Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Waffen aus Seife und Spargeln aus Beton

Kunst, an der man sich die Zähne ausbeissen kann: Die Künstlerin Notta Caflisch und der Bildhauer Dominik Zehnder setzen sich in ihren Arbeiten kritisch mit dem Zeitgeschehen auseinander – auf je eigene Weise, aber mit einem ähnlichen Sinn fürs Materielle.

Von Ursina Trautmann

Hartes Poulet mit harten Pommes: Dominik Zehnders «Food Waste». Foto: Daniel Rohner

An der weissen Wand des Ausstellungsraums lehnt eine durchsichtige Kalaschnikow. Die Bündner Künstlerin Notta Caflisch hat den Abguss des russischen Sturmgewehrs aus Glycerinseife hergestellt. Eine Gruppe junge Männer aus Afghanistan, die mit dem Deutschkurs die Ausstellung besuchen, begutachten das Werk und diskutieren über das Modell.

Die Kalaschnikow aus Glycerinseife ist diskret präsent und zieht dennoch alle Blicke auf sich. Zudem ruft sie einen ganzen Assoziationsreigen hervor: Was, wenn man mit einem solchen Teil im Griff feuchte Hände bekommt und einem die Waffe entgleitet? Und: Der Schritt vom Glycerin zum hochexplosiven Nitroglycerin ist klein. Die Künstlerin bringt auf den Punkt, was wir täglich aus Konfliktgebieten erfahren: Im Krieg entgleitet die Kontrolle über die Waffengewalt. Überdies verweist ihre Skulptur auf die latente Präsenz des Kriegs auch bei uns: sei es über stumme Opfer, über Söldnerfirmen oder den gewaschenen finanziellen Erlös aus dem Waffenhandel. Ein dichtes Gedankennetz steht hinter dieser Arbeit, das zeichnet die Kunstwerke von Notta Caflisch aus. «Lieber erst lange überlegen, dann machen», sagt sie.

Weisses Gold in der Villa Planta

Für eine andere Arbeit presste die Bündner Künstlerin rohe Baumwolle in die Form eines Goldbarrens. «100% PURE WHITE GOLD» ist darauf geprägt. Der weisse, ziegelsteingrosse «Baumwollbarren» wurde in einem Raum der herrschaftlichen Villa Planta des Bündner Kunstmuseums in Chur gezeigt. Abgesehen von der schlichten Schönheit des Objekts verweist die Arbeit auf die Geschichte des Hauses. Der Erbauer des Gebäudes, Jacques Ambrosius von Planta, war im 19. Jahrhundert in Ägypten mit Baumwollhandel zu Reichtum gekommen. Nach seiner Rückkehr baute er am Stadtrand von Chur die Villa Fontana mit Kinderheim – das heutige Frauenspital – und überliess dem Stadtverein ein Legat zur Stadtverschönerung. Seine Stadtvilla, die Villa Planta, trat er später der Rhätischen Bahn ab. Seit 1920 dient das Gebäude als Kunstmuseum.

Unkontrollierbar wie der Krieg: Notta Caflischs Glycerin-Kalaschnikow. Foto: Notta Caflisch

Caflisch bündelt diese Geschichte von Raum und Person mit den komplexen Verflechtungen des Wirtschaftsmaterials Baumwolle in einer plakativen und gleichzeitig hintersinnigen Skulptur – stecken doch in der Baumwolle Zivilisationsgeschichte, koloniale Expansion, Versklavung von Menschen und Jahrhunderte von Wirtschaftskriegen. Machtstrukturen und -verhältnisse sind denn auch die Themen, die Caflisch umtreiben und für die die Künstlerin nach immer neuen Umsetzungen sucht. Sie will wissen, welche Geschichten hinter Objekt und Ausgangsstoff stehen, und sucht nach einer präzisen Idee, in der sie diese Geschichten verdichten kann.

