Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Was tut man denn mit einem Alpaka?

Ruth Hoxha-Marty, die Präsidentin des Schweizer Frauenschwingverbands, arbeitet bei einer Privatbank an der Zürcher Bahnhofstrasse. Zum Glück hat sie noch nie an einem Schwingfest gewonnen, denn sie wüsste gar nicht, wo sie die Tiere unterbringen sollte.

Von Mirjam Grob (Text) und Ursula Häne (Foto)

Ruth Hoxha-Marty im Schwingkeller in Arth-Goldau: «Schwingen ist halt kein sehr graziöser Sport. Und deshalb denken vielleicht viele, Jesses Gott, was müssen das denn für Frauen sein!»

WOZ: Frau Hoxha-Marty …
Ruth Hoxha-Marty: Duzen wir uns doch. Im Schwingsport duzen sich alle.

Gerne. Ruth, du nimmst mich, eine äusserst unsportliche junge Frau, mit ins Schwingtraining. Kommt das gut heraus?
(Lacht.) Ja-ah, am Anfang wirst du halt etwas herumgeworfen und schaffst es selbst kaum, jemanden zu Boden zu bringen. Es ist eben schwierig zu wissen, wies geht. Die meisten haben vor allem Angst vor dem Fallen, sie lassen sich nicht auf die andere drauffallen. Dabei schlägst du so viel weicher auf. Aber das meiste ist einfach Übungssache. Du musst regelmässig trainieren, dann kommt das schon.

Wie lange schwingst du denn schon?
Seit vier Jahren. Ich bin aber schon die Älteste im Schwingklub. Die meisten hören Mitte dreissig wieder auf, ich habe erst mit dreissig angefangen. Körperlich ist das gar kein Problem, aber die anderen fangen viel früher an. Wenn du als Zehnjährige mit dem Schwingen beginnst, hast du mit dreissig genug davon.

Wie bist du zum Schwingen gekommen?
Ich wohne inzwischen zwar in Zürich, komme aber aus dem Muotatal. Und obwohl mich Schwingen nie besonders interessiert hat, bin ich halt damit aufgewachsen. Ich habe zuerst verschiedenste Sportarten ausprobiert und gemerkt, das passt mir alles nicht. Und da habe ich mir gesagt: Ich könnte ja schwingen. Und mir gefällt nicht nur der Sport, sondern auch der unkomplizierte Umgang unter Schwingern.

Schwingen wird gemeinhin als sehr männlicher Sport wahrgenommen.
Das ist er, ja doch, das ist er. Es ist halt kein sehr graziöser Sport. Und deshalb denken vielleicht viele, Jesses Gott, was müssen das denn für Frauen sein!

Bekommt ihr das auch von den Schwingermännern zu hören?
Es gibt schon solche, die sagen: Weshalb müsst ihr das jetzt auch machen? Aber ich finde, das kannst du nicht so ernst nehmen, man muss nicht so ein Theater machen.

Der Frauenschwingverband schlägt vor, man solle doch nach einem Männerschwinget die Plätze noch für die Frauen nutzen …
Ja, unbedingt! Wenn du alles zweimal aufstellen musst, das wäre ja blöd. Praktisch bei allen Frauenschwinget machen wir das so. Ein Frauenschwingfest ist halt nicht so rentabel, da kommt weniger Publikum.

Aber ist es nicht Ziel, dass Frauenschwingfeste irgendwann gleich viele Zuschauer anziehen?
Ja, natürlich schon! Aber es funktioniert noch nicht. Wobei, letztes Jahr habe ich ein Schwingfest organisiert. Ich hatte mir gesagt, im ersten Präsidialjahr wärs an mir, wenn ich schon allen anderen sage, sie sollen eins organisieren. Im Muotatal … stell dir vor, mit den Frauen! Das geht also grad gar nicht. Aber dann, und es hat ja geregnet, hatten wir mehr Zuschauer als erwartet. Es mussten ja alle Gwundrigen kommen!

Und was waren die Reaktionen?
Na ja, einer hat zu mir gesagt: «Es hat ja nur fünf Franken Eintritt gekostet, sonst wäre ich nicht gekommen.» Du kannst die Menschen halt nicht ändern. Und es gibt ja schon Unterschiede zwischen dem Männer- und dem Frauenschwingen, Männer haben viel mehr Kraft. Wenn beide nebeneinander wären, dann sähen wir also schon ein bisschen langweilig aus. Eine Frau siehst du nie jemanden richtig durch die Luft schwingen (Hochschwung) oder so über den Rücken drehen (Suplex). Obwohl die Schwünge genau die gleichen sind.

Und die Feste sind die gleichen? Gibt es bei den Frauen auch nur Sach- oder Lebendpreise zu gewinnen, kein Geld?
Genau, höchstens Gutscheine. Bei uns gibt es halt ein bisschen kleinere Sachen zu gewinnen als bei den Männern. Dafür können wir schon mit weniger glücklich sein (lacht). Wir bekommen manchmal Kälbchen gespendet. Fohlen hat es mal gegeben, Geissen und Hasen für die Kleinen. Und einmal sogar ein Alpaka.

Was tut man denn mit einem Alpaka?
Ja, das habe ich mich auch gefragt. Aber eine Kollegin von mir hat das gewonnen. Sie hat sich gesagt, ich habe ja schon viele Tiere, also nehme ich das gleich auch noch. Und jetzt wohnt das dort auf dem Bauernhof.

Bei einem Schwingfest ist auch keine Werbung erlaubt. Sind Schwinger also Konsumkritiker?
Da musst du vor allem denjenigen fragen, der die Regel erfunden hat. Aber ich glaube, so kann man das nicht sagen. Aber so gegen das Geldgeile, weisst du, was ich meine? Wobei, es gibt ja schon Werbung um den Schwingplatz herum, aber auf der Kleidung, auf dem Schwingplatz selbst nicht.

Und das war nie umstritten?
Doch, jetzt sieht man ja, was die Männer für ein Puff haben. Jörg Abderhalden hätte einen Teil seiner Werbeeinnahmen abgeben sollen. Und da haben mich Journalisten gefragt, was ich davon halte … aber das geht mich doch nichts an, ich habe dieses Problem nicht. Wir haben keine Sponsoren, leider.

Ruth Hoxha-Marty (34), Präsidentin des Frauenschwingverbands, kauft sich bald ihre 
erste Tracht. Denn nächstes Jahr werden 
erstmals die Frauen am Eröffnungszug 
des Eidgenössischen Schwingfests teilnehmen.

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