Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

«Politische Euphorie ist eine Droge»

Sie war eine Ikone der Revolution 1979 in Nicaragua: Gioconda Belli. Was trieb sie zu den SandinistInnen – und was ist übrig geblieben vom revolutionären Höhenflug? Die WOZ traf die Schriftstellerin in Zürich, wo sie ihren jüngsten Roman vorstellte.

Interview: Helmut Scheben

Die Superheldin unter «Nicaraguas Superhelden» auf dem gleichnamigen Gemälde von Erin Currier: Gioconda Belli zwischen dem Schriftsteller und Diplomaten Rubén Darío (1867–1916) und dem Befreiungstheologen, Politiker und Dichter Ernesto Cardenal. © Erin Currier

WOZ: Der Roman «Bewohnte Frau», mit dem Sie 1988 berühmt wurden, erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus dem Bürgertum, die sich in einen Mann von der Sandinistischen Befreiungsfront verliebt und sich der bewaffneten Untergrundbewegung anschliesst. Wie weit war das autobiografisch?
Gioconda Belli: Es ist unvermeidlich, dass man Elemente aus dem eigenen Leben nimmt, um an die Gefühle der Protagonisten heranzukommen. Den Mut haben oder nicht den Mut haben, sich trauen oder nicht trauen, das Problem des Schuldbewusstseins, ein Kind der Oberschicht zu sein: All das waren Gefühle, die auch ich hatte – nicht unbedingt in denselben Umständen wie im Roman, aber ich hatte sie selbst erlebt. So auch die Aktion vom 27. Dezember [eine bewaffnete Kommandoaktion, Anmerkung der Red.]: Diese Szene habe ich fast eins zu eins wiedergegeben. Aber natürlich habe ich auch sehr vieles verändert in der Geschichte.

War der Roman vielleicht deshalb so erfolgreich, weil die Leser merkten, dass die Erzählerin Dinge wiedergibt, die sie selbst erlebt hat?
Ja. In der Passage zum Beispiel, wo Felipe stirbt, erzähle ich den Tod eines Mannes, den ich sehr geliebt habe und der von der Nationalgarde umgebracht wurde. Während ich an dieser Passage schrieb, musste ich weinen. An derselben Stelle musste später auch die Lektorin weinen – als sie mir das erzählte, musste ich darüber lachen. In andern Fällen ist das Schreiben aber vielmehr eine Übung in Empathie.

Auch Sie haben sich als junge Frau aus reicher Familie den Sandinisten angeschlossen. Was ist die Bilanz? Hat sich dieser Aufstand gelohnt?
Unsere Erwartungen können nie erfüllt werden – unsere Zeit, unser Leben sind dafür zu kurz. Die Geschichte dagegen bewegt sich sehr langsam. Ich habe das Gefühl, dass ich als einzelner Mensch das getan habe, was ich in diesem Moment tun musste. Das Ergebnis ist zwar nicht genau das, was ich erwartet hatte – aber trotzdem war es nicht unwichtig. Das heisst: Es hat eine historische Veränderung gegeben durch das, was wir taten. Auch wenn es noch nicht das ist, was wir damals angestrebt hatten, so besteht doch immerhin ein grosser Unterschied zwischen der Somoza-Herrschaft und dem, was wir heute erleben.

Der ehemalige Sandinisten-Kommandant Daniel Ortega ist heute Präsident von Nicaragua. Aber die meisten von Ortegas ehemaligen Kampfgefährten haben sich von ihm abgewandt und werfen ihm vor, er sei machtgierig und betreibe eine Politik des billigen Populismus …
Ich halte nichts von Daniel Ortega, er ist eine unheilvolle Person. Ortega und seine Frau tun mir leid: Die Macht ist ihnen in den Kopf gestiegen, sie sehen nicht mehr den Unterschied zwischen der Realität und ihren Fantasien. Mit dem Populismus ist es eine andere Sache: Den Populismus, der jetzt in den linken Regierungen in Lateinamerika herrscht, nenne ich «chavista», denn das wirtschaftliche Erstarken der Länder unter linken Regierungen in Lateinamerika ist nur dank Hugo Chávez und dem venezolanischen Erdöl möglich geworden.

Die Projekte dieser Linken tragen immer noch Züge der autoritären Linken der siebziger und achtziger Jahre. Es fehlt ihnen an demokratischem Denken. Immerhin aber machen sie es möglich, dass Ressourcen zu den am meisten ausgebeuteten Klassen fliessen. Diese Menschen, die von der politischen Rechten nie gefördert und immer nur marginalisiert wurden, haben nun Zugang zu Ausbildung, Gesundheitsversorgung und so weiter. Das Ergebnis wird sein, dass sie in Zukunft eine stärkere Rolle spielen können. Es ist also nicht alles so, wie ich es gerne hätte – aber ich leide lieber an den Fehlern dieses Populismus, als die politische Rechte an der Macht sehen zu müssen.

Mir ist ein Satz eines Intellektuellen aus der 68er-Generation in Erinnerung geblieben. In etwa: Als der revolutionäre Rausch vorüber war, fand sich jeder plötzlich wieder allein mit seinem kleinen, miserablen Privatleben …
Die politische Euphorie ist wie eine Droge, sicher eines der orgiastischsten Gefühle auf diesem Planeten (lacht). Diese Euphorie ist eine wunderbare Sache, wenn man etwas erreicht hat. Aber klar, man kann nicht immer weitermachen in dieser Intensität. Und wenn du dann in die Realität zurückkehrst, in die Ernüchterung des Alltags, dann ist das eine Enttäuschung. Ein Freund in Nicaragua sagte mir einmal: «So viele Opfer haben wir gebracht und all das durchgemacht, um am Ende Angestellte im öffentlichen Dienst zu werden.»

Ich erinnere mich an diese Romantik der Waffe und der Uniform … Dann aber gibst du die Uniform und die Waffe ab und sitzt in einem Büro hinter einem Schreibtisch. «Das ist der Preis, den man zahlt für den Sieg», sagte mir einmal der vietnamesische General Vo Nguyen Giap. Das war in Algerien 1979. Ich habe noch eine Foto mit ihm: Raúl Castro und Gabriel García Márquez auf einer Terrasse in Algier.

Gerade eben ist Ihr neuer Roman «Die Republik der Frauen» auf Deutsch erschienen. Was wird als Nächstes von Ihnen zu lesen sein?
Isabel Allende beginnt jedes Jahr am 8. Januar einen neuen Roman. Das könnte ich nicht. Im Moment möchte ich am liebsten nur lesen. Salman Rushdie hat mir einmal gesagt: «Das Schrecklichste ist der Moment, in dem du ein Buch schreiben sollst, aber kein Buch mehr zu schreiben hast.» Verstehen Sie, was ich meine? Wenn die Bücher geschrieben sind, wenn es kein Buch mehr in einem drin gibt, das geschrieben werden muss … Ich habe seit zwei Jahren kein Buch mehr geschrieben. Und wenn ich keine Leidenschaft für etwas spüre … bis jetzt habe ich sie noch nicht gespürt.

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