Nr. 31/2012 vom 02.08.2012

«Dass nichts vorhersehbar ist»

«Der Glanz des Tages», der neue Film von Tizza Covi und Rainer Frimmel, ist im Wettbewerb am Filmfestival Locarno zu sehen. Die WOZ war zu Besuch bei den Filmschaffenden in Wien.

Von Silvia Süess, Wien

Ein selbst gebastelter Drachen, Kinderzeichnungen und ein gerahmtes Bild mit dem Titel «Pepita trägt ein dünnes Kleid» des Kinderbuchzeichners Janosch hängen an einer Wand in der Stube. Unter dem Fenster steht eine bauchhohe eckige, orangefarbene Jukebox. «Die haben wir mit dem Geld gekauft, das wir mit dem Verkauf unserer ersten gemeinsamen Fotoarbeit verdienten», sagt Tizza Covi. Sie und Rainer Frimmel haben sich während der Fotoausbildung an der Graphischen Lehranstalt in Wien kennengelernt. Seit bald zwanzig Jahren sind sie beruflich und privat ein Paar. Mit ihren beiden Kindern leben sie in einer Vierzimmerwohnung in einem ruhigen Wohnquartier in Wien. In einem der Zimmer ist ihre Produktionsfirma untergebracht.

Während ihrer Ausbildung produzierten die Südtirolerin Covi und der Wiener Frimmel zunächst gemeinsame Fotoarbeiten, es folgten Experimental- und Dokumentarfilmprojekte – und dann kam «La Pivellina» («Die Kleine»): Der Spielfilm erzählt von einem älteren Zirkuspaar, das ein zweijähriges Kind auf einem Spielplatz findet und zu sich nimmt. Die Geschichte mit dem Kind ist erfunden, doch das ganze Umfeld, in welches das Kind integriert wird, ist dokumentarisch – alle Mitwirkenden spielen, was sie auch im Alltag sind. Der an den italienischen Neorealismus erinnernde Film ist in seiner Schlichtheit und Wahrhaftigkeit ein poetisches Kunstwerk. Er lief 2009 am Filmfestival in Cannes in einer Nebensektion und wurde zu einem Überraschungserfolg.

In ihrem neuen Film «Der Glanz des Tages», der am Filmfestival Locarno im Wettbewerb zu sehen ist, arbeiten Covi und Frimmel auf dieselbe Art: Sie bringen Menschen aus unterschiedlichen Welten zusammen und schauen, was passiert. Philipp Hochmair ist ein junger, viel beschäftigter Wiener Schauspieler. Er arbeitet in einer grossen Anzahl Film- und Theaterprojekte mit, hat Tausende Zeilen von Text verschiedener Stücke im Kopf und ist total mit seiner intellektuellen Welt beschäftigt. Auf ihn trifft Walter, der Mann aus «La Pivellina». Walter war früher Bärenkämpfer, und als Zirkusartist wird er im Alltag immer wieder mit der Härte des Lebens konfrontiert.

Die Geschichte entsteht beim Drehen

«Die zwei waren so in ihrer jeweiligen Welt gefangen, dass sie am Anfang kaum aufeinander reagierten», sagt Covi, «für uns war die grösste Herausforderung, die beiden zueinanderzuführen.» Genau das mögen Covi und Frimmel an ihrer Art zu arbeiten: dass nichts vorhersehbar ist. «Ich fände es extrem langweilig, wenn die Schauspieler genau das tun würden, was ich mir vorstelle», fügt sie an. Auch seien sie keine Büromenschen, die sich hinsetzen und dann ein Drehbuch schreiben könnten. Die Geschichte entstehe erst beim Drehen. «Durch diese Art von Arbeiten geben wir manchmal völlig die Kontrolle aus der Hand.» Gerade aus dieser Unsicherheit entstünden die schönsten Momente, die man so niemals hätte erfinden können.

