Nr. 40/2008 vom 02.10.2008

Morgen in Amerika

Die kriegs- und krisengeschüttelten USA sehen sich weiterhin als Retter und Befreier der Menschheit. Das amerikanische Imperium ist nicht nur ein politisches, sondern ein geradezu religiöses Projekt. Mit rationaler Argumentation ist nur schwer dagegen anzukommen.

Von Lotta Suter, Boston

Die weisse Grundierung des hohen Holzlattenzauns zwischen der heruntergekommenen Tankstelle und der Wohnwagensiedlung, an dem ich oft vorbeifahre, ist längst nicht mehr weiss, sondern schmuddelig braun von all den Abgasen. Der Anstrich blättert ab. Umso strahlender wirkt die rot-weiss-blaue US-Flagge, die jemand erst kürzlich darauf gemalt hat, und darunter den Slogan «Proud to be American».

Woher kommt dieser Stolz? Wieso umarmen ausgerechnet Menschen, denen der Staat Menschenrechte wie Bildung, Gesundheitsvorsorge und soziale Sicherheit vorenthält, ihr Land in seiner ganzen symbolischen Grösse? Wieso meinen selbst meine linksliberalen Bekannten in der lokalen Friedensbewegung, die gegenwärtigen Krisen und Kriege der USA stellten eine blosse Verirrung der Geschichte dar? Und wir alle seien nur eine Präsidentenwahl von der Rückkehr zur grossartigen Nation entfernt? Wieso ist die Beziehung so vieler US-BürgerInnen zu ihrem Land mehr religiös als politisch gefärbt, nämlich von den christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung, denn von aufgeklärter Kritik, von Engagement und Partizipation? Wieso werden die USA im öffentlichen Diskurs so hartnäckig und so ehrfürchtig als Leuchtturm der Freiheit, als letzte Hoffnung für die Menschheit gefeiert und nicht einfach unzimperlich angefasst wie jede andere moderne wandlungsfähige und wandlungsbedürftige Demokratie?

Schwärmen für Reagan

Wenn man das aktuelle US-Wahlspektakel anschaut, ist es, als ob das 21. Jahrhundert noch gar nicht angefangen hätte. Niemand spricht über wichtige geopolitische Machtverschiebungen, etwa in China, Europa oder Lateinamerika. Stattdessen streiten die Präsidentschaftskandidaten darüber, wie die Welt unter Amerikas unangefochtener Führung aussehen soll. Der Republikaner setzt unbeirrt den muskulösen Moralismus seines Vorgängers fort und spricht im Zusammenhang mit Irak ohne Wimperzucken von Sieg und Ehre. Der Demokrat seinerseits drückt die historische Rücktaste zur relativen wirtschaftlichen Prosperität der Clinton-Jahre und verspricht von da aus, das Ansehen Amerikas in der Welt wiederherzustellen. Eigenartig, dass beide Kandidaten Ronald Reagan verehren – ihn, der das nationale Selbstbewusstsein der US-AmerikanerInnen nach Vietnam und wirtschaftlicher Stagnation mit dem Slogan «It’s morning again in America» zu neuem Leben erweckte. Ist etwa schon wieder Morgen? Oder geht die Sonne gar nie unter in diesem Reich der Hoffnung?

Kurz nach dem 11. September 2001 hatte der US-Soziologe Immanuel Wallerstein das Ende der Pax Americana ausgerufen. Die Frage sei bloss noch, schrieb er, ob der stolze Adler im eleganten Sinkflug zu Boden gleitet oder aber getrieben vom falschen imperialistischen Ehrgeiz der neokonservativen Kräfte in der Regierung Bush brutal abstürzt. Wallersteins These von der seit den siebziger Jahren erodierenden amerikanischen Weltherrschaft hätte im Vorfeld des Irakkrieges eine gescheite politische Diskussionsgrundlage abgegeben. Bedenkenswert ist etwa die Beobachtung, dass abdankende Imperien sich gerne auf ihre militärische Überlegenheit berufen, aufsteigende Grossmächte hingegen an ihren dynamischen Ökonomien zu erkennen sind.

Imperium für die Freiheit

Doch zum Denken blieb wenig Zeit. Der Präsident selbst griff nach den Terroranschlägen in eine Mottenkiste, gefüllt mit Ideologien und Mythen aus der Gründerzeit der USA, und gebärdete sich wie ein Sheriff im aus seiner Sicht gesetzlosen Wilden Westen. Komfortabel eingebettete Intellektuelle bis weit ins linksliberale Lager hinein begrüssten die neue globale Ordnungsfunktion der USA ebenfalls oder betrachteten sie zumindest als unvermeidlich für die Aufrechterhaltung von Frieden und Wohlstand. Was wurde da nicht von «Empire lite» geschwärmt! Ein gutartiges Imperium des 21. Jahrhunderts sollte entstehen, das militärische Stärke mit freien Märkten, Demokratie und Menschenrechten kombiniert! Ein Imperium wider Willen werde es sein, versicherten die Apologeten, die sich ihres einstigen Aufstandes gegen die britische Herrschaft stets bewusst bleiben.

Wieso wies keiner der Träumer darauf hin, dass die vermeintlichen Antiimperialisten von damals bereits auch Imperialisten waren, wenn es um den Aufbau und die Sicherung ihrer eigenen Nation ging? Nur zwanzig Jahre nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges gegen Grossbritannien kaufte Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, den Franzosen das Territorium von Louisiana ab; er wolle ein «Imperium für die Freiheit» schaffen, sagte er. Zweihundert Jahre später erklärt der zeitweilige Wahlamerikaner und Gastdozent in Harvard Michael Ignatieff: «Zugunsten des Imperiums ist zu sagen, dass es in einem Land wie dem Irak die letzte Hoffnung für Demokratie und Stabilität darstellt.»Die amerikanische Geschichte kann geradezu als eine Abfolge von freiheitlichen Imperien und letzten Hoffnungen gelesen werden. Alles moralisch überlegene Absichten, die manchmal leider mit allen, auch unfreiheitlichen und unmoralischen Mitteln verteidigt werden mussten, sagen diejenigen Historiker, die glauben wollen, dass der Liberalismus, nicht der Nationalismus beziehungsweise Imperialismus die Entwicklung und Expansion der USA geleitet hat.

Inventar des Glaubens

«Wir werden die letzte beste Hoffnung für die Menschheit entweder nobel retten oder schändlich verlieren», hatte Abraham Lincoln bereits 1862 zu Beginn des verheerenden Bürgerkrieges gewarnt, als er die Südstaaten zum Einlenken in der Sklavenfrage zu bewegen versuchte. Seither gehört die Thementrinität letzte Hoffnung / nobler Sieg / schändliche Niederlage zum Grundstock der US-amerikanischen Staatsreligion, deren Glaubensbekenntnisse bloss im Detail ändern: Monroe Doctrine, Kalter Krieg, Krieg gegen den Terror und so weiter.

«Es ist eine gloriose Geschichte, die Gott seinem auserwählten Volk aufgetragen hat», sagte Albert Beveridge, ein Freund und politischer Verbündeter von Theodore Roosevelt, anlässlich der amerikanischen Besetzung der Philippinen am Ende des 19. Jahrhunderts, und er entwarf gleich ein paradiesisches Morgen, in dem «das Imperium unserer Ideale über die Herzen der ganzen Menschheit errichtet ist».

Die wenigsten US-AmerikanerInnen können solche Sätze zitieren oder historisch und politisch einordnen. Sie gehören ganz einfach zum Inventar des nationalen Gedankenguts. In den Kulturkämpfen der letzten Jahrzehnte versuchten die konservativen Kräfte, diesen wertelastigen (a)historischen Kanon, man könnte auch sagen die unipolare und deshalb imperiale Geschichtsschreibung, gegen den Einfluss von neuen ZeitzeugInnen und Perspektiven abzuschirmen. Seit den sechziger Jahren haben Oral History, Frauen, Schwarze, Native Americans und Latinos neue Tatsachen und Methoden sowie andere Interpretationen der Vergangenheit eingebracht. Aus einem solch beliebigen Chaos, so die republikanische Rechte (und allen voran Lynne Cheney, die Gattin des Vizepräsidenten), lasse sich keine gesunde, starke und geeinte Nation aufbauen. Kritische HistorikerInnen widersprachen; in den Schulklassen meiner Kinder habe ich die daraus resultierende «Schlacht an der Wandtafel» manchmal selbst beobachten können.

