Nr. 34/2012 vom 23.08.2012

Ein Wettlauf gegen Sonne, Termiten und Ignoranz

Einst galt Timbuktu als das schwarze Oxford: Die malische Stadt war jahrhundertelang Umschlagplatz für Wissen und Ideen, Hunderttausende von Manuskripten sind hier gelagert. Dieser intellektuelle Schatz ist nun wegen islamistischer Extremisten in Gefahr.

Von Philipp Hedemann, Bamako

«Wenn sie die Bibliothek zerstören, ist alles weg. Alles. Unsere Geschichte, unser kulturelles Erbe, unsere Identität. Es wäre der totale Verlust», sagt der Mann, der jahrelang die mittelalterlichen Handschriften in der Ahmed-Baba-Bibliothek im sagenhaften Timbuktu katalogisierte, archivierte und digitalisierte. Es war von Anfang an ein Wettlauf gegen die Zeit. Zunächst gegen Termiten und die gleissende Sonne, die die porösen Dokumente zersetzte und die Tinte verbleichen liess, zuletzt gegen Ignoranz und Zerstörungswut.

Der Wettlauf droht jetzt zu scheitern. Seit einigen Wochen haben die der al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqim) nahestehenden Extremisten der Gruppe Ansar Dine den Hort des Wissens im Norden Malis besetzt. Systematisch zerstörten sie in der Wüstenstadt bereits sufistische Heiligtümer, weil sie nicht in ihr enges Weltbild passen. Jetzt könnten auch die Schriften der grössten Bibliothek des westafrikanischen Landes den Zorn der Fundamentalisten auf sich ziehen und ihrem Vernichtungsfeldzug zum Opfer fallen.

Die Schätze der Weisheit

Die Räume des 1973 auf Initiative der Unesco gegründeten Ahmed-Baba-Instituts beherbergen die lange vergessenen Wüstenmanuskripte. Diese – auf mürbem Papier, auf kunstvoll verzierten Schriftrollen, auf zwischen Kamelhäuten geschützten Seiten, auf vergilbten Kladden, in brüchigen Lederschubern und in abgewetzten Folianten – widersprechen einem von den ehemaligen Kolonialherren lange gepflegten Vorurteil: der chauvinistischen Annahme, dass es in Afrika vor der Ankunft des weissen Mannes kaum eine Schriftkultur gab.

Auf Arabisch, in der Berbersprache Tamaschek und in afrikanischen Sprachen der Sahelzone haben die Schönschreiber von Timbuktu im späten Mittelalter alles aufgeschrieben, was sie wussten. Die Karawanenstadt am südlichen Rand der Wüste war über Jahrhunderte nicht nur ein Umschlagplatz für die Waren des transsaharischen Handels, sondern auch für Wissen und Ideen aus aller Welt. So trugen die islamischen Schreiber im Laufe der Jahrhunderte einen immensen intellektuellen Schatz zusammen, der von einem liberalen und toleranten Islam zeugt. Timbuktu galt zu seiner Blütezeit mit seinen zahlreichen Gelehrten und Studenten und den über 150 Koranschulen als schwarzes Oxford und hatte im intellektuellen Diskurs der Epoche einen ähnlichen Stand wie Kairo, Damaskus oder Bagdad. Unter den bis zu 300 000 Manuskripten, die Forscher im Norden Malis vermuten, befinden sich Aufzeichnungen zur Religion, Geschichte, Philosophie, Astronomie, Astrologie, Numerik, Biologie, Geografie, Grammatik, Literatur, Medizin, Mathematik und zum islamischen Recht sowie Huldigungen, Ratgeber und Korrespondenzen.

«Die Schätze der Weisheit sind nur in Timbuktu zu finden», lautet ein altes malisches Sprichwort. Doch diese Schätze drohen jetzt für immer verloren zu gehen.