Die 38-Jährige ist an verschiedenen Orten in der Schweiz aufgewachsen. Caflischs Mutter stammt aus Kanada, der Vater aus Graubünden, im Elternhaus wurde Englisch gesprochen. Ihre kanadische Grossmutter, eine Psychologin, gehörte zur ersten Generation Frauen, die in Kanada die Universität besuchen konnte. Für den kanadischen Teil von Caflischs Familie war es darum selbstverständlich, dass Frauen arbeiten und studieren. Das Hausfrauenmodell habe sie erst über ihre Beziehungen mit Schweizer Männern kennengelernt, sagt sie.

Der innere Aufstand

Notta Caflisch, Künstlerin und Dominik Zehnder, Bildhauer. Fotos: Marco Hartmann / ZVG

Nach der Matura hatte sich Notta Caflisch für ein Kunststudium in New York entschieden, aber ihre frühe Mutterschaft stellte diese Pläne auf den Kopf. Die junge Mutter arbeitete als Grafikerin und begann, in der Schweiz Kunst zu machen. Inzwischen sind ihre Söhne siebzehn und acht Jahre alt, und Caflisch hat sich nochmals für ein Studium eingeschrieben, diesmal an der Zürcher Hochschule der Künste. Die rebellische Bündnerin stellt in ihren Werken die Frage nach den Prägungen, die unser Sehen beeinflussen. Ihre Kunst spricht von ihrem inneren Aufstand gegen Bilder, mit denen wir täglich gefüttert werden, etwa wenn sie die auf Kriegsbildern omnipräsente Kalaschnikow abstrahiert. Damit irritiert sie und fordert eine Konfrontation mit Geschichte und Realität ein.

Für eine ihrer nächsten Arbeiten setzt sie sich mit ihren kanadischen Wurzeln auseinander: mit Biberfellen, die zwischen Ureinwohnern und Einwanderinnen in Kanada einst als Währung gehandelt wurden, und mit dem Zylinderhut als Statussymbol. «Ich möchte, dass wir lernen, die Objekte anders zu betrachten, dass wir die Geschichte darin sehen. Ich arbeite wie eine Historikerin. Dabei kommt es auch vor, dass mich die Geschichten, die ich entdecke, erschrecken.»

Künstliche Gezeiten im Sand

Auch der 44-jährige Bildhauer Dominik Zehnder hat einen scharfen Blick fürs Soziale und die Einflüsse des Menschen auf seine Umwelt. Anders aber als Notta Caflisch sucht er mit räumlicher, körperlicher und haptischer Erfahrung nach Verständnis für gesellschaftliche Vorgänge. Seine Ausgangspunkte sind Masse und Raum. «Ich glaube nicht an die virtuelle Nachbildung der Welt», sagt Zehnder. «Der Mensch ist nicht nur Auge. Ich brauche die Körperwahrnehmung und kann die Welt nicht abstrakt verstehen.»

So schuf Zehnder seine Betonstelen mit Wellenmustern. Es sind Abgüsse von Wellen im Rhein, die Muster fand er beim Spazieren im Sand am Rheinufer. Sie entstehen durch die von der Stromproduktion verursachten künstlichen Gezeiten: Ausserhalb der Bürozeiten fliesst im Rhein nur Restwasser. Wenn morgens in den Büros die Computer angeworfen werden und die Elektrizitätswerke zusätzlichen Strom aufs Netz jagen, führt der Fluss mehr Wasser. Die Wellenmuster auf den Sandbänken sind so lange sichtbar, wie der Pegelstand tief ist. Kommt mehr Wasser, verschwinden die Spuren im Fluss. Zehnder nutzte die Ebben ausserhalb der Bürozeiten, um von den Wellen im Sand Gipsabdrücke zu machen. Das erste Mal wurde er von der Flut überrascht und seine Arbeit «ersoff» im Rhein. Dann gelang es ihm, die Platten mit den Abdrücken ins Trockene zu bringen. Im Atelier konnte er daraus die Wassersäulen giessen.

