Nr. 46/2010 vom 18.11.2010

Keine Helden, einfach nur Menschen sollen es sein

Dem Dokumentarfilmer Alexander J. Seiler gelingt mit «Geysir und Goliath» ein packendes Porträt des 1957 verstorbenen Bildhauers, Zeichners und Fotografen Karl Geiser.

Von Adrian Riklin

«Tumms Gschwätz!» – Nur einmal im ganzen Film hört man Karl Geiser (1898–1957) im Original: 1939 reagiert er im Gespräch mit Reporter Arthur Welti auf Radio Zürich auf Stimmen aus der Bevölkerung, wonach sein soeben fertiggestellter «Zürcher Löwe» vor dem kantonalen Finanzgebäude nicht korrekt laufen würde. Geiser erzählt von den Schnappschüssen, die er im Pariser Zoo machte: «Was i gseh, isch richtig!»

Geisers radikales Bemühen, dem Beiläufigen, Ungekünstelten ein Denkmal zu setzen, erhält in Alexander J. Seilers Dokumentarfilm «Geysir und Goliath» einen nahezu plastischen Ausdruck. Auf Geisers Leben und Werk ist Seiler erst gestossen, als er David Streiffs Buch «Karl Geiser – Fotografien» (2008) lektorierte. «Nun trat mir», so Seiler, «in Plastiken, Zeichnungen, Fotografien und nicht zuletzt in Briefen und Aufzeichnungen ein Künstler von unbeugsam trotziger Eigenart und unbestechlicher Wahrhaftigkeit entgegen.»

Ausgehend von der (bis aufs Radiogespräch) vollständigen Abwesenheit von audiovisuellem Originalmaterial, hat Seiler auf Talking Heads und nachträgliche Wertungen verzichtet. Entstanden ist ein radikal ungeschminktes Porträt: ein Statement gegen falsche Heroisierung, wie es auch Geiser vertreten hat.

Fotos und Kamerafahrten

Seiler erzählt mit dem, was Geiser hinterlassen hat: Fotos, Zeichnungen, Atelieraufnahmen, solchen von Werken im öffentlichen Raum und schriftlichen Dokumenten. Letztere werden von Bruno Ganz (Geisers Briefe und Aufzeichnungen), Daniel Kasztura und Anna Katarina (Briefe an und Texte zu Geiser) gelesen. Die Lösung des Problems, «einen Künstler körperlos erfahrbar zu machen», so Seiler, «dem in einer zunehmend abstrahierenden Welt die konkrete Körperlichkeit seiner Figuren ein zentrales Anliegen war», fand der Filmemacher in der Stimme von Bruno Ganz.

Überhaupt erstaunt es, wie nah einem Geiser und sein Werk gehen in einem Film, der auf bildlicher Ebene ausschliesslich aus Schwarz-Weiss-Fotos und Kamerafahrten um Skulpturen besteht. Mal fährt die Kamera langsam über eine Fotografie, mal zoomt sie vorsichtig auf einen Gipsentwurf. Die Fahrten um Arbeiten im öffentlichen Raum sind von lauernder Gleichförmigkeit (Kamera: Ueli Nüesch). Gelungen auch die sparsamen Klänge von Michel Seigner, die die Annäherungen begleiten. Und immer wieder lassen sich aus Ganz’ Stimme Ahnungen von Geisers «vulkanischem Temperament» (der junge Geiser wurde von Kollegen «Geysir» genannt) heraushören: «Wen i müed bi u z’lang s’Gliiche aagluegt han, so gsehn i nume no ä Karikatur. Denn möcht i alls zämeschlaa – u mi selber grad dezue.»

So intensiv wie Geisers künstlerische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper – und die existenzielle Verbundenheit mit den Modellen – war auch sein erotisches Verhältnis zu ihm. Sasha Morgenthaler, der Ehefrau seines Freundes Ernst, die «durch alle Wirren des Eros» bis zuletzt seine Vertraute war, erzählt er in Briefen aus Paris von seinen Vergnügungen mit «Araberknaben» – und gesteht ihr gleichzeitig seine Liebe.

