Nr. 45/2017 vom 09.11.2017

Hesch dicki Hosen a?

Ruth Wysseier plädiert für mehr Ohrfeigen

Von Ruth Wysseier

Eigentlich hätte es gepasst, hier über diese angesagten Schweine- und Rinderschlachtereien vor städtischem Publikum zu schreiben, aber nun drängt sich doch ein wichtigeres Fleischthema vor: das «Frauenfleisch», das im Gefolge des Weinstein-Skandals aus allen Kanälen quillt und geile Schlagzeilen wie «Dann drang er in mich ein» gebiert.

Während es in den meisten Berichten zu Harvey Weinsteins Fall noch darum ging, dass einer seine Macht missbraucht, um sexuelle Handlungen zu erpressen, lese ich vor ein paar Tagen in der «Zeit»: «Nach Belästigungsvorwürfen ist der britische Verteidigungsminister zurückgetreten. Er soll 2002 bei einem Dinner einer Journalistin wiederholt ans Knie gefasst haben.»

Tschuldigung, wo ist da der kausale Zusammenhang? Zwingt ein Griff an ein fremdes Knie einen Minister fünfzehn Jahre später zum Rücktritt? Wie schwer war dieses ungeheuerliche Verbrechen? Kommt es einer Vergewaltigung gleich?

Nach dreissig Sekunden Recherche stellt sich heraus, dass sich die betreffende Journalistin und Radiomoderatorin, Julia Hartley-Brewer, auf Twitter von der «Westminster-Hexenjagd» distanzierte und erklärte, sie sehe sich nicht als Opfer eines sexuellen Übergriffs. Ihr Knie habe keinen Schaden genommen. Sie habe dem Minister damals sehr ruhig und freundlich erklärt, sie werde ihm eine schmieren, wenn er das noch mal mache, und damit sei die Angelegenheit erledigt gewesen.

Danke, Frau Hartley-Brewer, dass Sie die Geschichte zurechtrücken. Es ist nämlich eine Zumutung, dass in den Medien nun alle Frauen, die mal eine Hand auf ihrem Knie abwehren mussten oder denen einer blöd kam, ohnmächtige Opfer sein sollen. Es ist so kontraproduktiv und nervt dermassen, dass ich froh sein muss über die Astronomieprofessorin in Zürich, die ihre Assistenten und Doktoranden gemobbt und ausgebeutet haben soll. Wenigstes kommt da mal eine Frau vor, die Macht hat und sie braucht oder auch missbraucht.

In meiner Kindheit hatten Frauen wenig Macht, es ging in der Schweiz noch ziemlich saudi-arabisch zu. Kaum eine Frau fuhr Auto, verheiratete Frauen durften nur mit Zustimmung des Ehemanns erwerbstätig sein, und dem Mann stand es rechtlich frei, die Gattin nach Belieben zu vergewaltigen.

Damals gab es dort, wo wir immer spielten, zum Beispiel Herrn Feuz. Alle im Dorf wussten, dass er den Kindern gern an den Hintern fasste und dabei sagte: «Hesch dicki Hosen a?» Alle wussten, dass mein älterer Cousin zwanghaft gern mit Mädchen rangelte, sie an eine Wand drückte und betatschte. Und alle wussten, dass keine von uns Sechstklässlerinnen vor Franzlehrer Häberlis Händen sicher war. Waren sie Täter? Aber sicher. Waren wir Opfer? Das sahen wir nicht so. Wir mieden sie, wir hassten sie, wir lästerten über sie. Sie waren peinlich, unangenehm, wie Hunde, die versuchen, mit deinem Bein zu kopulieren. Mehr nicht.

Ruth Wysseier ist Winzerin und WOZ-Redaktorin. Sie mag Julia Roberts in «Erin Brockovich» und Jennifer Lawrence in «Winter’s Bone».

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