Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Darf denn eine Ausländerin mitschwingen?

Ruth Hoxha-Marty wollte ihre amerikanischen ArbeitskollegInnen zum Schwingen bringen – erfolglos. Inzwischen hoffen diese, dass sie bald einmal in die Kränze kommen wird.

Von Mirjam Grob (Text) und Ursula Häne (Foto)

Ruth Hoxha-Marty: «Uns ist die Herkunft eigentlich egal, solange die Person sich anständig benimmt. Ich meine, sie kann ja nichts dafür, dass sie nicht gerade im Muotatal geboren wurde.»

WOZ: Ruth Hoxha-Marty, wir haben bei unserem letzten Treffen gleich Duzis gemacht. Sind alle Schwingerinnen so offen, gar nicht konservativ wie ihr Ruf?
Ruth Hoxha-Marty: Wir sind sicher stolz darauf, dass wir schwingen, und haben Freude am Schwingen. Und wir haben alle – das setzen wir schon fast voraus – einen gegenseitigen Respekt voreinander. Man geht anständig miteinander um, ist nicht unflätig. Das ist unser Leitbild. Aber konservativ …

Konservativ vielleicht eher im Sinn von verschlossen. Wäre es denn möglich, dass eine Ausländerin mitschwingt?
Natürlich, das kommt auch vor. Ich erinnere mich an zwei Frauen, die einmal dabei waren. Es ist wirklich kein Problem, uns ist die Herkunft eigentlich egal, solange die Person sich anständig benimmt. Ich meine, sie kann ja nichts dafür, dass sie nicht gerade im Muotatal geboren wurde. Da sind wir wirklich unkompliziert. Auch die Männer, es gibt bei ihnen ebenfalls unterschiedliche Schwinger.

Du trägst einen ausländisch klingenden Nachnamen. War das nie ein Problem?
Genau, Hoxha [«Hotscha» ausgesprochen], mein Mann ist Albaner. Ein Problem? Ja, für den Speaker beim Schwingfest manchmal schon (lacht). Aber sonst, nein, das interessiert doch niemanden. Die anderen haben einfach gehört «Hoxha» – es wird immer «Hoxa» mit x ausgerufen – und haben gefragt: Wie bitte, ist das eine Neue? Aber das Gleiche passiert auch, wenn jemand «Widmer» ruft. Dann fragen sich alle: Was? Haben wir jemanden, der Widmer heisst? Denn die Alteingesessenen kennen sich natürlich.

Wenn ich höre, dass jemand Wenger heisst, frage ich auch, woher sie komme und mit wem sie verwandt sei. Ich finde, man darf doch Fragen stellen. Aber sonst, nein. Mein Mann ist auch einmal ins Schwingtraining gekommen, es ist also wirklich kein Problem. Aber das Interesse ist sicher da, denn die Konstellation ist vielleicht nicht alltäglich. Die meisten haben schon einen Schweizer Namen. Ich bin die Einzige, die keinen hat.

Wie finden es denn deine US-amerikanischen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen bei der Privatbank, dass du schwingst?
Also, die meisten lachen sehr darüber. Jetzt haben sie sich aber daran gewöhnt. Ich habe ihnen einfach eines Tages gesagt: «So, ich fange jetzt an zu schwingen», «Swiss Wrestling» auf Englisch. Und dann sind sie drei Wochen später nochmals gekommen und haben gefragt: «Der Witz war ja gut, aber jetzt im Ernst, kann man das einmal sehen?» Wie du das letzte Mal nach dem Training gesehen hast, bekomme ich sehr schnell blaue Flecken. Als ich dann die ersten paar Male im Sommer nach dem Training zur Arbeit gekommen bin, sind alle zuerst einmal erschrocken. Und wenn du als Frau mit blauen Flecken zur Arbeit kommst …

Gab es da wirklich solche Vermutungen?
Ja, ich habe es so interpretiert. Es wussten halt noch nicht alle, dass ich schwinge. Und ich habe wirklich ausgesehen, als wäre ich geschlagen worden. Eigentlich war die Anteilnahme noch herzig. Die einen haben tatsächlich gedacht: Jesses Gott, ein Albaner als Mann, jetzt ist sie geschlagen worden. Jetzt wissen aber alle, dass ich schwinge. Und wenn ich wieder einmal mit blauen Flecken komme, fragen sie nur noch: «Hast du wenigstens gewonnen?» Denn wir haben eine Abmachung: Wenn ich einen Kranz gewinne, dann muss ich ein Zmorge spendieren, und wenn ich einen Festsieg habe, muss ich für alle Pizza bestellen.

Der Schwingsport ist in den letzten Jahren zu einem Publikumsmagnet geworden. Spürt ihr Frauen das auch?
Überhaupt nicht. Die Männer haben unglaublich Nachwuchs. Doch bei uns Frauen bleibt die Zahl konstant. Dabei dürfte der Hype schon ein bisschen auf uns überschwappen! Wir sind einfach eine Randgruppe einer Randsportart. Wobei, «Randsportart» kann man eigentlich nicht mehr sagen. Bei meinem früheren Arbeitgeber hatten wir, als die Bank Hauptsponsorin des Eidgenössischen war, in der Cafeteria sogar einen eigenen Schwingplatz! Benutzt wurde er aber meines Wissens nie.

Ist es für dich nicht problematisch, wenn das Schwingen für Werbung benutzt oder von gewissen politischen Parteien instrumentalisiert wird?
Wenn die Betroffenen einverstanden wären, dann würde ich sagen, die müssen das selber wissen. Aber wenn einfach jemand sagt: «Schwinger wählen uns» – Entschuldigung, dazu gibt es ja keine Statistik, du musst auf dem Wahlzettel ja nicht angeben, ob du schwingst. Es gibt sicher einen Prozentteil, der diese Partei wählt. Aber ich habe einfach Mühe mit Verallgemeinerungen. Die Männer haben sich dann ja gewehrt. Zu Recht, denn Schwingen ist neutral. Das ist klar festgelegt, in allen Statuten, in unserem Leitbild. Und wenn es einen Missbrauch gibt, dann verstehe ich, wenn sich gewisse Leute darüber aufregen.

Ich wollte einfach nicht auch noch meinen Senf dazugeben, sonst hätten sie wieder genau das gehabt, was sie wollen, das wird wieder tagelang in den Zeitungen herumgereicht, und sie haben Millionen von Werbegeldern gespart.

Ruth Hoxha-Marty (34) findet, es gebe kein günstigeres Fitnesstraining als Schwingen. Mehr Informationen über das Frauenschwingen unter www.frauenschwingen.ch

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