Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

«Nein, ich bin kein Pessimist»

Der Umbau der Arbeitsgesellschaft hat zu einer tief greifenden Umwertung sozialer Werte geführt. Der deutsche Soziologe Oskar Negt spricht über die Rolle von Aufklärung, Gewerkschaften und Bewegungen.

Interview: Stefan Howald

WOZ: Herr Negt, Sie haben sich seit längerem mit der Krise der Arbeitsgesellschaft beschäftigt. Wo stehen wir gegenwärtig in dieser Krise?
Oskar Negt: Tatsächlich leben wir in einer zu Ende kommenden Arbeitsgesellschaft. Durch den technologischen Fortschritt wird immer mehr mit immer weniger lebendiger Arbeit, also durch menschliche Arbeitskraft, produziert. So entsteht eine Armee der dauerhaft Überflüssigen. Dazu zählen die Alten, die nicht mehr im Produktionszentrum unserer Gesellschaft stehen, aber auch die Jungen, wie die gegenwärtige Jugendarbeitslosigkeit zeigt. Das heisst, die Alten und die Jungen sind beide Opfer eines beschleunigten Produktionssystems.

Unsere gesamte Ökonomie wird unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben und ist keine «Ökonomie des ganzen Hauses» mehr, wie das einst genannt wurde, also des ganzen Gemeinwesens. Mehr noch: Die betriebswirtschaftlich beschädigte Vernunft dringt in alle Poren der Gesellschaft.

Das lässt sich ja etwa bei der gegenwärtigen Durchrationalisierung der Care-Ökonomie sehen.
Ja, da wird ökonomisiert und die zur Verfügung stehende Zeit reduziert. Doch zum Beispiel Sterbebegleitung unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten hat etwas Obszönes. Das ist doch nicht einfach eine Frage der Betreuung, sondern es geht darum, dass diejenigen, die sterben müssen, lange und viel erzählen können. Aber heute werden alle Zeitdimensionen reduziert.

Was hat dieses betriebswirtschaftliche Denken für gesamtgesellschaftliche Konsequenzen?
Die gesellschaftliche Balance ist durch Polarisierung, Flexibilisierung und Abkoppelung gestört. Da ist erstens die Polarisierung von Arm und Reich, zwischen Eliten und den Übrigen. Zweitens wird die Flexibilisierung als eine Art Freiheitseldorado betrachtet, bedroht aber eher die Identität der Menschen. Und schliesslich gibt es eine Dreiteilung der Gesellschaft in Wohlhabende sowie gut Integrierte; in solche in fragmentierten, prekären Lebensverhältnissen; und drittens in jene Abgekoppelten, die überflüssig sind.

Verbunden ist das mit einer kulturellen Erosionskrise, wie ich es nenne. Die alten Werte und Haltungen sind zwar noch da, aber haben ihren universellen, selbstverständlichen Geltungscharakter verloren, und neue Werte sind noch nicht vorhanden.

Welche Werte meinen Sie?
Es geht um drei Werte und deren Entwertung: Erfahrung, Bindung und Erinnerung.

Die akkumulierte Erfahrung des Einzelnen in der Gesellschaft wird nicht mehr gebraucht, wenn die Menschen nicht mehr wissen wollen, was gewesen ist, wenn sie das Erinnern nicht mehr stimulieren, wenn die Zeit nicht gedehnt wird.

Was heisst Verlust an Bindungen?
Es geht um die Beteiligung der Menschen am Gemeinwesen und darum, dies als etwas existenziell Notwendiges sichtbar zu machen. Dazu gehört auch, die eigenen Leistungen und die Tätigkeiten der Einzelnen anzuerkennen. Unsere demokratischen Strukturen sind nicht mehr imstande, solche Bedürfnisse menschlich zu gestalten. Doch die Auflösung von Bindungen führt ja nicht dazu, dass das Bedürfnis nach Bindungen schwindet. Im Gegenteil, es wird stärker. Die Bindungsangebote der Rechtsradikalen nehmen an Bedeutung weiter zu, siehe die EU-Wahlen.

Wie kann die Rückbindung an die Gesellschaft für ausgegrenzte Bevölkerungsschichten geschehen?
Das ist so schwierig, weil wir gegenwärtig auf einer Stufe des Kapitalismus stehen, die sich auch Kapitalismuskritiker nicht vorgestellt haben: der digitalisierte, vernetzte Kapitalismus, in dem die Warenproduktion bis in die Subjekte selbst hineinragt.

Marx hat von der formellen Subsumtion der Lebensverhältnisse unter das Kapital gesprochen, und das bedeutet, dass das Kapital irgendwie noch sichtbar ist, als ein Aussen, das uns bestimmt. Die reelle Subsumtion besteht nun darin, dass das Kapital sich in unseren Körperformen festgesetzt hat, nach innen gegangen ist, sodass Innen und Aussen nicht mehr zu unterscheiden sind.

Ist diese Unterwerfung der Körper und Seelen neben der Technologie nicht auch durch Politik und Ideologie des Neoliberalismus bewirkt worden?
Technologische Errungenschaften assimilieren sich mit bestimmten Herrschaftsverhältnissen. So entsteht eine Herrschaftsform, die kein Aussen mehr hat, nicht mehr von aussen betrachtet werden kann.

