Nr. 18/2012 vom 03.05.2012

«Gottesmutter, werde Feministin, vertreibe Putin»

Die Moskauer Punkband Pussy Riot sorgt seit letztem Herbst mit originellen und umstrittenen illegalen Kunstaktionen für Furore. Was treibt die Feministinnen an? Und was sagt ihre Verhaftung über den Zustand des russischen Staats und der orthodoxen Kirche aus?

Von Thomas Bürgisser

Ein Leningrader «Chuligan» (Hooligan) sei er als Junge gewesen, der die Hinterhöfe seiner Heimatstadt unsicher machte, heisst es in den offiziellen Biografien über Premierminister Wladimir Putin. Russlands alter und bald wieder neuer Präsident inszeniert sich gerne in der Rolle des starken Mackers. In der Sowjetunion war «Chuliganstwo», Rowdytum, eine Chiffre für ungezogenes, gewalttätiges und generell nonkonformistisches Verhalten, das vom Regime mit sozialdisziplinierenden Massnahmen bekämpft wurde. Trotz der romantisierenden Umdeutung des Begriffs, dessen sich Putin bedient, um volksnah zu wirken, bezeichnet Chuliganstwo in Russland auch heute noch breit aufgefasste Straftaten.

Auf «Chuliganstwo» lautet etwa die Anklage gegen die drei jungen Frauen, die seit Anfang März in Untersuchungshaft auf ihre Verhandlung vor einem Moskauer Kreisgericht warten. Bei einer Verurteilung drohen ihnen bis zu sieben Jahre Haft. Die drei Russinnen sind Mitglieder der im Oktober 2011 gegründeten feministischen Oi!-Punk-Band Pussy Riot, die in den letzten Monaten mit überfallartigen Protestaktionen an neuralgischen Punkten der Moskauer Innenstadt für Furore gesorgt hat. Aufnahmen der Guerillaperformances tauchten jeweils wenig später als mit rockiger Musik unterlegte Clips auf dem Onlineportal YouTube auf. Seither werden sie in den russischen Medien sowie im Internet kontrovers diskutiert.

Derbe Sprüche sind für Frauen tabu

Ausser bei den drei Verhafteten ist die Identität der insgesamt wohl etwa zehn Aktivistinnen, allesamt Frauen zwischen zwanzig und dreissig, unbekannt. Die Anonymität im egalitären Kollektiv ist Teil des Konzepts: Die Mitglieder von Pussy Riot verwenden Decknamen, bei ihren Auftritten verhüllen sie die Gesichter mit bunten Strickmützen, die nur Augen und Mund frei lassen. In Nobelboutiquen in der Fussgängerzone, in Metrostationen, auf Trolleybussen und vor Gefängnissen tanzen sie in farbenfrohen Röcken und Strumpfhosen, schwenken Gitarren, Mikrofone, Flaggen und Petarden. Und singen Texte wie: «Schluss mit den Sexisten, diesen beschissenen Putinisten». Pussy Riot benutzen dabei Ausdrücke des «Mat», der russischen Vulgärsprache. Was mit «Schluss» und «beschissen» übersetzt werden kann, sind im Original Ableitungen der Begriffe «Fotze» und «ficken».

Zwar wurde Mat in den letzten Jahrzehnten durch Musik und Literatur breiteren Bevölkerungskreisen zugänglich gemacht – für Frauen bleibt es jedoch ein Tabu. Derbe Sprüche, die ruppigen Lastwagenfahrern und angetrunkenen Stahlarbeitern gut anstehen, ziemen sich für junge Damen angeblich nicht. Geschlechterrollen sind in Russland nach wie vor stark konservativ geprägt. Gegen diese patriarchalischen Vorstellungen singen die Punkerinnen an. Putin, selbst nicht um obszöne Sprüche über seine Gegner verlegen, ist für sie die Verkörperung des in der Gesellschaft vorherrschenden Chauvinismus. Kernanliegen von Pussy Riot sind sexuelle Befreiung, das Recht auf Abtreibung sowie die Abschaffung diskriminierender Massnahmen gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender, wie sie sich etwa in dem vor kurzem in verschiedenen Städten erlassenen «Verbot homosexueller Propaganda» manifestieren.

Inspiriert vom Arabischen Frühling

Auslöser für den Aktivismus der Feministinnen waren jedoch die Parlamentswahlen vom Dezember 2011 und die darauf folgenden Massenproteste gegen Putin und die Regierungspartei. In Liedtexten und Interviews fordern sie eine radikale Demokratisierung und Dezentralisierung des Systems; inspiriert vom Arabischen Frühling rufen sie die Menschen zur Besetzung von Strassen und Plätzen auf. Den Roten Platz wollen sie zum Moskauer Tahrir machen – und sie sind mit gutem Beispiel vorangegangen. Im Januar sangen sie dort in der klirrenden Kälte: «Aufstand in Russland – Putin macht sich in die Hosen». Der Song soll die revolutionäre Euphorie der Strasse dokumentieren und demontiert den Macho im Kreml.

