Nr. 28/2012 vom 12.07.2012

Olympische Sportarten

Eine kurze Beschreibung aller 34 an den Olympischen Spielen vertretenen Sportarten.

Von Stefan Howald

Badminton

Federball kennen wir alle von verwehten Sommertagen; nur ist beim Badminton der «Shuttlecock» aus sechzehn Federn des linken Flügels einer Gans gefertigt, und der Schläger wiegt kaum mehr achtzig Gramm. Das geht, noch stärker als beim Squash, unglaublich in die Arme, und der schnellste Schlag wurde mit 333 Stundenkilometern gemessen, aber das ist, wie all diese Messungen, mit ein wenig Gänseschmalz zu geniessen.

Basketball

Team A trottet eine kurze Strecke, passt im Halbkreis herum, bis ein Spieler in einen Korb trifft, dann trottet Team B die kurze Gegenstrecke, passt den Ball herum, bis einer in einen Korb trifft, und so weiter, bis es 164 zu 148 steht, was eigentlich kein Sport, sondern eine Mathematikübung ist. Dazwischen, das ist wahr, lassen sich sehenswerte akrobatische Leistungen bewundern – und tolle Schuhe.

Beachvolleyball

Seufz.
Übrigens hat einer der reiferen Schweizer Beachvolleyballer, der einst als Hüne galt und ziemlich erfolgreich war, sich kürzlich darüber beklagt, er fühle sich gegenüber der neuen Spielergeneration klein und schmächtig. So ändern sich die Zeiten.

Bogenschiessen

12,2 Zentimeter misst der innerste Kreis, und den aus siebzig Metern zu treffen, unter Zeitdruck und im direkten Knock-out-System – alle Achtung; aber es ist eine Sportart, die einen nicht so richtig packen will, wenn man als Kind einmal einen Gummipfeil ins Auge gekriegt hat und am Unispital von einem Professor dessen StudentInnen als besonders interessanter Fall einer Hornhautverletzung präsentiert worden ist (sie ist ausgeheilt, danke der Nachfrage).

Boxen

Von der Linken wird dann jeweils Muhammad Ali ins Feld (oder in den Ring) geführt, und es gibt ein paar eindrückliche Filme, etwa «Million Dollar Baby» mit Hilary Swank und Clint Eastwood; aber, wirklich, wer glaubt denn noch an diese Art von Triebabfuhr und dieses Mittel zum sozialen Aufstieg?

Fechten

Tja, die französische Eleganz, dagegen werden all diese Sportarten der Rossbiffs in ihrer plebejischen Brutalität oder ihrer snobistischen Zurückhaltung entlarvt; zuweilen sieht es allerdings lebensgefährlich aus, wenn sich einer auf den andern stürzt und sich die Klinge beim Aufprall bis kurz vorm Schnappen biegt; im Übrigen ist Fechten mit der elektronischen Trefferanzeige eine jener Sportarten, die am frühsten technologisch aufgerüstet hat.

Fussball

Was soll man dazu noch sagen – auf jeden Fall das Wort «authentisch» vermeiden. Da Fussball grösser ist als alle Olympischen Spiele, hat man versucht, ihn unbehaglich zu integrieren: früher mit sogenannten Amateuren, jetzt mit einer Altersgrenze bei 23 Jahren, ergänzt durch maximal drei ältere Spieler, was die Spiele ein bisschen weniger taktisch macht.

Gewichtheben

Reissen und Drücken, die geballteste Kraft, alle Muskeln und Sehnen zum Zerreissen gespannt in absoluter Verdichtung auf einen einzigen Moment: Das könnte durchaus metaphysische Gedanken auslösen und ist absolut zwecklos – aber ist Zwecklosigkeit nicht auch die Definition von Kunst?

Handball

Man sollte ja meinen, dass jener Sport, in dem das vielseitigste Organ des Menschen im Mittelpunkt steht und der es sogar im Namen trägt, auch der vielseitigste wäre, doch irgendwie geht das nicht auf, weil immer wieder ein Körper in seiner ganzen Plumpheit im Weg steht.