Geschichte der Fremdenphobie

Seit dem 11. September 2001 ist es wieder leichter, das Schicksal der Nation, ihre «offenkundige Bestimmung» («Manifest Destiny») auf einen Kampf von Gut gegen Böse zu reduzieren, auf Rechtsstaat gegen Schurkenstaat und – bloss dürftig verschleiert – von Christlichen gegen Ungläubige, Weissen gegen Nichtweisse, Zivilisierten gegen Unzivilisierte. Wann immer eine reale oder imaginierte Gefahr drohte, haben sich die USA jeweils zum Wir zusammengeschlossen, zur Kerngruppe, die alles Fremde und Fremdartige ausgrenzt. Und für die Outlaws galten auch im eigenen Land andere Regeln als für die Inlaws, die Stammbevölkerung. Diese Erfahrung machte zuerst die indigene Bevölkerung, die IndianerInnen, dann waren es die aus Afrika importierten SklavInnen, noch später richtete sich die Sondergesetzgebung gegen die jeweils neueste Welle von ImmigrantInnen: Chinesen im kalifornischen Goldrausch; katholische IrInnen und ItalienerInnen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; Deutsche im Ersten Weltkrieg, JapanerInnen im Zweiten Weltkrieg. Nach Aufhebung des rassistischen Systems der Einwanderungsquoten im Jahr 1968 standen die Latinos im Zentrum der Immigrationsdiskussion, heute sind die MuslimInnen als besonders «fremde», sprich bedrohliche Kategorie hinzugekommen. Im Wahlkampf 2008 lässt sich ein Drittel aller AmerikanerInnen nicht von der fixen Idee abbringen, dass der afroamerikanische Präsidentschaftskandidat Barack Obama ein Muslim sei oder sein könnte – die politischen GegnerInnen waren mit ihrer Kampagne offenbar erfolgreich. Auf Amerikanisch heisst diese Art Verleumdung «to otherize», zum ganz andern machen, verfremden.

Diese Selbstbezogenheit des Landes ist nicht zu verwechseln mit Isolationalismus oder Bescheidenheit in internationalen Angelegenheiten. Zwar kommen und gehen die Imperiumfantasien der US-Regierungen, während das Weltgeschehen die US-Bevölkerung herzlich wenig kümmert. Denn der Exzeptionalismus – die ursprünglich religiös motivierte Überzeugung, eine aussergewöhnliche, eine von Gott auserwählte Nation zu sein – schirmt für gewöhnlich gerade die patriotischsten unter den AmerikanerInnen von der Aussenwelt ab und hält sie in einer Art permanenter kosmopolitischer Unmündigkeit und Ignoranz gefangen. Aber das ändert schlagartig, wenn das Homeland, das Heimatland, angegriffen wird wie am 11. September 2001. Oder wie bei der Versenkung der «USS Maine» 1898 in der Bucht von Havanna oder beim Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941. Jetzt wird derselbe Exzeptionalismus unvermittelt und ohne Diskussion zum patriotischen Schlachtruf. Und wenn es um die Verteidigung der USA geht, unterscheidet das Volk nicht gross zwischen Nationalismus und Imperialismus: «Whatever it takes», was immer es braucht, ist zulässig.

«Dem Selbstbild der USA als einer wohlmeinenden internationalen Macht des Guten kann man praktisch nichts entgegensetzen», sagte der palästinensisch-amerikanische Intellektuelle Edward Said nach der Invasion in den Irak. Meine Verzweiflung wenigstens mit diesem Denker teilen zu können, tröstete mich damals ein wenig. Es war und ist tatsächlich nicht zu übersehen, wie sehr eine Gegenkraft zum Empire lite fehlt, wenn die Intellektuellen in den USA – von einigen Ausnahmen abgesehen – mit ihren postmodernen, dekonstruktivistischen und linguistischen Detailanalysen das grosse gemeinsame Ziel einer herrschaftsfreieren, emanzipierteren, aufgeklärteren Welt für alle aus den Augen verlieren. Diese Welt kann allerdings kein grossartiges Imperium sein, auch kein Empire lite, sondern sie umfasst viel anstrengende, aber interessante gedankliche Kleinarbeit im Hinblick auf ein multipolares, multizivilisatorisches Morgen, für das es sich doch aufzustehen lohnt.

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