Politisch verorten sich die Mitglieder von Pussy Riot zwischen liberaler Sozialdemokratie, linkem Antiautoritarismus und radikalem Anarchismus. Von der Riot-Grrrl-Bewegung, die in den Neunzigern in den USA aus der Hardcore-Punk-Subkultur entstanden war, distanzieren sie sich. Sie seien entschieden politischer, agierten strikt nicht kommerziell und nur über illegale Auftritte. Die Gruppe sieht sich an der Schnittstelle zur zeitgenössischen Konzeptkunst und sucht Anleihen etwa bei der gesellschaftskritischen Philosophie eines Slavoj Zizek.

Die Performances von Pussy Riot strotzen vor Symbolkraft. Das Video ihrer ersten Aktion veröffentlichten sie am Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917. Für das Guerillakonzert auf dem Roten Platz wählten sie denselben Standort wie die sieben mutigen DissidentInnen, die 1968 gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei protestiert hatten. Deren Formel «Für unsere und eure Freiheit» greifen sie auch im Liedtext auf. In Russland, wo die Leute zu sowjetischer Zeit wegen der ideologisierten Sprache und einer rigiden staatlichen Zensur dazu gezwungen waren, zwischen den Zeilen lesen zu lernen, versteht das Publikum die Anspielungen genau.

Ein stummes Punkgebet

Zu heftigsten Anfeindungen und der Anklage wegen Rowdytum führte jedoch erst ein Auftritt von Pussy Riot Ende Februar. Nur kurze Zeit waren die jungen Frauen in der Christus-Erlöser-Kathedrale, bevor sie von den Sicherheitskräften hinausspediert wurden – es reichte für einen Skandal. Während einer Minute inszenierten sie vor der Ikonostase des Hauptaltars ein stummes «Punkgebet», das sie nachträglich auf YouTube vertonten: «Gottesmutter, Jungfrau, werde Feministin, vertreibe Putin» lautet der als liturgischer Gesang vorgetragene Refrain. Dazwischen schreien sie unter lärmigen Gitarrenriffs gegen die servile Unterstützung an, die Putin vonseiten der russisch-orthodoxen Kirche zuteil werde.

Damit trafen die Aktivistinnen einen wunden Punkt, und zwar nicht nur, weil sich Gläubige durch den als blasphemisch gescholtenen Auftritt in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlten. Im chaotischen Jahrzehnt nach dem Ende der Sowjetunion wurde der wiederentdeckte christliche Glaube für Millionen Menschen zur spirituellen und moralischen Stütze. Doch auch die Politik entdeckte die religiöse Orthodoxie als Grundpfeiler einer neuen russisch-nationalen Identität, die das ideologische Vakuum auffüllen sollte, das der Zerfall des kommunistischen Systems hinterlassen hatte. Die rasch wachsende Kirche wurde so in den vergangenen Jahren in Bildung, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft einflussreich. Gleichzeitig geriet sie in Abhängigkeit vom Staat als Garant ihrer privilegierten Stellung.

Die Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau ist Sinnbild dieser neuen «Symphonie von Kirche und Staat» in Russland. Der monumentale Sakralbau wurde anlässlich des Sieges über Napoleon 1812 in Auftrag gegeben, 1883 fertiggestellt, 1931 dann auf Geheiss Stalins gesprengt, um dem gigantomanen Bauprojekt eines Palasts der Sowjets Platz zu machen, das allerdings nie verwirklicht wurde. Während der religiösen Renaissance in den Neunzigern wurden Bürgerinitiativen zum Wiederaufbau der Kathedrale von Boris Jelzin und Moskaus umtriebigem Bürgermeister Juri Luschkow aufgegriffen. In nur drei Jahren wurde die riesige Replika-Kirche aus Stahlbeton hochgezogen, finanziert durch Spenden aus Politik und Wirtschaft, wo sich ehemalige Parteikader durch Frömmigkeit zu profilieren suchten. Am 31. Dezember 1999 wurde die Kathedrale erstmals für BesucherInnen geöffnet, just an jenem Tag, als Jelzin als Präsident zurücktrat und ein sich als gläubiger Christ inszenierender Putin – vorerst interimistisch – seine Nachfolge übernahm.

Auch mit ihrem jüngsten Auftritt haben Pussy Riot durch bewussten Tabubruch Symbole der Macht dekonstruiert und sich selbst angeeignet. Mit ihrem «Punkgebet» spielen sie einerseits auf die im Volksglauben verwurzelte Vorstellung an, dass wundertätige Ikonen der Gottesmutter in der Geschichte schon oft den Sieg der russischen Waffen über ausländische Mächte herbeigeführt hätten. Putins Regime sehen sie als Fremdherrschaft, als Antithese zur freien und pluralistisch konstituierten Zivilgesellschaft. Das karnevaleske Spektakel kann ausserdem als modernes «Gottesnarrentum» verstanden werden. Die Gottesnarren waren im alten Russland wahnsinnig wirkende Asketen, die als heilige Männer geachtet wurden und die Obrigkeit ungestraft beschimpfen und verspotten durften. Den Frauen in Russland scheint dies heute nicht vergönnt zu sein.

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