Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Der Pegasos-Skandal

Von Susan Boos

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) hat Anfang der Woche offiziell festgestellt: Die Schweizer Atomkraftwerke halten jedem Erdbeben stand – auch dem stärksten angenommenen Megabeben, das innerhalb von 10 000  Jahren auftreten kann.

Vor 10 000  Jahren ging die letzte Eiszeit zu Ende. Da niemand solche Zeiträume überblicken kann, behilft man sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Und da kommt Pegasos ins Spiel. Die Abkürzung steht für «Probabilistische Erdbebengefährdungsanalyse für die KKW-Standorte in der Schweiz». Diese Studie wurde von einem unabhängigen internationalen Expertenteam verfasst und 2004 fertiggestellt. Ihr Ergebnis sorgte für Aufregung: Die ExpertInnen waren zum Schluss gekommen, dass das Risiko in der Schweiz massiv unterschätzt worden war – zum Beispiel müsse man beim AKW Mühleberg mit einem 2,6 Mal stärkeren Erdbeben rechnen als früher angenommen. Was bedeutet, dass die Gefahr für einen schweren Atomunfall insbesondere bei den drei Altreaktoren markant höher ist.

Skandalös ist aber vor allem, dass die Studie bis heute nicht öffentlich greifbar ist. Man kennt lediglich die wenigen Eckdaten, die danach in Ensi-Berichten zitiert wurden.

Markus Kühni, ein Berner Ingenieur, beschäftigt sich seit langem mit dem AKW Mühleberg. Er hat schon früher nachweisen können, dass sowohl die AKW-Betreiber als auch das Ensi die Hochwassergefahr massiv unterschätzten. Nun hat er sich das Erdbebenrisiko vorgenommen und kann belegen, wie Betreiber und Ensi tricksen, um die Gefährdung schönzurechnen.

Wie berechnet man ein Erdbeben?

Die Pegasos-Legende beginnt Ende der neunziger Jahre. Die HSK (Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen, heute Ensi) kam zum Schluss, «dass die für die Schweizer KKW vorliegenden Erdbebengefährdungsanalysen nicht mehr in allen Punkten dem aktuellsten Stand entsprechen». In der Folge wurde Pegasos erarbeitet, die HSK lobte die Ergebnisse, mit dem Projekt würde «international ein neuer Standard gesetzt».

Doch worum geht es konkret? Ein Erdbeben schüttelt Gebäude durch, je heftiger es bebt, desto höher ist die Beschleunigung, desto grösser werden die Schäden. Die Beschleunigung wird in «g» gemessen, das sind Meter durch Sekunden im Quadrat. Wichtig ist: Vor Pegasos ging man beim schlimmsten Erdbeben etwa von 0,15 g aus, die unabhängigen ExpertInnen kamen nun zum Schluss, dass man mit 0,39 g rechnen muss. Die erste Zahl entspricht etwa einem Erdbeben der Stärke 7, die zweite einem der Stärke 7,5 auf der Richterskala (das Erdbeben in Fukushima hatte 9). 1356 legte ein Beben, das eine Stärke zwischen 6 und 7,1 hatte, die Stadt Basel in Trümmer.

Schaut man jetzt in den Unterlagen nach, in denen behauptet wird, Mühleberg sei sicher, wird nur noch mit einem Wert von 0,24 g gerechnet. Der ursprüngliche Wert der unabhängigen ExpertInnen wurde also um fast vierzig Prozent reduziert.

Kühni hat detailliert rekonstruiert, wie die Pegasos-Daten verwässert wurden. Als Erster startete der heutige Leiter des AKWs Gösgen, Jens-Uwe Klügel, im Fachmagazin «Engineering Geology» eine Attacke. Er unterstellte, die Pegasos-ExpertInnen hätten schlecht und unwissenschaftlich gearbeitet. Diese antworteten irritiert, weil Klügel sie angriff, obwohl Pegasos gar nicht veröffentlicht worden war. Sie zerpflückten Klügels Kritik Punkt für Punkt. Sie konterten auch, Klügel habe fachlich keine Ahnung – was zutreffen dürfte, weil Klügel nicht Geologe ist: Er hat in den siebziger Jahren in Moskau Kerntechnik studiert, in den neunziger Jahren war er bei der Atomaufsichtsbehörde HSK angestellt.

