Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

Bildbräute, frisch aus Japan

Von Anna Wegelin

Julie Otsuka ist Amerikanerin japanischer Herkunft mit Jahrgang 1962. Für ihr zweites Buch, den Roman «Wovon wir träumten» («The Buddha in the Attic»), hat sie im Mai dieses Jahres den PEN/Faulkner Award for Fiction erhalten.

«Wovon wir träumten» erzählt die Geschichte junger Frauen, die nach dem Ersten Weltkrieg als sogenannte «picture brides», wörtlich übersetzt «Bildbräute», von Japan in die USA reisten, um dort japanische Einwanderer zu heiraten. Ihre künftigen Männer kannten die Frauen – meist Jungfrauen, teilweise noch Mädchen, die vor allem vom Land und aus ärmlichen Verhältnissen stammten – bis dahin nur von Fotos.

Wochenlang harren die Frauen unter widerlichen Bedingungen auf Schiffen aus und fantasieren über die behaarten, lauten und grossen US-Amerikaner. In New York angekommen, merken sie, dass auch ihr neues Leben keinesfalls ein Paradies sein wird. Der Roman endet nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 mit der behördlich verordneten Umsiedlung der Japanischstämmigen an einen unbekannten Ort.

«Wovon wir träumten» ist das nüchterne Wir-Protokoll einer verlorenen Generation. Das Buch ist ein emanzipatorischer Akt: Es gibt den unzähligen namenlosen und vergessenen Mädchen und Frauen, die nur kraft ihres männlichen Gebieters sowie ihrer bedingungslosen Verfügbarkeit als Sexualobjekte existieren, eine eigene Stimme. Nicht gewaltig ist sie, dafür umso glaubhafter.

Die Autorin verwendet die kollektive Erzählperspektive in der ersten Person Mehrzahl. Mit der Zeit wirkt dies einerseits ermüdend – andererseits aber wird das Buch gerade durch dieses gemeinschaftliche Nacherzählen individueller Schicksale erst eindringlich.

Gegen Ende des Romans gehört das Wir plötzlich den «echten», weissen US-AmerikanerInnen. Die JapanerInnen sind nun die anderen: «Die Japaner haben uns verlassen, und wir haben keine Ahnung, wo sie sind.»

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