Nr. 35/2012 vom 30.08.2012

Im Zwiegespräch mit dem Bettgestell

Nach sechs Jahren Pause ist das Theaterfestival Basel reanimiert worden. Einer der Festivalgäste ist die Wiener Compagnie Willi Dorner, die sich auf Outdoor-Performances spezialisiert hat.

Von Maya Künzler

Stuhl und Tisch sind wohl die am häufigsten gebrauchten Gegenstände auf Tanztheaterbühnen. Auch der Wiener Choreograf Willi Dorner arbeitet mit ihnen. Doch was er damit anstellt, hat nochmals eine andere Dimension. Vor etwa neun Jahren hat er mit seiner 1999 gegründeten Compagnie Willi Dorner angefangen, Outdoor-Performances aufzuführen – also raus aus der Blackbox eines Theaterraums an die frische Luft. Das hing mit seinem besonderen Interesse am Raum zusammen, an der städtischen Architektur und dem Wohn-Lebens-Raum, die die Menschen seiner Ansicht nach mehr prägen, als man gemeinhin wahrhaben möchte.

Wohnen auf dem Kasernenareal

Dorner möchte vom traditionellen Guckkastentheater wegkommen. 2004 führte er in einem gerade fertiggestellten Wohnkomplex, in den «Hängenden Gärten» in Wien, eine Intervention durch. Er nutzte verschiedene der noch leeren, geschichtslosen Räume und schuf Begegnungen der besonderen Art: EinE ZuschauerIn sass da allein vier TänzerInnen gegenüber. Von aussen durchs Fenster verfolgte eine weitere Gruppe das Geschehen. An solchen ungewöhnlichen Theaterkonstellationen reizt Dorner der andere Blick, der dazu zwingt, die Routine aufzubrechen. Dabei kann sich das Publikum frei bewegen und verschiedene Standpunkte einnehmen.

«Architektur als Manipulation wird viel zu sehr unterschätzt», meint Dorner. «Wir kreieren Wege im Alltag und konditionieren uns damit. Mir geht es mit meinen Interventionen darum, diese Ordnungen zu hinterfragen.» Das klingt nach politischem Sendungsbewusstsein. Doch für den Tänzer und Choreografen steht weniger das explizit Politische im Vordergrund als vielmehr die persönliche Wahrnehmung, die Bewegung in Raum und Zeit. Schliesslich ist er Tänzer und fasziniert von der Körperlichkeit.

Jetzt kommt Willi Dorner ans Theaterfestival Basel mit der Produktion «above under inbetween». Es ist eine Weiterentwicklung von «bodies in urban spaces» von 2006. Vor einem Jahr war er mit dieser Arbeit ans Basler Performancefestival ZAP eingeladen. Mit zwanzig Basler TänzerInnen veranstaltete er einen Parcours quer durch die Stadt, an Mauern entlang und über Hindernisse aus Beton hinweg: «Der urbane Dschungel wird zur alpinen Felswand», wie es im Programm anschaulich hiess. Seine Interventionen werden jedes Mal neu den örtlichen Gegebenheiten angepasst. Je nachdem, ob sie innen oder im Freien stattfinden, verändern sie Charakter und Aussage.

«Above under inbetween» nun ist ein skulpturaler Dialog zwischen sieben PerformerInnen von Dorners Compagnie und den Einrichtungsgegenständen einer Wohnung. Fürs Theaterfestival war geplant, verschiedene Möbel eines Hauses in eine Wohnstrasse zu stellen und diese zu bespielen. Doch fand sich beim besten Willen keine solche im näheren Umfeld der Kaserne, dem Festivalzentrum, keine zumindest, die gross genug gewesen wäre. Und eine normale Strasse fürs Spektakel absperren? Die Basler Polizei winkte ab. Dorner entschied sich daraufhin, seine Arbeit auf dem Kasernenareal zu präsentieren.

Möbelstücke als Skulpturen

Was aber haben Einrichtungsgegenstände mit Architektur zu tun? Dorner findet, dass wir an, in und mit Möbeln unser Leben im Raum bestreiten. Sie sind sozusagen unsere täglichen BegleiterInnen und bestimmen unbewusst unser Verhalten: «Ich liege im Bett, ich sitze am Pult oder lehne mich an den Tisch.» Indem diese privaten Gebrauchsgegenstände in den öffentlichen Raum transferiert werden und eine ganz andere Nutzung als die gewohnte erfahren, sollen die ZuschauerInnen grundsätzlich ihr Verhalten hinterfragen. «Ich ziehe da einen Vergleich mit der Linguistik. Sprache ist fünfzig Prozent Bedeutung und fünfzig Prozent Syntax. Wir vergessen, dass der Stuhl neben seiner Zweckorientierung auch eine Form hat. Wird uns das bewusst, animiert dies zum Spielen.»

Letztlich geht es dem österreichischen Stadtinterventionisten um den fantasievollen, körperlich-sinnlichen Umgang mit Alltagsobjekten. Dorners Arbeiten sind präzis durchchoreografiert: Möbelstücke verwandeln sich auf wundersame Weise in Skulpturen, ebenso die TänzerInnen, die über Tische rutschen, unter Stühle kriechen und zwischen Bettgestellen hindurchschlüpfen. Ein bisschen wie in der Kinderwelt, in der «tote» Objekte sprechen können und ein geheimes, den Erwachsenen verborgenes Leben führen.

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