Das Ringen mit der Abbildung von Dingen, die auf den ersten Blick unmöglich scheint, ist bezeichnend für Zehnders Arbeiten. Im vergangenen Winter goss er einen Schneemann ab. Während eines Föhneinbruchs drohte das weisse Männlein wegzuschmelzen. Das Resultat steht nun in Zehnders Atelier: ein weisser Gipsmann, halbseitig arg lädiert. Zuerst glaubt man, die Figur sei aus Schnee und die Löcher seien der Sonneneinstrahlung geschuldet. Zehnders Schneemann macht abstraktes Wissen über Vergänglichkeit greifbar, im übertragenen Sinn sogar den Klimawandel.

Der betonierte Überfluss

Nach einer Lehre als Steinhauer arbeitete Zehnder im Steinbruch, bevor er sich zum Bildhauer weiterbildete und schliesslich die Kunstakademie Brera in Mailand besuchte. Heute lebt der Künstler mit seiner Familie in Cazis am Hinterrhein, wo auch sein Atelier steht. Über Missstände und Ungerechtigkeiten kann er sich ereifern, ohne dabei den Humor zu verlieren. Das zeigt sich auch in seiner Arbeit «Food Waste», für die er Betonabgüsse von Lebensmitteln herstellte.

«Wir werfen pro Kopf in der Schweiz täglich über 300 Gramm einwandfreies Essen in den Müll», sagt er. «Diese Menge kann man sich erst vorstellen, wenn man sie sieht.» Also stellte er Menüs zusammen und goss sie ab. Poulet mit Kartoffeln, Fisch mit Spargeln, in Zellophan verpackte Äpfel, Joghurtbecher. Entstanden sind barocke Stillleben aus schwarzem Beton, die von Wohlstand und Überfluss erzählen. Wir können uns daran die Zähne ausbeissen.

Zehnder fragt sich, welche Spuren wir hinterlassen, aber auch welchen Einfluss die Technik auf unsere Entwicklung hat: «Was bedeutet es für ein Kind, wenn seine haptische Erfahrung sich darauf beschränkt, mit dem Finger über einen Bildschirm zu wischen, und das Auge derweil farbige Blitze wahrnimmt?»

Das ironische Auge

Für die Schülerinnen und Schüler des Aemtler-Schulhauses in Zürich Wiedikon hat Zehnder deshalb eine Skulptur entworfen, die das Sehen ins Zentrum stellt. Sein «Lueg», das er im Lauf des Jahres installieren wird, ist ein überdimensionierter Augapfel mit integrierter Camera obscura. Die Schulkinder können die Augenskulptur in alle Richtungen bewegen. «Neunzig Prozent der Bilder, denen die Kinder heute ausgesetzt sind, sind manipuliert. Algorithmen geben vor, was Farbe ist. Ich setzte dem mit dem ‹Lueg› eine ursprüngliche Seherfahrung entgegen», sagt Zehnder. Gleichzeitig ist das überdimensionierte Auge ein ironischer Hinweis auf die zahlreichen Überwachungskameras auf dem Schulareal. Denn im Gegensatz zu den von den Kameras registrierten Bildern werden jene der Skulptur sich lediglich in den Köpfen der Kinder abspeichern.

Eine Strasse im Nichts

Die Fragen nach Zeit, Raum und Auswirkungen unseres Tuns ziehen sich durch Zehnders Werk. Jüngst machte er Frottagen (Abreibungen) von einem Autobahnabschnitt mit Mittelstreifen und Verkehrspfeilen. Die überdimensionierten schwarzen Bilder – drei Schritte breit und elf Meter lang – erzählen vom Platz, den der autofahrende Mensch einnimmt, und somit auch vom Zustand unserer Gesellschaft: «Man kann sich auf einer Autobahn – in diesem Raum – nur in eine Richtung vorwärts bewegen und muss dies zwangsläufig mit hoher Geschwindigkeit tun. Alles andere wäre lebensgefährlich», sagt Zehnder. «Erfassen können wir diese Raumdimensionen erst, wenn wir sie konkret vor uns sehen.»

Als Kind begleitete Zehnder seinen Vater, einen Bauingenieur, auf Baustellen. Die dort erlebten Grössen prägten ihn. «Ich würde gerne einmal eine Strasse bauen – im Nichts – als Form», sagt er lachend.

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