Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

Die Nächte durch, noch vor der Sintflut

«Mega», die Abkürzung der «Marx-Engels- Gesamtausgabe», könnte treffender nicht sein: Von über hundert geplanten Doppelbänden ist bislang die Hälfte erschienen. Erahnbar wird die kulturgeschichtliche Dimension dieser Schriften.

Von Rudolf Walther

Begonnen hatte das Editionsprojekt «Marx-Engels-Gesamtausgabe» («Mega») in den zwanziger Jahren in der Sowjetunion. Der führende Kopf der ersten, auf vierzig Bände geplanten Gesamtausgabe war David Rjasanow (1870–1938). Unter seiner Leitung erschienen ab 1927 elf Bände. Die erste Gesamtausgabe fand ein tragisches Ende: Josef Stalin befahl 1935 den Abbruch des Vorhabens, weil die radikalen Frühschriften von Karl Marx (1818–1883) nicht ins Korsett des Marxismus-Leninismus passten. Der Diktator liess Rjasanow verhaften und am 21. Januar 1938 hinrichten. Andere MitarbeiterInnen verschwanden in Stalins Gulag.

Zehn Jahre nach Stalins Tod (1953) entstand im Institut für Marxismus-Leninismus (IML) in Berlin das Projekt einer zweiten «Mega». Nur widerstrebend beteiligte sich auch Moskau daran. Die KPdSU hatte kein Interesse an einer historisch-kritischen Ausgabe. Mitte 1964 war es eine der letzten Taten des damaligen Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow, den Weg für eine neue Gesamtausgabe freizumachen.

Bis zum Ende der DDR und der Auflösung des IML wurden in Berlin und Moskau 34 Text- und Kommentarbände erarbeitet. Mit dem Fall der Mauer schien auch das Schicksal der «Mega» besiegelt. Wie viele wissenschaftliche Projekte und Karrieren stand auch sie vor der Abwicklung. Dass sie im verbiesterten Klima der Wende gerettet wurde, grenzt an ein gesamtdeutsches Wunder. Einem Gerücht zufolge ist dieses einer Intervention Helmut Kohls geschuldet, der nach Stalin nicht zum zweiten «Mega»-Abmurkser werden wollte. Das Projekt wurde nicht abgebrochen, sondern redimensioniert – von 165 auf 114 Doppelbände (vgl. «Megaprojekt ‹Mega›» im Anschluss an diesen Text). Wahrscheinlicher als diese Legende ist aber, dass der Ruf der Edition in der Fachwelt und das positive Urteil der Evaluierungskommission unter der Leitung des Philosophen Dieter Henrich die Fortführung des Projekts und seine Aufnahme ins Akademieprogramm von Bund und Ländern ermöglichten.

Panorama des 19. Jahrhunderts

Die «Mega» wurde daraufhin nicht nur finanziell, sondern auch organisatorisch und technisch auf neue Beine gestellt und von politischen Vorgaben befreit. Als Herausgeberin trat die Internationale Marx-Engels-Stiftung (Imes) auf. Sie wurde 1990 angeregt vom Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, wohin vor 1933 dank des couragierten Handelns der SPD zwei Drittel des Nachlasses von Marx und Engels gebracht worden waren. Weitere Partner sind die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Russländische Staatliche Archiv für Sozial- und Politikgeschichte in Moskau.

Die Berliner Akademie koordiniert die Editionsarbeit der in internationaler Kooperation erarbeiteten Bände. Dafür steht nur noch weniger als ein Fünftel der ehemaligen MitarbeiterInnen zur Verfügung, die jetzt allerdings mit moderner Editionstechnik und Datenbanken operieren. Die Erscheinungsfrequenz der Edition hat sich fast halbiert: Zu DDR-Zeiten kamen jährlich noch zwei Bände heraus. Seit 1990 sind 25 Doppelbände erschienen – insgesamt sind nun also etwas mehr als die Hälfte der geplanten 114 Doppelbände abgeschlossen. Die bisher erschienenen Bände füllen vier Laufmeter in den Regalen.

Monumentales Fragment

Die Ausgabe umfasst nicht nur gedruckte Schriften letzter Hand, sondern auch Entwürfe und die erhaltenen Briefe von und an Karl Marx und Friedrich Engels (35 Bände) sowie alle Buchexzerpte und Notizen, die zusammen allein 32 Bände füllen – fast nur bis anhin ungedruckte Texte. Die Briefe von Marx und Engels an 2000 EmpfängerInnen und deren Antworten bilden ein intellektuelles Panorama des 19. Jahrhunderts.

Allein das «Kapital» sowie die Vorarbeiten und Entwüfe dazu füllen fünfzehn Bände. Was als dreibändiges Werk erschien, ist tatsächlich ein in fast zwanzig Jahren entstandener, ungeordneter Manuskriptberg, den die «Mega» erstmals in vollständiger, authentischer Form präsentiert. Das gilt auch für die «Deutsche Ideologie», die erst Stalins «Marxismus-Leninismus» zur Fibel des historischen Materialismus kanonisierte. Allein die fünfzehn Bände zum «Kapital» zeigen, wie richtig die Rede vom «neuen Marx-Bild» nach der «philologischen Wende» (Gerald Hubmann) ist: Die Abwendung von Parteivorgaben und die Ansiedlung der Edition an der Akademie entideologisierte und verwissenschaftlichte die «Mega». Sie dokumentiert jetzt Marx’ hybriden Anspruch – nach Hegel noch einmal die Genesis und den Zusammenhang des ganzen Systems und die Kritik desselben darzustellen – in seinem unvermeidlichen Scheitern: als monumentales Fragment eines genialen Entwurfs.