Hockey

Landhockey hat ein merkwürdiges Image: Inder mit Maschen in den Haaren und Frauen in Röcken (insbesondere in England, wo Uniformen noch zu Mädchengymnasien gehören). Einzelne Pässe sind schneller als etwa im Fussball, sogar zu schnell fürs Fernsehauge, das, anders als beim Fussball, nicht die ganze Weite des Raums der Spielzüge überblicken kann; und für den Rücken ist Hockey auch nicht so gut.

Judo

Asiatische Höflichkeit und asiatische Brutalität: kulturelle Stereotype aufs Schönste vereint. Ein Trendsport für Kinder (zumindest in der Schweizer Provinz); und die Stereotype kennen wir ja auch vom Schwingen (ebenfalls ein Trendsport).

Kanurennsport

Sagen wir: Indianer in ihren Kanus, die einem weissen Siedler hinterherpaddeln (die zwiespältigen, langjährig kulturalisierten Gefühle dabei, ob der Skalp des Eindringlings bald am Gürtel baumeln oder doch der Einzelne heroisch entkommen soll), oder Südseebewohner, die mit einer ganzen, selbstverständlich bunt geschmückten Flottille Captain Cook begrüssen – hier allerdings auf einem schnurgeraden Kanal ohne Wasserfälle, den das Kanu hinunterstürzt.

Kanuslalom

Das Wasser reiten, die Rinnen und Becken, und Drehungen und Wendungen, schäumende Gischt, Stopps und erneute Beschleunigungen: Natur ungefiltert. Aber dann wird das doch wieder zum Hybriden, da es um Stangen, die über dem Wasser hängen, als Hindernisse herumzunavigieren gilt, was ziemlich komisch aussieht.

Kunstspringen

Aus der Höhe ins Wasser zu plumpsen, soll ja ein Menschheitstraum sein. Nun ja, für die einen, obwohl der Mensch eigentlich nur für die Erde gemacht ist. Und darum drehen und wenden sich die SpringerInnen so schnell, dass nur die KampfrichterInnen irgendwelche Unterschiede entdecken können, während wir bloss darauf achten, wie hoch das Wasser beim Eintauchen spritzt.

Leichtathletik

Man kann das noch in Lauf- und technische Disziplinen unterteilen, und das reicht vom einfachsten Rennen zum kompliziertesten Zehnkampf. Reservoir für etliche Superlative: der schnellste Mann, die ausdauerndste Frau, diejenige/derjenige, die/der ohne fremde Hilfe die höchste Höhe überquert. Entsprechend Einfallstor für Doping in den vielfältigsten Formen.

Moderner Fünfkampf

Reiten, Fechten, Schwimmen, Laufen und Pistolenschiessen: die klassische Verkörperung feudalistischer militärischer Tugenden. Wenn ausgerechnet diese Sportart mit der Bezeichnung «modern» versehen worden ist, dann ist das aus markttechnischen Gründen verständlich; trotzdem ist der Fünfkampf einer der Wettbewerbe mit den wenigsten TeilnehmerInnen, was womöglich auch mit den Pferden zu tun hat.

Rad – Bahn / Strasse

Velofahrer gelten nicht gerade als Intelligenzbestien, aber ein Punkterennen verlangt viel Übersicht, Schläue und Kalkulation. Andererseits bleiben diese Bilder eines Rennfahrers, der sich an einem einzigen Tag allein über 57 Pässe quält, ständig Wasser über den hochroten Kopf giesst, der selbst in den Fernsehbildern zu explodieren droht, jenseits der Grenze des Menschlichen, und dann war es halt doch Doping. In London gibt es übrigens nicht 57 Pässe.

Rad – BMX / Mountain

Etwas für unsere ganz Jungen. Möglichst schnell und rücksichtslos über alle Hindernisse hinweg auf einer künstlichen Piste oder einem Berg. Eine der sogenannten Extremsportarten, wohin sich der politische Extremismus offenbar verkrochen hat.

Reiten

Das Pferd ist unser treuster Begleiter und so weiter. Es bollern die Stangen, scharfe, gehetzte Wendungen, gequälter Blick im Auge des Pferdes; oder hoch das Knie, Stopp, Tänzeln an Ort und dann wieder Trab: die perfekte Herrschaft des Menschen über die Natur. Vielleicht war die Schweiz deshalb in der Dressur mit MilitärreiterInnen so erfolgreich, was nicht mehr so ist, wie auch die Armee nicht mehr ist, was sie war (aber war sie das je wirklich?).

