Nr. 33/2012 vom 16.08.2012

Too young to fail

Von Pit Wuhrer

Pünktlich zum ersten Jahrestag der Riots hat das britische Establishment der überflüssigen Jugend mal wieder den Tarif durchgegeben. Letzte Woche verurteilte ein Londoner Gericht fünfzehn junge Männer im Alter von 15 bis 25 Jahren zu Haftstrafen zwischen drei und neun Jahren. Die zumeist schwarzen Arbeitslosen hatten während der Unruhen im Westlondoner Quartier Notting Hill ein Edelrestaurant überfallen, die Gäste schikaniert und ihnen Schmuck, Uhren, Geld und Handys abgenommen. Im Unterschied zu den meisten anderen der rund 3000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nach den vier Tagen im August 2011 wegen Plünderung, Brandstiftung und Aufruhr zu überdurchschnittlich hohen Haftstrafen verurteilt wurden, hatten die Räuber von Notting Hill Personen angegriffen; zudem sollen sie einer Gang angehört haben. Aber rechtfertigt das neun Jahre Kerker?

Nicht überall in Europa springen die Eliten so erbarmungslos mit den Ausgegrenzten um. Aber fast überall bangt eine ganze Generation von jungen Erwerbsfähigen um ihre Existenz. Die enorm hohe Jugendarbeitslosigkeit – in Spanien und Griechenland über fünfzig Prozent, im EU-Durchschnitt fast ein Viertel – raubt den Jungen die Zukunft, das Selbstwertgefühl, die Freude am Leben. Das gilt nicht nur für jene, die sich Hunderte Male erfolglos um eine Stelle beworben haben: Auch wer bei der Jobsuche Glück hat, arbeitet oft unter prekären Bedingungen in miserabel bezahlten, befristeten Jobs. Oder hangelt sich (wie in Deutschland mit seiner relativ niedrigen Jugendarbeitslosenquote) von Praktikum zu Praktikum. Viele von ihnen sind gut ausgebildet, oft auch überqualifiziert, und sie alle fühlen sich alleingelassen – betrogen von den Finanzmärkten und hintergangen von einer Politik, die ihnen nur noch mehr Mobilität, Flexibilität und Unterwerfung empfiehlt, also zu einer Rundumanpassung an die Erfordernisse eines Kapitalsystems rät, das für sie aber keine Verwendung mehr hat. Als sässen alle freiwillig zu Hause herum.

Aber immerhin lassen sich viele etwas einfallen. Ihre Antworten ähneln teilweise denen früherer Generationen. Die jungen IrInnen emigrieren wieder – wie ihre Vorfahren im 19. Jahrhundert und wie ihre Grosseltern und Eltern in den fünfziger und achtziger Jahren. In England randalierten schon vor den Riots die StudentInnen und zerlegten das Hauptquartier der Konservativen Partei auf althergebrachte Weise: Aufruhr war in der englischen Geschichte schon immer ein Mittel des Protests gewesen. In Spanien entdecken die jungen und die alten Indignados die anarchistische Tradition der spanischen Arbeiterbewegung, okkupieren Plätze, Bankfilialen und Häuser – nach dem Motto «¡Yo no pago!», bezahlt wird nicht! In Paris demonstrieren junge Arbeitslose mit Vorliebe auf der Place de la Bastille, und in Griechenland erinnert man sich daran, dass es schon einmal einen breiten Widerstand gegen eine deutsche Politik gab, die das Land kontrollieren wollte.

Nicht alle rebellieren. Viele sind verängstigt oder verfallen in Hoffnungslosigkeit – weil sie ahnen, was ihnen blüht. Wer in der Jugend längere Zeit arbeitslos ist, das ergab kürzlich eine britische Studie, hat auch später kaum Aussicht auf ein geregeltes Erwerbsleben. Dabei gäbe es zur absehbaren Dauerarmut von Millionen Jugendlichen durchaus Alternativen: umfassende Arbeitszeitverkürzung statt Anhebung des Rentenalters, sinnvolle Beschäftigungsprogramme und Förderung der Gemeinwesenarbeit (etwa in Form von Kooperativen) statt Sozialstaatsabbau – finanziert mit einer gerechten Besteuerung aller Einkommen. Das Kapital und seine PolitikerInnen lehnen solche Vorschläge rundweg ab – für sie ist die anschwellende Reservearmee jugendlicher Arbeitsloser auch ein probates Mittel für ein Lohn- und Rentendumping quer durch alle Generationen. Viele Ältere und auch die meisten Gewerkschaften haben dies noch nicht ganz begriffen. Ihnen haben die protestierenden Jugendlichen mit ihren oft fantasievollen Aktionen viel voraus. Denn ihr Widerstand zeigt ja auch, welch kreatives Potenzial für die Gesellschaften verloren geht, wenn die Politik weiterhin nur die Profitinteressen einiger weniger pflegt.

Siehe auch: Jugendarbeitslosigkeit in Europa: «Unsere Träume sind wie eine Luftblase zerplatzt». Drei Porträts aus Griechenland, Spanien und Irland.

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