Wie rechnet man die Gefahr klein?

Der Disput ging im Fachmagazin noch weiter. In der Schweiz machte hinter den Kulissen die Lobbyorganisation Swissnuclear Druck, weil ihr die Pegasos-Resultate nicht gefielen. Und die HSK gab nach: 2007 reduzierte sie den umstrittenen Wert um rund zwanzig Prozent.

Gleichzeitig durfte Swissnuclear das «Pegasos-Verfeinerungs-Projekt» starten und hat dabei klammheimlich den Wert nochmals um rund zwanzig Prozent reduziert – so kommt man von 0,39 auf 0,24 g. Swissnuclear ist eine Fachgruppe von Swisselectric, einem Verein, der den Schweizer AKW-Betreibern gehört (Axpo, BKW, Alpiq et cetera). Philipp Hänggi leitet die Fachgruppe. Er will aber nicht sagen, wer die Fachleute sind, die die neue Erdbebenstudie machen. Auch will er nicht sagen, über welches Budget Swissnuclear verfügt.

Ursprünglich ging die Atomaufsichtsbehörde davon aus, dass die von Swissnuclear überarbeitete Erdbebenanalyse Ende 2007 fertig sei. Laut Hänggi wird sie aber erst Anfang 2013 publiziert.

Das Ensi bescheinigt also den AKWs Erdbebensicherheit, bevor die Analysen vorliegen und debattiert werden können. Zudem lässt das Ensi zu, dass die unabhängige Studie von der AKW-Industrie selber schöngerechnet wird – mit der Begründung, laut Schweizer Gesetz müsse «der Betreiber die Sicherheit nachweisen, die Aufsichtsbehörde prüfen». Doch am Ende erfährt man nicht einmal, wer was gerechnet hat. Markus Kühni stellt fest: «Gegen die Interessen der AKW-Lobby kann man in der Schweiz selbst Erkenntnisse hochkarätiger Wissenschaftler nicht zur Anwendung bringen.»

Und noch etwas: Liest man den Erdbebenbericht von Beznau genau, könnte es dort nach einem Megabeben zu massiven radioaktiven Freisetzungen kommen. Ein Kleinkind könnte mit bis zu 78 Millisievert belastet werden. Erlaubt sind zwar laut Störfallverordnung 100 Millisievert – der Grenzwert für den Normalfall liegt allerdings bei 1 Millisievert pro Jahr (in Japan in den kontaminierten Gebieten bei 20 Millisievert pro Jahr). Wenn das Ensi nun zur Erdbebensicherheit schreibt, «der Schutz der Bevölkerung und Umwelt vor einer zu hohen Strahlendosis ist gewährleistet», klingt das doch etwas zynisch.

Nachtrag von 16. August 2012

Mühleberg und Jod

Am Dienstag gab das Berner Energieunternehmen BKW sein neues Instandhaltungskonzept für das AKW Mühleberg bekannt. Es will 170 Millionen Franken investieren, um die Anlage bis 2022 betreiben zu können. Der Kernmantel hat schon Risse, nun droht weiteres Ungemach: Der Reaktordruckbehälter – der Kessel mit den Brennelementen – könnte ebenfalls Risse aufweisen. Beim belgischen Reaktor Doel 3 fand man solche Risse, die Anlage wurde bis auf Weiteres stillgelegt. Offenbar ist fehlerhafter Stahl dafür verantwortlich. Der Behälter stammt von einer belgischen Firma, die auch den Behälter nach Mühleberg geliefert hat. Zurzeit steht das AKW Mühleberg wegen der jährlichen Revision still, man wird vermutlich den Druckbehälter mit Ultraschall überprüfen müssen.

Ebenfalls diese Woche räumten die Behörden gegenüber Radio DRS ein, dass die Versorgung mit Jod in der Schweiz nicht klappen würde. Bei einem schweren Atomunfall tritt radioaktives Jod aus, das Schilddrüsenkrebs verursacht. Die rechtzeitige Einnahme von Jod würde die Bevölkerung schützen. Nur weiss man nicht, wie man die Leute ausserhalb der Notfallschutzzonen rechtzeitig mit Jod bedient. Die Post hätte das tun sollen, ist dazu aber nicht in der Lage. Bis im nächsten Sommer soll ein neues Jodverteilkonzept vorliegen.

Susan Boos

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