David auf der Alp

Schicksalhaft in Geisers Leben ist die klassische Figur des David. Als Jugendlicher träumt er davon, wie er auf einer Alp einen vier Meter grossen David aufstellt. Seiler veranschaulicht dies mit einer Collage: Über der Aufnahme einer Alp taucht der Entwurf einer David-Figur auf, an der Geiser dreissig Jahre später verzweifeln wird – beim Versuch, einem Auftrag der Kantonsschule Solothurn gerecht zu werden. «Dä Cheib töt mi no», soll er mal geflucht haben, ein andermal notiert er: «Gottlob bin ich nicht ein Goliath, sodass mir immer noch die Hoffnung bleibt, nicht zu unterliegen.»

Mit ruhiger Hand platziert Seiler Bilder aus Geisers Leben und Werk auf die Leinwand. Immer wieder lässt er die Zeit und die Stille, die es braucht, um eine Ahnung dessen zu erhalten, was nicht sichtbar zu machen ist: Geisers Innenleben – und damit auch seine Verzweiflung. Allein an den beiden Figurengruppen mit Mädchen- und Knabenkörpern vor dem städtischen Gymnasium in Bern arbeitet Geiser während zehn Jahren, von 1928 bis 1938.

Auch bei anderen Aufträgen leidet er unter Zeitdruck. Den Auftrag für das Denkmal der Arbeit auf dem Zürcher Helvetiaplatz, den er 1952 erhält, bezeichnete er als «den schönsten Auftrag meines Lebens». Doch auch am Anspruch, dem «gewöhnlichen Menschen» ein Denkmal zu setzen, zerbricht er.

Der «gewöhnliche» Mensch

Ab 1936, als in Paris die linke Volksfront die Wahlen gewinnt, ist er zunehmend vom «neuen Realismus» inspiriert. Im Sinn von Louis Aragon, wonach die Fotografie «dank der neuen Kamerakonstruktion filmisch geworden ist», hält Geiser mit seiner Leica den Alltag der Menschen fest. Diese Wendung zum «epischen Genre» beeinflusst auch seine Bildhauerei: Für die Skizzen zum Arbeiterdenkmal benutzt er Aufnahmen, die er frühmorgens auf einem venezianischen Fischmarkt machte. In diese Zeit fällt auch sein Spruch: «Corriger la nature – das isch e Seich!»

Heute, da medial inszenierte Posen immer tiefer in den Alltag eindringen, ist Geisers sozialer Realismus aktueller denn je. Schon bei den Figuren für das Gymnasium in Bern ging es ihm darum, «weder muskelprotzende Athleten noch blutleere Intellektuelle» darzustellen: «Es sollen einfach Menschen sein.»

Jahre später, im Kalten Krieg der fünfziger Jahre, notiert er zum Arbeiterdenkmal: «Es gibt auch den ganz gewöhnlichen, im Schweiss seines Angesichts und seiner Hände sein Brot verdienenden Menschen – weder der fehlerlose Held, wie ihn der Osten zu züchten versucht, noch jene Jammerfigur, wie er im Westen oft dargestellt wird. Doch ist er derjenige, um dessen Recht heute auf der ganzen Erde gekämpft wird.»

Sein Versuch, Figuren von FussgängerInnen in «unbewussten Haltungen» in Bronze zu giessen und auf einen Sockel zu stellen, ist abenteuerlich. Gleichzeitig zerbricht Geiser am David. Laut dem Bildhauer Rolf Brem, der zeitweise in Geisers Atelier arbeitete, soll er zu jener Zeit «wie ein gebrochener Mann im Korbstuhl» gesessen sein.

Am 5. April 1957 wird Geiser im Alter von 58 Jahren tot in seinem Atelier aufgefunden. Ein Freitod ist wahrscheinlich. Eine Obduktion ergibt, dass er zwei Wochen zuvor eine Überdosis an Schlafmitteln eingenommen hat. «Die Stille in seinem Atelier», so Jan Morgenthaler in seiner Geiser-Biografie, «fiel niemandem auf.»

Geisers fotografisches Werk wurde erstmals 1986 im Volkshaus Biel gewürdigt. Zwei Jahre später folgten eine Gedenkausstellung im Kunsthaus Zürich und die Biografie von Morgenthaler. Vor zwei Jahren zeigte die Fotostiftung Schweiz in Winterthur «Karl Geiser Fotografien». 1964 wurde die pantografische Vergrösserung des letzten Gipsentwurfs für das Arbeiterdenkmal (gegen Geisers erklärten Willen) auf dem Helvetiaplatz eingeweiht. Dort stehen die zwei Männer und die Frau mit dem Kind an der Hand noch heute.

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