Wir stecken in einem Zeitalter intensiver kultureller Suchbewegungen. Sie haben unsere Epoche aufgesprengt. Ich würde keine Garantie dafür abgeben, dass es in Europa nicht so etwas wie einen veränderten Faschismus geben kann oder Formen der Demokratie, die eher plebiszitär sind. Deshalb dürfen wir das Demokratieprojekt nicht vernachlässigen. Demokratie ist für mich die einzige staatlich organisierte Gesellschaftsform, die gelernt werden muss. Darum müssen wir auf Lernprozesse, auf Aufklärungsprozesse ein besonderes Gewicht legen. Ich setze sehr viel auf Aufklärung: sich bewusst machen, in welchem Systemrahmen man sich bewegt. Das führt nicht immer zu revolutionären Veränderungen, aber zu Schritten, in denen Menschen doch allmählich sehen, dass es hier um Systemfragen geht, nicht um individuelle Fähigkeiten oder individuelle Charakterprägungen.

Welche Rolle spielt der politische Intellektuelle in dieser Aufklärungsarbeit?
Eine sehr grosse. Statt die Zeitstrukturen von betriebswirtschaftlicher Rationalität zu reproduzieren, muss er zum Beispiel darüber aufklären, dass Bildung eine Art Lagerhaltung, Vorratsbildung ist. Die europäische Bildungsidee, wie sie von Wilhelm von Humboldt und anderen grossen Alternativpädagogen formuliert wurde, lebt davon, dass Erfahrungen aufgenommen und bewahrt werden, dass Meinungsdifferenzen ausgetragen werden.

Sie haben in Zürich an einem Kongress über das Alter und das Altern teilgenommen. Warum sind die alten Menschen plötzlich kongresswürdig geworden?
Die Alten liegen wie ein Stein im Magen der westlichen Gesellschaften. Dieselben Reproduktionsfaktoren, die dazu dienen, dass die Menschen älter werden – Medizin, die Ernährung –, führen gleichzeitig zu einem zahlenmässigen Ungleichgewicht zwischen Alten und Jungen. Und dieselben Produktionsfaktoren – dass immer mehr mit immer weniger Anwendung lebendiger Arbeit produziert wird – führen gleichzeitig dazu, dass die Alten immer weniger für diese Produktionsprozesse gebraucht werden.

Natürlich ist seit der Antike über die Alten geklagt worden. Ciceros Schrift «De Senectute» bezieht sich auf die «Nikomachische Ethik» von Aristoteles, in der gesagt wird, was auch heute noch gilt: Altern ist kein Problem, wenn die Alten zurückblicken auf ein zufriedenstellendes, gut gelebtes Leben. Altern wird zum Problem, wenn es ein fragmentiertes Leben, wenn es zerstörtes, beschädigtes Leben ist.

Deshalb muss man vermeiden, das «Altersproblem» als ein Problem der Alten zu betrachten. Es ist ein Problem der gesellschaftlichen Organisation der Ökonomie, der Produktionsgrundlagen.

Bis heute haben Sie immer an der Bedeutung der Gewerkschaften auch im Hinblick auf eine menschenwürdige Kultur festgehalten.
Die Gewerkschaften sind die einzigen Gegenmächte, die darum kämpfen können, die der Produktion dienende Arbeitszeit zu reduzieren und die notwendigen Arbeiten gesellschaftlich anders zu verteilen. Nur dadurch kann die zunehmende Selbstausbeutung der Menschen zurückgedrängt werden, die Entgrenzung zwischen freier Zeit, Regenerationszeit und Arbeitszeit, wodurch wir eigentlich Tag und Nacht arbeiten. Gleichzeitig müssen die Gewerkschaften verhindern, dass diejenigen Menschen, die Arbeit haben, und diejenigen, die arbeitslos sind, polarisiert werden.

Wie sieht es mit den politischen Parteien aus? Haben die noch eine entsprechende organisatorische Kraft?
Deren Verankerung im Alltag ist verloren gegangen, sie verfügen nicht mehr über eine ansprechbare Klientel. Aber generell gibt es sowieso kein einziges Subjekt der Veränderung mehr, wir erleben vielmehr gesellschaftliche Bewusstwerdungsprozesse, die in sehr verstreuten Räumen stattfinden, in der Schule ebenso wie hier bei unserem Gespräch oder auch an Gewerkschaftskongressen. Eine Summierung von Prozessen, bei der man nicht mehr eindeutig von einem Hebel sprechen kann, einem archimedischen Punkt, um die Welt aus den Angeln zu heben – vielleicht hat es den niemals gegeben, aber er fehlt heute noch stärker.

Solche Veränderungen vollziehen sich heute sehr oft in den Nischen der Gesellschaft, in denen kleine autonome Projekte neue Ideen erproben.
Tatsächlich glaube ich, dass die Versuchslandschaft in Europa gewachsen ist, die Bereitschaft, etwas auszuprobieren. Nein, ich bin kein Pessimist. Im Übrigen gilt, was Robert Musil einmal gesagt hat: Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt – was ja ganz in Ordnung ist –, dann muss es auch einen Möglichkeitssinn geben. Und diesen Möglichkeitssinn zu fördern, in den Schulen und in der Öffentlichkeit, und zu sagen, die Dinge sind nicht alternativlos, sondern man muss sie drehen und wenden, sodass sie Seiten zeigen, die ganz andere Entwicklungen ermöglichen – darauf setze ich.

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