Realisieren können Covi und Frimmel ihre Filme unter anderem dank der Filmförderung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), der sogenannt «kleinen Filmförderung», die innovative Filmprojekte mit kleinen Beiträgen unterstützt. Anders als bei den anderen Förderstellen, die über grössere Budgets verfügen, müssen Filmschaffende für Anträge beim BMUKK kein ausformuliertes Drehbuch einreichen. «Wir brauchen auch sehr wenig Geld, da wir praktisch alles nur zu zweit machen», sagt Covi. «Über das Geld müssen wir doch nicht reden», wirft Frimmel ein. «Doch, das ist in diesem Zusammenhang schon auch wichtig», entgegnet Covi. Frimmel zuckt mit den Schultern. Covi lacht: «Er widerspricht mir immer, deswegen arbeiten wir auch zusammen.»

Die Kamera als Ausrede

Sie sind ein eingespieltes Team, die Idee zu einem neuen Film entsteht meist gemeinsam. Für die Produktion ist Frimmel zuständig, während Covi Alltagsarbeiten erledigt. Bei den Dreharbeiten sind immer beide anwesend: Frimmel führt die Kamera – für «Der Glanz des Tages» war allerdings ein Kameramann dabei –, Covi ist bei den meisten Projekten für den Ton verantwortlich. Während dieser Zeit schauen die Grosseltern in Wien zu den Kindern. Die Filmmontage macht Covi, dann ist Frimmel Hausmann. Doch da sich das Büro in der Wohnung befindet, mischen sich Arbeit, Familie und Freizeit. «Früher haben wir noch auf Zelluloid geschnitten, da hingen hier in der Stube Filmstreifen runter, und die Kinder kamen und zogen daran», lacht Covi. «Der Glanz des Tages» ist zwar noch auf Super-16, also auf Zelluloid gedreht, den Schnitt hat Covi jedoch digital gemacht. Aus dreissig Stunden Filmmaterial hat sie einen Neunzig-Minuten-Kinofilm montiert. Die gesamte Arbeit am Film dauerte etwa zwei Jahre.

«Eigentlich ist die Kamera nur eine Ausrede, um bei etwas dabei zu sein, das uns interessiert», sagt Frimmel, «so können wir in Lebenswelten eindringen, die uns sonst verschlossen bleiben würden.» Ideen für neue Projekte haben die beiden Filmschaffenden viele. Doch erst einmal wollen sie die Premiere von «Der Glanz des Tages» abwarten – um dann mit befreitem Kopf in eine neue Welt einzutauchen.

«Der Glanz des Tages» in: Locarno Filmfestival, Pala Video, 
Mo, 6., Di, 7. August 2012, 18.30 Uhr.
 Auditorium Fevi, Di, 7., Mi, 8. August 2012, 16.15 Uhr.

Nachtrag vom 16. August

Preis für Bärenkämpfer

Er war einer der Glanzlichter im internationalen Wettbewerb des Filmfestivals Locarno: der österreichische Film «Der Glanz des Tages» von Tizza Covi und Rainer Frimmel.

Als die WOZ im Juni zu Besuch bei den Filmschaffenden in Wien war, hatten sie soeben Bescheid erhalten, dass ihr Film im Wettbewerb programmiert ist. Nun haben sie noch einen Grund zur Freude: Nach einer gelungenen Weltpremiere am Festival hat «Der Glanz des Tages» viel Lob von der internationalen Presse und den Preis für den besten Hauptdarsteller erhalten. Der Silberne Leopard ging an den ehemaligen Bärenkämpfer Walter Saabel, der im inszenierten Dokfilm sich selbst spielt. Als Walter trifft er auf den obsessiven Schauspieler Philipp Hochmair, der im Film sein Neffe ist. Das Zusammentreffen der beiden exzentrischen Menschen mit ihren unterschiedlichen Leben führt zu spannenden Auseinandersetzungen über Identität, Freiheit und Selbstbestimmung. Wo die Inszenierung beginnt und die Realität aufhört, ist unklar. «Ich fände es extrem langweilig, wenn die Schauspieler genau das tun würden, was ich mir vorstelle», sagte Tizza Covi beim Besuch der WOZ in Wien.

«Der Glanz des Tages» ist ein gelungenes Experiment, realisiert mit kleinem Budget, ohne klar ausformuliertes Drehbuch – und mit einer grossen Portion Mut fürs Ungewisse. Es bleibt zu hoffen, dass der Film auch in Schweizer Kinos zu sehen sein wird.

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