Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Leidvolles Werben

Von Catherine Silberschmidt

«Hanezu no tsuki». Japan 2011. Regie: Naomi Kawase. 
Ab 26. Juli 2012 in Deutschschweizer Kinos.

In ihrem experimentellen Filmschaffen thematisiert die 1969 geborene Japanerin Naomi Kawase die problematische Beziehung zwischen Mensch und Natur immer wieder neu. Ein roter Faden, den sie in ihrem vierten Spielfilm «Hanezu no tsuki» («Hanezu – Die Farbe Rot») an eines der frühsten Gedichte der literarischen Tradition ihres Landes knüpft. Dieses besingt das Buhlen zweier männlicher Berge um einen dritten weiblichen; das vergebliche, leidvolle Werben um ein begehrtes Objekt.

Zwei Förderbänder transportieren Erdklumpen sowie loses, kullerndes Gestein und versetzen – gross im Bild – die Zuschauerin bereits mit der ersten Einstellung in die Perspektive des staunenden Kindes. Hände bewegen ein Stück Stoff in einer rötlichen Brühe, deren Oberfläche sich kräuselt und wellt. Auch hier ist die von der Regisseurin selbst geführte Handkamera ganz nah dabei. Das Subjekt in Kawases Film – so scheint es – ist das Publikum, das durch die Nähe unvermittelt ins Geschehen einbezogen wird.

Geräusche aus der Natur, Celloklänge und zwei an- und abklingende Stimmen im Off – eine männliche und eine weibliche – evozieren das licht- und luftdurchflutete Geschehen. Hinter einem Berg geht ein immenser Vollmond auf. Die menschlichen Figuren von «Hanezu» sind Kayoko (Hako Ohshima), eine Textilfärberin, und der Werber und leidenschaftliche Koch Tetsuya (Tetsuya Akikawa), der mit ihr zusammenlebt. Sein Rivale Takumi (Tota Komizu) bearbeitet Holz und lebt von und mit der Natur. Nähe und Distanz zu den Männern stellt Kayoko her: «Ich bin schwanger», teilt sie Takumi beiläufig mit. «Ich liebe jemanden», erfährt Tetsuya knapp.

Neben der sinnlichen Materialität von Kawases Bildern wirken die menschlichen Figuren abstrakt und fragil, auch weil deren Wünsche und Gefühle nicht Thema von «Hanezu» sind. Zu elliptisch bleibt die Erzählung in diesem poetischen Film, in dem Erde und Natur als Raum und als Symbol für Erinnerung und Tradition die wahren Hauptdarstellerinnen sind.

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