Nr. 47/2012 vom 22.11.2012

«Ich bin die einzige verbliebene Autorität»

Im Norden Malis haben die islamistischen Gruppen al-Kaida im islamischen Maghreb (Aqmi) und Ansar Dine die Macht übernommen. Ousmane Hallé, Bürgermeister von Timbuktu, erklärt, warum er für eine Intervention ist.

Von Charlotte Wiedemann, Bamako (Interview und Foto)

Der sechzigjährige Ousmane Hallé ist seit vier Jahren gewählter Bürgermeister der Stadt Timbuktu im Norden Malis

WOZ: Herr Hallé, wir führen dieses Gespräch in Bamako, Malis Hauptstadt. Fast alle staatlichen Funktionäre sind aus dem Norden geflohen. Sie aber waren nur für eine Konferenz hier und fahren morgen zurück. Timbuktu ist von bewaffneten Dschihadisten besetzt. In welcher Situation befinden Sie sich als Bürgermeister?
Ousmane Hallé: Es gibt schon seit Anfang April kein Rathaus mehr; es wurde alles zerschlagen und geplündert. Ich sitze zu Hause, in meinem Privathaus, mit meiner Familie. Allerdings habe ich gerade meine sieben Kinder nach Bamako gebracht, damit sie hier eingeschult werden. Die Verwaltung in Timbuktu ist völlig zusammengebrochen. Das Militär ist geflohen, auch die Polizei. Ich bin die einzige verbliebene Autorität.

Welche Tätigkeiten können Sie ausüben?
Nun, es gibt keine Verwaltung mehr, aber das Leben geht ja weiter. Wenn ein Kind geboren wird, muss es registriert werden. Ich stelle heimlich Geburtsurkunden aus; nur die Hebamme weiss, auf welche Weise das geschieht. Sogar die Eltern des Babys wissen nicht, auf welchem Weg sie die Urkunde bekommen haben. Ähnlich ist es mit Sterbeurkunden.

Werden Sie bedroht?
Meistens lassen mich die bewaffneten Gruppen in Ruhe; ich habe keine Miliz, keine Waffe, nichts. Meine Autorität ist rein persönlicher Natur. Manchmal kommen die Gruppen zu mir, weil sie mich brauchen, um der Bevölkerung zu verkünden, was sie zu tun hat. Meistens lassen sie mich in Ruhe. Ich hatte ein Krisenkomitee eingerichtet, aber mittlerweile können wir uns nicht mehr versammeln. Das letzte Treffen wurde mit Waffengewalt aufgelöst. Auch der Stadtrat existiert nicht mehr.

Wie sieht es in der Stadt aus?
Alles ist in totaler Unordnung. Die Stadt ist sehr schmutzig, überall liegt Müll herum. Das Krankenhaus wurde geplündert, die Ärzte sind weg, aber es sind jetzt freiwillige Helfer da, zum Beispiel Mitglieder der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Der Handel läuft weiter – auf niedrigem Niveau.

Wer hat jetzt aufseiten der bewaffneten Gruppen die Oberhand?
Das ist vor allem die Aqmi. Zu Beginn wurde die Stadt durch einheimische Milizen der arabischen Bevölkerungsgruppe geplündert. Diese Milizen gab es schon lange; ich hatte gehofft, sie würden Timbuktu gegen die anrückenden Tuaregrebellen verteidigen. Aber sie haben uns verraten! Später kamen die Aqmi und die ihr nahestehende Ansar Dine, aber die Aqmi hat die Oberhand. Die meisten sind keine Malier, es sind Algerier, Pakistanis, Afghanen; sogar zwei Franzosen sind dabei.

Afrikaner mit französischem Pass?
Nein, Weisse, richtige Franzosen. Sie sind in der Stadt.