Marx und die Geologie

Die zwischen 700 und 1600 Seiten starken Bände sind jeweils zweigeteilt – in einen Text- und einen Kommentarband. Die Kommentarbände informieren über die Textüberlieferung ebenso wie über Textvarianten und die historischen Bezüge und Kontexte der Schriften. Quellenbelege und Register erschliessen die Schriften. Die Kommentare und die Einführungen befreien die Texte von Marx und Engels aus dem ideologischen Würgegriff und präsentieren die Werke in ihrem historisch-politischen und wissenschaftstheoretischen Kontext.

Um die kulturpolitische Bedeutung eines der komplexesten sozialwissenschaftlichen Editions- und Forschungsprojekte erkennen zu können, muss man ins Detail gehen: In seinem Beitrag für die «Zeitschrift für marxistische Erneuerung» förderte der Marx-Forscher Manfred Neuhaus Erkenntnisse über Marx’ Arbeitsweise zutage, wie sie nur durch die filigrane Editionsarbeit ermöglicht werden. In seinen Studien beschäftigte sich Marx intensiv mit der neuesten Literatur aus Geologie, Chemie, Mathematik und Biologie. Die Exzerpte aus Büchern zur Geologie allein umfassen zusammen mit den Kommentaren und Registern 1104 Seiten. Bei dieser Arbeit stiess Marx auf den Begriff der geologischen Formation. So lässt sich nachvollziehen, wie Marx in den 1850er Jahren den Formationsbegriff sozialwissenschaftlich drehte und den Neologismus «Gesellschaftsformation» prägte, der heute zur Alltagssprache gehört.

Karl Marx bezog nur für kurze Zeiten seines Lebens ein festes Einkommen. Die längste reguläre Anstellung hatte er als Korrespondent der «New York Tribune» von 1851 bis 1855. Mit einer Auflage von 145 000 Exemplaren gehörte diese Zeitung damals zu den weltweit grössten. Bei seiner Arbeit entdeckte das «Mega»-Team 26 bisher nicht bekannte Artikel von Marx. Ausserdem belegt die Edition, dass Marx Bücher von 36 AutorInnen in fünf Sprachen las und 75 Seiten Exzerpte anfertigte für seine rund 50 Druckseiten umfassende Artikelfolge über das revolutionäre Spanien. Ein Instantjournalist war er nicht!

Die Wirtschaftskrise von 1857 gilt als erste umfassende Weltwirtschaftskrise. Marx erlebte nicht nur die Krise als «heavy time», sondern zugleich seine «domestic affairs» – den Umstand, dass Gläubiger und Pfändungsbeamte seine Frau Jenny wie «hungrige Wölfe» belagerten und die Krise zum «Vorwand machten, um ihr Geld abzupressen».

Die Krise begann am 24. August 1857 mit dem Bankrott der Ohio Life and Trust Company, die sich mit Eisenbahnpapieren verspekuliert hatte. Engels litt gerade noch an einer «Drüsengeschichte», schickte aber Geld und «6 Flaschen Bordeaux, 3 Port und 2 Sherry». Marx seinerseits konsultierte dafür die neueste französische, englische und deutsche Literatur zu Drüsenkrankheiten und kam zur Ferndiagnose: «Momentaner Eisenmangel im Blut ist der Grundcharakter Deiner Krankheit.» Dr. Marx empfahl Lebertran.

Doch danach beschäftigte Karl Marx sich in einem Arbeitsrausch mit der Krise. Die «monetary panic» gehe dem «industrial crash» voraus, hielt er fest, und Engels kommentierte: «Die Kapitalisten», die gestern noch «gegen das droit au travail» wetterten, verlangten nun «öffentliche Unterstützung, … also das droit au profit».

Die «Mega» zeigt detailliert, wie solche Kommentare zur Krise in Entwürfe, Manuskripte und Notizhefte eingingen. Karl Marx wie Friedrich Engels hofften, die Krise beschleunige den Untergang des Kapitalismus. Marx: «Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die Grundrisse im Klaren habe bevor dem déluge» (Sintflut). Solche Prognosen blieben bei Marx eine Episode. Nach seinem Tod stellte Engels aus den Entwürfen den dritten Band des «Kapitals» zusammen und betonte die beiläufigen Kommentare bei der brieflichen Selbstverständigung über die Krise zu einer dem Kapitalismus inhärenten Zusammenbruchstendenz. In der deutschen Sozialdemokratie verdichtete sich diese Lesart zu einer vermeintlich marxschen «Zusammenbruchstheorie», für die es nach den «Mega»-Texten bei Marx kein Fundament gibt. Allein im zweiten Band des «Kapitals» nahm Engels 5000 Textänderungen vor. Dank der «Mega» stehen jetzt alle von Marx stammenden Manuskripte und redigierten Fassungen sowie alle Druckversionen der Forschung zur Verfügung.

Bis zum Abschluss der «Mega» wird es noch mindestens dreissig Jahre dauern. Das ist für solche Projekte normal: Die Editionen der Werke Kants oder Leibniz’ haben ähnliche Laufzeiten. Die Finanzierung im Rahmen des Akademieprogramms ist bis 2015 gesichert. Dann muss eine Verlängerung ausgehandelt werden. Es wäre ein kulturpolitischer Schildbürgerstreich, wenn die «Mega» zum zweiten Mal eingestellt würde – dieses Mal wegen des staatlichen Sparkurses.

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