Nr. 34/2012 vom 23.08.2012

Vom Ende der DDR

Von Martina Süess

Will man nach mehr als zwanzig Jahren deutscher Vereinigung noch Literatur zur Wende lesen? Monika Marons «Stille Zeile Sechs» entstand 1988, kurz nachdem die Autorin mit einem Dreijahresvisum in den Westen gereist war, wurde aber erst 1991 veröffentlicht – eine Rückreise in die DDR war nicht mehr möglich, weil es das Land nicht mehr gab. Auch inhaltlich dreht sich alles ums Ende eines Systems. Der Roman beginnt auf dem Pankower Friedhof mit der Beerdigung des Protagonisten, der als hoher Parteifunktionär nicht irgendwo bestattet wird, sondern «in jenem Teil, der Ehrenhain genannt wurde und in dessen Erde begraben zu werden der Asche so bedeutender Personen wie Beerenbaum vorbehalten war».

Von hier aus berichtet die Historikerin Rosalind in Rückblenden von ihrer Begegnung mit diesem Mann, den sie auf den ersten Blick gehasst hatte. Ihre Wut richtet sich nicht so sehr gegen ihn persönlich, sondern gegen eine Generation von «Gründervätern», die ihre Ideologie zur alleingültigen Wahrheit erhoben haben und jedes Nachdenken verbieten. Aus Trotz stellt sie sich Beerenbaum, der seine Memoiren verfassen will, um, wie er sagt, «künftigen Generationen ein Zeugnis zu hinterlassen», als Schreibkraft zur Verfügung und lässt sich von ihm haarsträubende Sätze über den Sieg des Sozialismus und den Segen des antifaschistischen Schutzwalls diktieren. Den Vorsatz, Beerenbaum mit nichts als ihren Händen zu dienen, kann sie nicht halten: «Während ich widerspruchslos hinschrieb, was Beerenbaum diktierte, fragte ich mich immer öfter, ob ich mich nicht zum Mittäter machte, ob ich nicht sein Komplize wurde, indem ich ihm half, das eigene Denkmal in Lettern zu giessen.»

Der Roman ist zwar eine Erzählung vom Ende der DDR. Auf dem Spiel steht aber auch das Ideal einer «unschuldigen» Geschichtsschreibung, die sich als objektive Aufzeichnung versteht und hier als Schreibtischtäterschaft denunziert wird. Als Alternative empfiehlt sich der Roman selbst: als subjektive Perspektive einer Täterin, die lieber ein Opfer der Geschichte geblieben wäre. Man wird dieses Buch noch eine Weile lesen wollen.

Monika Maron: «Stille Zeile Sechs». 
Fischer Taschenbuch Verlag. 
Frankfurt am Main 2006. Fr. 16.80.

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