Wie setzt sich die Bevölkerung von Timbuktu zusammen? Und wer kooperiert mit den Dschihadisten?
Timbuktu hat 54 000 registrierte Einwohner, mehr als die Hälfte sind sogenannte schwarze Tuareg. Die zweitgrösste Gruppe sind die Songhai. Zusätzlich wohnen viele hellhäutige Tuareg in der Stadt, aber sie sind nicht angemeldet, zahlen also keine Steuern bei uns. In der Vergangenheit dominierten sie den Tourismus. Die grosse Bevölkerungsmehrheit lehnt die Dschihadisten ab, vor allem seit der Zerstörung der Mausoleen. Es gibt ein paar Ausnahmen: Für ein islamisches Gericht und eine Gendarmerie wurden Einheimische rekrutiert. Es handelt sich um Personen, die vorher schon als Islamisten bekannt waren, zum Beispiel Religionsgelehrte, die in Saudi-Arabien ausgebildet wurden. Sie stammen vor allem aus der Bevölkerungsgruppe der Songhai. Die meisten Menschen fühlen sich aber unterdrückt und drangsaliert.

Ein unverheiratetes Paar wurde öffentlich ausgepeitscht. Wurde die Bevölkerung gezwungen, sich das anzuschauen?
Nein. Ich wurde eingeladen, aber ich bin nicht hingegangen. Die Auspeitschung fand auf dem grossen Platz vor der Sankoré-Moschee statt. Nur Kinder und neugierige Jugendliche guckten zu, zum Beispiel die Koranschüler, die immer bettelnd durch die Strassen laufen. Kinder sind neugierig und leicht zu beeinflussen. Darum wollte ich meine Kinder nicht in Timbuktu lassen und habe sie jetzt nach Bamako gebracht.

Haben die Menschen in Timbuktu die Möglichkeit, ihre Missbilligung zum Ausdruck zu bringen?
Als neulich beim Opferfest das Gebet wie üblich auf einem grossen Platz der Stadt abgehalten wurde, hat nach dem Imam ein Prediger der bewaffneten Gruppen das Wort ergriffen. Die Bevölkerung ist aufgestanden und gegangen. Nur wir, die in der ersten Reihe sassen – also die Offiziellen –, sind sitzen geblieben. Alle anderen sind gegangen. Aus Ärger darüber zerstörten die Bewaffneten dann ein nationales Monument in Timbuktu.

Wie verhalten sich die örtlichen Imame gegenüber den Dschihadisten?
Alle Imame sind in der Stadt geblieben, aber sie haben sich nicht angepasst. Manche ziehen es vor, nicht mehr zu predigen.

Was bedeutet die Zerstörung der Mausoleen für die religiöse Kultur Timbuktus?
Vor der Kolonialzeit war Timbuktu eine Universitätsstadt mit 15 000 Studenten. Die Mausoleen erinnern an grosse Gelehrte; sie sind unsterblich, solange wir uns an sie erinnern. Jeder dieser Heiligen hat quasi einen Teil der Stadt für sich. Die Leute beten dort für den Frieden ihrer Seele. Von den wichtigsten siebzehn Mausoleen wurden fünf oder sechs zerstört. Wir werden diese Mausoleen wieder aufbauen, wir werden unsere Geschichte wieder aufnehmen.

Sie folgen also nicht der westlichen Auffassung, dass mit der Zerstörung der Gebäude das Kulturerbe zerstört ist?
Ich sage meinen Leuten: Nur das Äussere ist zerstört, die Lehmgebäude. Die Verehrung ist in unseren Herzen. Es ist nicht das Material, was zählt. Der Geist ist weiterhin da. Er ist nicht im Lehm, sondern in unseren Herzen.

Wie stellen Sie sich eine Lösung der Krise in Mali vor? Durch Verhandlungen oder durch Krieg?
Ich befürworte den Krieg. Eine Militärintervention ist die einzige Lösung.

Sieht das auch die Bevölkerung im Norden Malis so? Sie wird den Preis zahlen müssen.
Kein Opfer ist zu gross, um die Freiheit wiederzuerlangen. Wie können wir es zulassen, dass unseren Brüdern die Hände abgeschlagen werden, unsere Schwestern ausgepeitscht werden?

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