Rhythmik / Gymnastik

Die Abschaffung des Seils als Requisit war wirklich überfällig und eine richtige und wichtige Konzentration und Verdichtung auf Ball, Band, Keulen und Reifen; Kinderträume – aber nur für Mädchen. Siehe auch Synchronschwimmen.

Ringen

Allen vom Schulplatz her bekannt, nicht ohne die Möglichkeit, Schmerzen zuzufügen, trotzdem die 
humanere Alternative zum Boxen. 
In den kleinsten Kategorien wirken die Ringer wie Gummimenschen, in den grössten wie Michelin-Männer (ein vollkommen männlich konnotiertes Symbol, so dass die Feminisierung der Sprache an dieser Stelle scheitert), aber dazwischen: welch wohlproportionierte, glänzende Körper (männlich und weiblich).

Rudern

Noch so eine Notwendigkeit aus dem Überlebenskampf der Menschheit. Einerseits die heroische Anstrengung im Kollektiv, im harten Takt für die gemeinsame Sache; andererseits die monotone Gleichförmigkeit, ohne Autonomie. Und die einzige Sportart, in der die TeilnehmerInnen mit dem Rücken voran das Ziel überqueren, was an Benjamins Engel der Geschichte denken lässt.

Schiessen

Ideologisch nicht zu retten. Auf jeden Fall zu vermeiden. An den ersten Olympischen Spielen wurde beim Tontaubenschiessen noch 
auf lebendige Tauben geschossen, mittlerweile sind sie, trotz des 
Namens, aus einer Mischung von Harz und Kalk. Immerhin, Alkohol soll als sogenanntes Zielwasser 
das beste Doping sein, was auf einen gewissen Hedonismus schliessen lässt; aber vielleicht ist das ein 
Urban Myth.

Schwimmen

Natürlich, gelegentlich muss man, statt vor einem Löwen davonzurennen, auch vor einem Krokodil davonschwimmen; aber die Zahl der Schwimmdisziplinen ist inflationär, weshalb diejenigen OlympionikInnen, die am meisten Medaillen errungen haben, alles SchwimmerInnen sind, Ian Thorpe mit seiner Flossengrösse 64 nicht mal miteingerechnet.

Segeln

Als abschreckendes Beispiel kommt einem der Abzocker Ernesto Bertarelli in den Sinn, der uns gekauften Erfolg als Swissness verkaufen wollte. Aber dann gibt es auch den ehemaligen Kollegen, der seinen Job geschmissen und schon mehrfach den Atlantik überquert hat, alleine und mit PassagierInnen, und der sagt, man werde dabei auf sich selbst zurückgeworfen, was natürlich ambivalent ist.

Synchronschwimmen

Lächerlich. Elegant. Ein Witz. Eine Kunst. Eingefrorenes Grinsen 
bei höchster Anstrengung. Abschieben der Frauen ins Ghetto des 
Femininen, was ja nicht immer und 
nicht grundsätzlich schlecht 
ist (das Feminine – das Abschieben und das Ghetto natürlich schon).

Taekwondo

Ist das Sublimierung, wenn ein Schlag kurz vor dem schmerzhaften Auftreffen gestoppt werden muss? Oder muss er das gar nicht? Ist dies ungehinderte Aggression in den zart fliessenden Bewegungen eines Schmetterlings? Es herrscht die übliche Ambivalenz aller Kampfsportarten: Der gefährlichste Treffer, ein drehender Kick zum Kopf, gibt am meisten Punkte. Und die Kampffarben Rot und Blau dürfen als geradezu archetypisch gelten.

Tennis

Das ist nun eine peinliche Sache, weil die Schweiz darin einen richtigen Star besitzt, dessen Ambivalenzen tief ins Gemüt schneiden: arrogant, ein schlechter Verlierer, megareich und Steuerflüchtling, und trotzdem, die Eleganz und Vielfalt seiner Schläge und die Identifikation mit dem älter Werdenden gegen die rohe Kraft der Emporkömmlinge.

