Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

«Tages-Anzeiger»: Besser mit neuem Chef?

Von Carlos Hanimann

Mit Polizeistatistiken ist es so eine Sache: Oft sagen sie viel über die Arbeit der Polizei, aber nur wenig über das reale Ausmass der Kriminalität aus. Der «Tages-Anzeiger» berichtete letzte Woche, gestützt auf eine solche Statistik, dass die «Straftaten von Asylbewerbern» markant zugenommen hätten: 918 Delikte wurden im letzten Halbjahr im Kanton Zürich registriert, 2011 waren es im ganzen Jahr 1232. Ko-Chefredaktor Markus Eisenhut empörte sich über diese Zahlen (und über die Ferienabwesenheit des zuständigen Regierungsrats) und forderte: «Keine Schonung für Kriminelle». Die WOZ hätte ihm gerne Fragen zur Wahl dieses Begriffs gestellt, aber Eisenhut weilt in den Ferien.

Eisenhut weiss: Kriminell ist jemand erst, wenn er verurteilt ist. Die Polizei betreibt aber keine Verurteiltenstatistik. Sie erfasst lediglich «Angeschuldigte», wie sie mitteilt. Und selbst wenn einem Grossteil der 918 «Delikte» ein Urteil folgte – könnte nicht ein Zusammenhang bestehen zwischen dem Anstieg der registrierten Delikte und der Zunahme gezielter Kontrollen?

Für Eisenhut sind mehr Kontrollen und die Ahndung durch das Justizsystem ohnehin nicht genug: Er fordert «Disziplinierungsmassnahmen», Sozialämter und Asylbetreuungsfirmen sollen Zugang zu Polizeidaten haben, um Strafen aussprechen zu können. Liberal – so sieht sich Ko-Chef Eisenhut gerne – ist die Forderung nach einer «Schattenjustiz» (Eisenhut) allerdings nicht. Oder wie fände er es, wenn das Steueramt seine Bankauszüge einsehen könnte? Und im Fall eines Fehlverhaltens etwa auch Arbeitgeber und Hausärztin Massnahmen ergreifen könnten? (Im Übrigen: Die Aufhebung des Bankgeheimnisses ist wesentlich leichter zu rechtfertigen, zumal die Steuerkriminalität ein viel schwereres Delikt darstellt als der Ladendiebstahl.)

Man mag die mutmassliche oder tatsächliche Kriminalität von 918 Asylbewerbern, also von 0,0142 Prozent der in der Schweiz lebenden Bevölkerung, als drängendes Problem ansehen. Aber die journalistische Verantwortung sollte dabei nicht vergessen gehen.

PS: Dem Vernehmen nach soll bald ein Neuer auf dem Chefsessel des «Tages-Anzeigers» Platz nehmen: Patrik Müller, derzeit Chefredaktor des «Sonntags». Müller kommentiert das Gerücht nicht, er will weder dementieren noch bestätigen. Es bleibt die Hoffnung, dass der «Tages-Anzeiger» mit einem neuen Chef weniger nach unten tritt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch