Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Aufklärung – was sonst?

Ruth Wysseier über die wundersame Wandlung der Frau E.

Von Ruth Wysseier

Auch am letzten Donnerstag hat Frau E. wieder angerufen, um über die WOZ zu schimpfen. Diesmal musste sich Kollegin Roseau deren Tirade anhören. Meistens beklagt sich Frau E., weil sie in der Zeitung wieder ein Bild eines «Negers» fand, «und dann noch so gross!». Oder eine Geschichte über «Asylanten, die doch gar nichts arbeiten». Kollegin Roseau, die ihrem französischen Namen zum Trotz in Deutschland aufwuchs und deshalb Hochdeutsch spricht, versuchte, mässigend auf unsere renitente Leserin einzuwirken, ihr zu erklären, dass AsylbewerberInnen ja gar nicht arbeiten dürften, worauf die empörte Frau E. sie anpflaumte: «Und Sie, Sie sind ja auch nicht von hier, das höre ich doch!»

Frau E. ist inzwischen so etwas wie eine gute Bekannte in der WOZ – wobei «gut» natürlich nicht im Sinn von «gut» gemeint ist, sie ist ja immer wütend und böse und fremdenfeindlich bis auf die Knochen: ein hoffnungsloser Fall. Dass sie jeden Donnerstag die WOZ im Briefkasten hat, verdankt sie ihrer Cousine, die ihr ein Abo geschenkt hat. Was wir im Lauf der Zeit auch noch von Frau E. erfahren haben: dass sie es schwer hat, dass sie schlecht zu Fuss ist und die Wohnung kaum mehr verlässt und dass sie einsam ist.

Beim Zeitunglesen empöre ich mich auch regelmässig. Etwa darüber, wie dreist die Mächtigen abzocken und betrügen. Wie korrupt Europas Staats- und Regierungschefs sind. Dass Englands Premier mit der Boulevardpresse verbandelt war und Frankreichs Präsident von der L’Oréal-Milliardärin geschmiert wurde. Dass der ehemalige Boss des Internationalen Währungsfonds wegen gemeinschaftlicher Vergewaltigung angeklagt wird und seine Nachfolgerin keinen Cent Steuern bezahlt. Dass das Amt für Betrugsbekämpfung der EU allein im letzten Jahr 463 Fälle aufdeckte, in denen fast 700 Millionen Euro betrügerisch abgezweigt wurden. Was natürlich ein Pappenstiel ist verglichen mit dem gigantischen Libor-Betrug, der mich wiederum ablenkt von meiner Empörung über die Bestechungsaffäre um die Kantonalzürcher Pensionskasse und über den Skandal in der eidgenössischen Steuerverwaltung. Voilà: Ich empöre mich nach oben, Frau E. nach unten.

Weiss der Teufel, weshalb diese Cousine Frau E. nicht die «Weltwoche» schenkte oder die «Schweizerzeit». Vielleicht glaubt sie an die Macht der Aufklärung? Oder an Wunder? Wäre es denn denkbar, dass Frau E. eines Tages nach der Lektüre dieser Zeitung eine andere wird? Dass eine Geschichte sie berührt und nachdenklich macht? Dass sie eines Donnerstags anruft und sagt: «Also wissen Sie, ich habe das ganz falsch gesehen bisher – diese Asylbewerber, denen geht es ja noch schlechter als mir, was können die denn dafür, dass sie in einem Land geboren wurden, das früher von Kolonialmächten ausgebeutet wurde und heute von Zuger Firmen beraubt wird? Wir haben doch immer davon profitiert, dass es denen so schlecht ging! Mit all den Fluchtgeldern auf unseren Banken!»

Wäre das nicht ein Wunder? Und wenn wir schon dabei sind, würde Frau E. sodann ausdrücklich darum bitten, mit Kollegin Roseau sprechen zu dürfen, und sie würde sich bei ihr entschuldigen und erklären, sie habe leider erst jetzt realisiert, dass ihre Angst vor Fremden irrational sei und von der politischen Rechten geschürt und ausgebeutet werde, sie habe die Nachrufe auf Margarete Mitscherlich und Gertrud Kurz gelesen und wolle jetzt zusammen mit ihrer Cousine diesem Solidaritätsnetz beitreten, das mit Cumulus-Karten Bedürftige unterstütze, und wir sollten doch in der Zeitung bitte deren Adresse veröffentlichen – www.solidaritaetsnetz.ch –, natürlich sei das nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber irgendwo müsse man doch anfangen, denn es komme ja nicht darauf an, die Welt zu verstehen, sondern sie zu verändern.

Zugegeben, das ist etwas viel Wunderglauben. Aufklärung und Zeitungslektüre können vielleicht nicht gleich so viel bewirken. Aber solange ich nichts Besseres weiss, arbeite ich halt weiter daran.

Ruth Wysseier ist Winzerin und WOZ-Redaktorin.

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