Nr. 26/2015 vom 25.06.2015

(A)soziale Medien

Etrit Hasler über eine kleine Revolution in der Sportwelt

Von Etrit Hasler

Kaum ein Bereich menschlicher Kultur ist so resistent gegen die Einführung neuer Technologien wie die Welt des Sports. Veränderungen werden konsequent abgelehnt mit dem Hinweis auf eine diffuse Ursprünglichkeit oder – noch irrer – ein angeblich wünschenswertes Element der Ungerechtigkeit. So bekamen wir im Tennis noch Jahrzehnte nach der Erfindung der Hawk-Eye-Technologie Bilder von AthletInnen zu sehen, die mit den SchiedsrichterInnen im Sand herumstocherten und forensische Spurensuche betrieben, statt Tennis zu spielen. Im Eishockey resultierte jede knappe Entscheidung an der Torlinie in einer Massenschlägerei, bis endlich jemand auf die Idee kam, eine Kamera übers Tor zu hängen. Und im Fussball wird der Videobeweis wohl erst eingeführt, wenn die Fans die strittigen Szenen gleich selber filmen und sofort im Stadion via Social Media verbreiten.

Sowieso scheinen die neuen Kommunikationstechnologien die einzige Modernisierung zu sein, gegen die der Sport machtlos ist – was tatsächlich eine kleine Revolution ausgelöst hat. Die neuen, häufig ungefilterten Kanäle haben uns einen Einblick in die Welt des Profisports gewährt, den vielleicht manch eineR im Nachhinein so gar nicht wollte – zu sehr waren wir es gewohnt, dass AthletInnen nur in diesen auswendig gelernten Nullphrasen redeten: «Es war eine tolle Mannschaftsleistung», «Ich danke den Fans für die Unterstützung» oder «Ich habe versucht, meine Leistung abzurufen».

Über Facebook, Twitter und andere Social-Media-Plattformen bekamen wir plötzlich den gesamten Schwall an Hass, Verachtung und Dummheit mit, der überall Alltag ist, wo die Emotionen hochkochen – eben auch im Sport: Beim Schweizer Fussballer Michel Morganella zum Beispiel, der an den Olympischen Spielen 2012 die südkoreanische Mannschaft kollektiv als «Trisos» beschimpfte. Oder bei der griechischen Leichtathletin Paraskevi Papachristou, die sich 2012 enervierte, in ihrem Heimatland seien so viele Afrikaner, dass wenigstens die West-Nil-Moskitos (Träger eines tödlichen Virus) heimisches Essen bekommen würden. Und bei der in unseren Breitengraden vielleicht weniger bekannten US-Basketballerin Cappie Pondexter, die auf Twitter die Fukushima-Katastrophe als göttliche Vergeltung für Pearl Harbor interpretierte.

Doch es gibt zum Glück auch Gegenbeispiele – die so herausstechen, weil wir von SportlerInnen kaum intellektuelle Glanzleistungen erwarten. Zum Beispiel Benjamin Watson, ein American-Football-Spieler der New Orleans Saints. Der gläubige Christ aus South Carolina hatte bereits während der Proteste in Ferguson einen längeren Beitrag auf Facebook gepostet, der den Satz «It’s not a skin problem, it’s a sin problem» enthielt, der schnell zu einem der Slogans der Protestbewegung wurde. Und jetzt äusserte sich Watson nach dem Massaker in Charleston zur aktuellen Debatte um die Konföderiertenflagge, die bis heute über dem Regierungsgebäude in South Carolina weht. Watson argumentiert, dass die Flagge zwar problematisch sei, aber nicht der Kern des Problems.

«Es sollte nicht die brutalen, sinnlosen Morde an jungen schwarzen Amerikanern durch einen jungen weissen Mann in einer Kirche brauchen, um sicherzustellen, dass die Kriegsflagge der Konföderierten, die seit den sechziger Jahren in stolzer Missachtung der Bürgerrechtsbewegung weht, endlich verschwindet. (…) Wenn wir die Flagge aus irgendeinem anderen Grund entfernen als dem, dass die Herzen der South Caroliner sich geändert haben, können wir es genauso gut sein lassen.» Ein differenzierter Beitrag, den man so von einem Mann, der sein Geld damit verdient, einen Helm anzuziehen und gegen eine Mauer aus Menschen zu rennen, eher nicht erwartet hätte. Und der in den Zeiten, in denen SportlerInnen nur an Pressekonferenzen etwas sagen durften, wohl nie öffentlich geworden wäre.

Etrit Hasler empfiehlt, den gesamten 
Beitrag von Benjamin Watson zu lesen: Facebook-Post

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