Nr. 19/2017 vom 11.05.2017

Jäger des verlorenen Glücksbringers

Von Florian KellerMail an AutorIn

Vor acht Jahren träumte er noch von Pamela Anderson, er verwechselte Leonardo da Vinci mit Picasso, bei Hitler und Mussolini hatte er auch seine liebe Mühe. Das war Tairo Caroli, der italienische Artistenbub aus dem Film «La pivellina» von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Jetzt, in «Mister Universo», kehren die beiden zurück zu Tairos Zirkusfamilie. Der Teenager von damals ist inzwischen zum stolzen Löwenbändiger herangewachsen, aber er ist gerade ziemlich von der Rolle.

Sein Tiger Rambo ist gestorben, seine übrigen Raubtiere sind entweder apathisch oder aggressiv. Als ihm auch sein Glücksbringer abhandenkommt, gerät der junge Dompteur in existenzielle Zweifel. Er klappert dann seine halbe Verwandtschaft ab, um den Helden seiner Kindheit zu finden: den sagenhaften Muskelmann Arthur Robin, «Mister Universum» von 1957, der einst das Stück Eisen, das für Tairo zum Talisman wurde, eigenhändig in die Form eines Hufeisens gebogen hatte. Dabei hält Tairo sonst jede Form von Aberglauben für Humbug.

Wo hört der gelebte Alltag der Figuren auf, wo fängt die Fiktion an? Das bleibt bei Tizza Covi und Rainer Frimmel oft in der Schwebe. Der Weg zum Zauber führt bei ihnen nicht über Opulenz, sondern über die dokumentarische Genauigkeit im realen Milieu. Das ist ihre Methode, die sie hier erweitern und verfeinern. Auch wenn sie sich diesmal enger denn je ans Drehbuch gehalten haben, sind ihnen Augenblick und Zeugenschaft immer noch wichtiger als dramaturgische Kniffe. Aber ihr Realismus ist hier schillernder, weil metaphorisch dichter. Das macht «Mister Universo» zu einem sehr gegenwärtigen Märchen auf morastigen Böden, zwischen tristen Stellplätzen und einem Vergnügungspark im Winterschlaf.

Und dieser Tairo ist ein Glücksfall für dieses Roadmovie aus der italienischen Provinz. Weil er zwar die Gabe der «showmanship» mitbringt, die es braucht, um einen solchen Film zu tragen, aber ohne sich vor der Kamera je aufzuspielen. Selbst beim Rauchen bleibt er der Dompteur, wenn er seine Zigarette vor einem Hündchen tanzen lässt, als wolle er es dressieren.

In: Bern, Kino Rex; Zürich, Kino Xenix. Ab 19. Mai 2017 in Winterthur, Kino Cameo.

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