Nr. 35/2012 vom 30.08.2012

Die Unmittelbarkeit der Begegnung

In der Nacht vom 20. auf den 21. August ist der Bildhauer Hans Josephsohn im Alter von 92 Jahren in Zürich gestorben. Sein Freund Ulrich Meinherz über einen Künstler, der erst spät Anerkennung fand.

Von Ulrich Meinherz

So traurig die Nachricht vom Tod von Hans Josephsohn für alle ist, die mit ihm verbunden waren, so schön ist gleichzeitig der Umstand, dass er nur wenige Tage vor seinem Tod noch in den natürlichen Alltag als Künstler und Mensch eingebunden war.

Hans Josephsohns Interesse für die Persönlichkeit einzelner Menschen war auch für sein Schaffen als Künstler von zentraler Bedeutung. So abstrakt und weit entfernt von der natürlichen Erscheinung seine Skulpturen auch sein mögen: Für die Darstellungen der menschlichen Figur ist Josephsohn immer von einem direkten Gegenüber ausgegangen. Die Unmittelbarkeit der Begegnung war ihm der Impuls für sein Schaffen – er arbeitete für fast alle seiner Figuren mit Modellen.

Die Persönlichkeit des Modells

Dass es sich dabei ausschliesslich um Menschen aus seinem persönlichen Umfeld handelt, war für ihn zwingend: Genauso wichtig wie die Erscheinung war die ganze Persönlichkeit seines Gegenübers. Die Beziehung, die ihn mit seiner Frau Verena oder mit seiner Schwiegertochter Lola, meiner Frau Angela oder einem Freund verband, war ihm das Wesentliche für sein Schaffen. So standen ihm diese Personen nicht stunden- oder tagelang im Atelier Modell – die «Sitzungen» bestanden aus Kaffeetrinken, Diskutieren und den kurzen Momenten intensiven Schaffens: zwischen dem Moment, in dem der Gips breiig wird und als Modelliermasse taugt, und dem Moment, in dem er zu Klumpen verdickt, also nur gute fünf Minuten. Dann wurde wieder Kaffee aufgesetzt, das Gespräch fortgeführt und vielleicht zwischendurch mit dem Beil oder Messer da und dort etwas von der Masse reduziert, die er eben erst angefügt hatte. 

Diese stete Orientierung an der unmittelbaren physischen Präsenz des Menschen und an den eigenen Arbeiten, aus welchen er immer wieder neue Arbeiten entwickelte, bedingen die Stringenz der Entwicklung in Josephsohns Œuvre: So gibt es etwa keinen Bruch zwischen den geometrisch reduzierten Skulpturen und Reliefs aus den frühen fünfziger Jahren und den stark von Körperlichkeit geprägten Werken aus den sechziger und siebziger Jahren. Auch der Übergang zwischen der starken Figuration der siebziger Jahre und dem hohen Abstraktionsgrad des Spätwerks ist als Kontinuum lesbar. Sein Schaffen führt in einer gradlinigen und hoch konzentrierten Entwicklung über sechs Jahrzehnte zu einem einzigartigen Stil, der seine grossen Halbfiguren, Liegenden und späten Reliefs auszeichnet.

Die Beharrlichkeit des Künstlers

Hans Josephsohn folgte seiner «Berufung» als Bildhauer mit einer Beharrlichkeit, die vor allem auch beeindruckt, wenn man bedenkt, dass ihm während Jahrzehnten kaum Anerkennung für sein Schaffen zuteilwurde. Er schaute nicht auf den Markt oder darauf, was sich um ihn herum in der zeitgenössischen Kunst ereignete. Dass er schliesslich den Erfolg, der ihm in den letzten zehn Jahren auch international beschieden war, noch erleben konnte, nahm er zur Kenntnis, ohne sich zurückzulehnen. Trotz seiner Abhängigkeit von Rollstuhl und Pflege, auf die er seit einem Schlaganfall vor fünf Jahren angewiesen war, verbrachte er mit beharrlicher Regelmässigkeit jeden Dienstagnachmittag in Begleitung seiner Frau Verena und seines Freundes Lukas Furrer als seines eigentlichen Assistenten in seinem Atelier in Zürich und alle paar Wochen auch bei uns im Kesselhaus Josephsohn.

Fast während seiner ganzen Laufbahn war er selten in der Lage, seine Werke in Metall realisieren zu lassen. Erst in den letzten Jahren mussten die Originale häufig zuerst gesichert und restauriert werden, bevor er sie giessen lassen konnte. Aus diesem Arbeitsprozess des Restaurierens der Gipse nach seinen Anweisungen hat er sich nach und nach eine neue Form des Arbeitens angeeignet. Durch präzise Anweisungen und einen intensiven Dialog sind in einem langsamen Prozess immer noch einzelne neue Arbeiten von Josephsohn entstanden. In seiner Vorstellung hat er sich damit jeweils die ganze Woche beschäftigt, gezeichnet, davon gesprochen und ungeduldig auf seinen Arbeitsdienstag gewartet. Auch wenn er sich bereits versöhnt hatte mit dem nahenden Tod, wurde er mitten aus seiner Arbeit gerissen.

Ulrich Meinherz, geboren 1969, ist mit Hans Josephsohn und seinem Werk durch eine langjährige Freundschaft verbunden. Seit 2005 leitet er das Kesselhaus Josephsohn in St. Gallen.

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