psychologie fordern die nun «Dienstleister» genannten BüroarbeiterInnen auf, als «ganze Menschen» den unabschliessbaren «Change» am Laufen zu halten.

Gleichzeitig hat der überwiegende Teil der Angestellten kaum oder nur noch wenig Bindung zum Betrieb. «Up, up, and away», innerliche Kündigung scheint die Grundhaltung der Beschäftigten zu sein: Ein grosser Teil geht in die innere Emigration, ist demoralisiert, zynisch oder wird krank. Während die einen unter der Freiheit von Arbeit, der Arbeitslosigkeit, zusammenbrechen, leiden die anderen an der Freiheit in der Arbeit. Was ist geworden aus dem Versprechen, das «Reich der Notwendigkeit» in ein «Reich der Freiheit» (Marx) zu überführen? Ist die Hoffnung auf den gesellschaftlichen Gesamtarbeiter zum Albtraum des umfassend verfügbaren, sich selbst optimierenden Kreativarbeiters pervertiert?

Manager ihrer selbst

Der «Kampf um die Arbeitsfreude» beschäftigte schon die damals neu aufkommende sogenannte «Einstellungsforschung» in der Weimarer Republik. Der Soziologe Hans Speier etwa sah gerade in der traditions- und «wesenlosen» Angestelltenschaft die AgentInnen der Modernisierung. Dabei interessiert heute weniger die Frage, inwieweit diese neue Mittelschicht den Nationalsozialismus ermöglichte, sondern ob in der «schönen neuen Welt der Angestellten» – so der Untertitel einer von Christoph Bartmann kürzlich vorgestellten Studie – auch heute noch die künftige Welt des Arbeitens aufscheint.

Bartmann beginnt mit einem Selbstversuch und dokumentiert den typischen Arbeitstag eines für die neuen Angestellten nicht unbedingt typischen Wissensarbeiters. Als «E-Mail-Junkie» an der langen Leine seiner Officeprogramme empfindet er sich im Büro als überflüssig – zum eigentlichen Arbeiten kommt er erst abends zu Hause. Das Büro ist der Ort von «Kommunikationsereignissen», Sitzungen und Besprechungen, die mit der Herstellung, Darstellung und Evaluierung seiner Arbeit zu tun haben. Was Arbeit ist, wird projektiert, formatiert und in Zielvereinbarungen gegossen, beworben und auf den Prüfstand gestellt.

Als Werber in eigener Sache muss der Wissensarbeiter deshalb ein strategisch-taktisches Verhältnis zur Wahrheit entwickeln und lernen, dass «Leistung» kein objektiv messbarer Faktor mehr ist, sondern abhängig von seiner «Performance». Er ist Manager des Projekts und seiner selbst und wird nicht mehr beaufsichtigt von befehlenden Chefs, sondern von sanft gängelnden Coaches, die in einem quasi therapeutischen Verhältnis zu ihm stehen. Weil der Arbeitsprozess permanent «floatet» und nie abgeschlossen ist, ist der Arbeitstag nie beendet, sondern reicht (selbstbestimmt natürlich!) ins Reich der Freizeit hinein.

Die Überforderungen, denen das Arbeitssubjekt mit dem «Managerismus», der Kurzfristigkeit der Produktion und sich ständig ändernden temporären Strukturen ausgesetzt ist, hat Richard Sennett schon vor über zehn Jahren in «Der flexible Mensch» umrissen und dafür den Begriff «Drift» eingeführt. Die schwachen Bindungen sind Voraussetzung, um mit den immer oberflächlicher werdenden spezialisierten Arbeitszusammenhängen klarzukommen. Die von Bartmann beschriebene unendliche Flexibilität und Anpassungsbereitschaft zeigt sich im Willen zum ständigen «Change» – zum Loslassen und ständigen Zerstören des gerade Geschaffenen. Immer wieder Nullpunkt, lautet die Parole, immer wieder die Bereitschaft, sich zu beweisen und verletzlich zu machen. Das «lebenslange Lernen» bleibt letztlich ziellos und bedarf ständiger Selbstmotivierung. Die Flut der «positiven» Ratgeberliteratur ist ein Indiz für diese nie beendbare Arbeit am Selbst.

Theologie der Selbststeuerung

Mit der Übergabe des Büros an den Manager wiederholt sich eine Entwicklung, die Jahrzehnte zuvor bereits den industriellen Produktionsprozess revolutionierte. Harry Bravermann beschrieb 1974 in «Die Arbeit im modernen Produktionsprozess», wie die Herrschaft des Managements den Techniker und die Facharbeiterin degradiert und die funktionalen Zusammenhänge der Tätigkeiten gekappt hat.

Auch in den Büros gehen mit der Einführung des Managements die spezifischen beruflichen Fertigkeiten verloren. Dort entwickelt sich eine Klasse von mittelmässigen angestellten ManagerInnen «ohne besondere Eigenschaften» (Bartmann), die den Anschein erwecken, UnternehmerInnen zu sein. Bartmann skizziert, wie die Theologie der (Selbst-)Steuerung in den neunziger Jahren den Weg in die Politik (etwa in der Koalition von Tony Blairs New Labour und Gerhard Schröders «aktivierendem Sozialstaat») genommen und einen sozialkybernetisch gesteuerten Umbau des Subjekts in Gang gesetzt hat. Wo Bürokratie war, ist nun New Public Management, sekundiert von Controlling, Screening und Signalling. Und wo der alte Angestellte war, ist nun der fordernde und fördernde Dienstleistungsjünger, der es gelernt hat, Berichterstatter und Vermarkter in eigener Sache zu sein.

Auf der Kehrseite des Kontraktmanagements lauert die Lüge: Die unendliche Evaluation provoziert geradezu «angepasste Wahrheiten» – die Erfüllung des Standards ist ohnehin das Gegenteil von Exzellenz. Dass das «neue Büro» allerlei Pathologien – von der «passiven Aggressivität» (Bartmann) über die Sprachzerschlagung durch Power Point bis zum luxurierenden Burn-out («Depression des Überflusses») – hervorbringt, ist kaum verwunderlich und belebt wiederum das beratende Gewerbe.

In der Extremform führt die Managerisierung des Büros zu seinem völligen Zerfall, der sich in der «Raumkrise» offenbart: Die einstigen Büroangestellten arbeiten als digitale Bohème in Transiträumen oder Hallenprojekten, feiern ihre totale Entfremdung als Selbstverwirklichung und pflegen ihr Ressentiment gegen das Büro, sozusagen als Fortsetzung des intellektuellen Kälteprojekts der zwanziger Jahre. Die politischen Folgen davon lassen sich derzeit am Höhenflug der Piraten-Partei studieren.

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