Tischtennis

Ein wahrer Breitensport. Durchzogen von klassischen Dichotomien, etwa beim Schlägergriff – Shakehand oder Penholder – oder der Debatte zwischen Defensive und Angriff: raffinierter Unterschnitt oder glorioser Smash. Erlaubt vielleicht eine Psychologie (oder Psychopathologie?) der Spielenden. In Städten existieren noch überraschend viele Freilufttische, zumeist aus Beton, und sogar in modernen Überbauungen lässt sich zuweilen einer sichten.

Trampolin

Das war mal bloss ein Übungsgerät für die TurnerInnen oder ein mildes Freizeitvergnügen. Dass es jetzt zu einer eigenen Sportart geworden sein soll, können nur ein paar Funktionäre erklären. Weist mit je sechzehn am wenigsten TeilnehmerInnen aller Sportarten auf, und da ist es ja lächerlich einfach, eine Medaille zu gewinnen.

Triathlon

Die moderne Form des Pentathlons, das Pferd durch das Stahlross ersetzt (eine zugegebenermassen etwas abgenutzte Metapher), ums Fechten und Schiessen ausgedünnt, dafür in den verbliebenen drei Disziplinen ins beinahe (aber nur beinahe) Unmenschliche aufgebläht; und dann durch Ironman und Ähnliches zur Verkörperung des neoliberal verschärften Leistungsprinzips vorangetrieben (eine zugegebenermassen etwas einfache Analyse).

Turnen

Turnen stand am Anfang der bürgerlich-aufklärerischen Sportbewegung, und Turner nahmen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an allen politischen Aufständen teil. Der Pferdpauschen ist eine satirische Absage ans feudale Pferd, doch woher kommen wohl die anderen Geräte, etwa die Ringe, in denen sich die Turner wie in einer neuzeitlichen Kreuzigungsszene fangen?

Volleyball

Schweisstreibend, ohne dass die schweissigen Körper sich ineinander verkeilen, die Kraft des Schmetterballs, die Raffinesse der Passfolge, die Täuschung am Netz, der Block als erfolgreicher Widerstand – kurzum: der perfekte Sport.

Wasserball

Im Wasser an Ort treten: nicht schlecht. Einen Ball, der das nicht will, übers Wasser vor sich hertreiben: auch nicht schlecht. Aus dem Wasser aufsteigen, um zu einem scharfen Schuss anzusetzen: beachtlich. Und ein Spezialpreis für die hässlichste Kopfbedeckung.

Testen Sie Ihre Kenntnisse über die Olympischen Spiele (Das grosse Sommer-Olympia-Preisrätsel als PDF-Datei - Einsendeschluss: 2. August 2012):

Noch laufen die Olympischen Spiele, dennoch stehen alle GewinnerInnen bereits fest. So mancheR hatte sich am grossen WOZ-Sommer-Olympia-Preisrätsel versucht, für so mancheN lag die Latte doch zu hoch, denn es gab direkt zwei mögliche Lösungssätze: «Das Lesen der WOZ entspricht einer kühnen politischen Tat» und «Das Leben der WOZ entspricht einer reifen sportlichen Tat» (mit Permutationen).
Aus den Namen jener, die eine richtige Lösung einsandten – eine kühne sportliche Tat –, haben wir nun die GewinnerInnen gezogen. Der erste Preis – ein Fairtrade-Beachvolleyball – geht an C. Reiter, Widnau. Den «Asterix»-Band «Asterix bei den Olympischen Spielen» erhalten D. und F. Zuberbühler, St. Gallen. Das Poster mit dem berühmten olympischen Black-Power-Gruss von 1968 erhält F. Bischoff, Zürich. Und schliesslich darf sich F. Leimgruber, Basel, über das Buch «Feld-Wald-Wiese. Hooligans in Zürich» des ehemaligen WOZ-Redaktors Daniel Ryser freuen.
Alle weiteren EinsenderInnen korrekter Lösungen erhalten eine persönliche Einladung zum Fussballspiel WOZ vs. «Tages-Anzeiger», das im September stattfinden wird.

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