«Mindestens drei Ansar-Dine-Männer hausen im neuen Gebäude der Ahmed-Baba-Bibliothek. Die Computer unseres Instituts wurden geplündert. Bislang haben sie die Schriften verschont, aber das kann sich jederzeit ändern», berichtet ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bibliothek am Telefon. Im Januar floh er mit seinen zwei Kindern und seiner Frau in die fast tausend Kilometer südlich gelegene Hauptstadt Bamako.

Das Lachen ist verschwunden

Damals kehrten immer mehr schwer bewaffnete Tuareg-Rebellen, die dem gestürzten libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi gedient hatten, in den Norden Malis zurück, um dort gegen die malische Armee für ihren eigenen unabhängigen Staat Azawad zu kämpfen. Seitdem telefoniert der 38-Jährige, der aus Angst vor den selbst ernannten Hütern des wahren Glaubens der Ansar Dine seinen Namen nicht verraten möchte, fast täglich mit Freunden in Timbuktu. Was man ihm berichtet, macht ihm Angst. Angst um seine Freunde und Angst um die Manuskripte. «Ansar Dine hat in der Stadt eine Schreckensherrschaft errichtet. Timbuktu war einst eine fröhliche Stadt, doch jetzt ist das Lachen verschwunden», sagt der Mann.

Am 22. März dieses Jahres hatten malische Soldaten gegen den langjährigen Präsidenten Amadou Toumani Touré geputscht. Im Machtvakuum nach dem Umsturz liessen sich die aus Libyen zurückkehrenden Tuareg-Rebellen im Norden des Landes auf eine unheilvolle Allianz mit den bärtigen Kämpfern der Ansar Dine ein.

Gemeinsam nahmen sie am 1. April Timbuktu ein, doch bereits wenige Tage später vertrieben die Islamisten mit den schwarzen Fahnen die Tuareg mit den blauen Gewändern aus der Stadt. Sie brauchten sie nicht mehr. Im Gegenteil, jene standen ihnen bei der Einführung der Scharia sogar im Weg. «Frauen, die sich nicht verschleiern, werden ausgepeitscht. Wenn ein Mann mit einer Frau spazieren geht, werden beide ausgepeitscht», sagt der ehemalige Bibliotheksmitarbeiter. «Als die Menschen bei einem im Fernsehen übertragenen Fussballspiel jubelten, zerstörten die Islamisten Fernseher und Antennen. In Timbuktu kann man jetzt nur noch einen Radiosender hören, und der überträgt hauptsächlich die Anordnungen der Besatzer und religiöse Belehrungen. Es gibt keine Musik, keinen Alkohol, keine Zigaretten, keinen Schmuck, keine Freude mehr. Wer kann, flieht.» Nach Angaben der Uno sollen bereits mehr als 120 000 Menschen in die Nachbarländer geflohen sein, 150 000 MalierInnen sind Vertriebene im eigenen Land.

Der Historiker Shamil Jeppie befürchtet, dass dem religiösen Rigorismus der Ansar Dine nach den Mausoleen auch die Schriften von Timbuktu zum Opfer fallen könnten. «Die Manuskripte sind in höchster Gefahr. Vor allem Sufi-Texte und Aufzeichnungen mit Zahlen könnten die Salafisten für gotteslästerliches Teufelszeug halten und sie zerstören», befürchtet der Wissenschaftler der Universität Kapstadt, der die Manuskripte mit ExpertInnen aus aller Welt erforscht: «Der materielle und ideelle Verlust wäre unabschätzbar. Wir haben bislang nur einen Bruchteil des Korpus auswerten können.»

Seitdem keine leicht zu entführenden TouristInnen mehr nach Timbuktu kommen, sind die Manuskripte ein wichtiges Faustpfand der Islamisten. Die Ansar-Dine-Männer wissen, dass sie mit der angedrohten Zerstörung des in der Bibliothek gesammelten kulturellen Erbes auch international auf sich aufmerksam machen und ihren absoluten Herrschaftsanspruch im Norden Malis demonstrieren können. Der geflohene Bibliotheksmitarbeiter hofft, dass sie diese letzte Karte aus Respekt vor den Schriften nicht spielen. Es ist nur eine Hoffnung.

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