Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Neues Häuschen, neuer Mensch

Am Mythos Bauhaus wird noch hundert Jahre nach seiner Entstehung gefeilt – dabei hat das Neue Bauen gesellschaftspolitisch viel radikalere Ansätze hervorgebracht. Zum Beispiel die Wohnkolonie Eglisee in Basel.

Von Rhea Rieben

Wir stehen in einem Quartier hinter dem Badischen Bahnhof in Basel. Durch den Garten betreten wir eines der kleinen Reihenhäuser und befinden uns gleich mitten in der Küche. Links führt eine Tür ins Wohnzimmer, geradeaus geht es weiter zu Bad und Waschküche. Wir staunen über das viele Licht in diesem Raum, das von einem einzigen Fenster kommt. Auch im Obergeschoss mit seinen zwei Zimmern und der kleinen Toilette werden die Räume durch das geschickt platzierte Oberlicht hell durchflutet. Vergebens suchen wir nach Wandschränken oder sonstigem Stauraum. Platz hat gerade das Nötigste: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank. Das Haus ist klein, sehr klein. Ein Paradies auf 45 Quadratmetern, gedacht für eine Familie mit zwei Kindern.

Erbaut wurde das Haus 1930 nach Plänen von Paul Artaria und Hans Schmidt. Es ist Teil der Wohngenossenschaft Eglisee, die von dreizehn Architekturbüros gestaltet wurde. Seit diesem Frühjahr ist es als Museumshaus zu besichtigen, ausgestattet mit Mobiliar aus der damaligen Zeit (vgl. «Das Museumshaus»). Die Flachdachsiedlung wurde nach dem Prinzip der Gartenstadt im Stil des Neuen Bauens errichtet. Den meisten ist das Neue Bauen kein Begriff, beim Stichwort «Bauhaus» hingegen wird eifrig genickt, und man meint zu wissen, wovon die Rede ist – klare Linien, flaches Dach, weisser Anstrich. Das Bauhaus ist weltbekannt und gilt heute als Synonym für die moderne Architektur schlechthin, dabei ist es vielmehr ein Produkt des Neuen Bauens, man könnte auch sagen: eine Marke.

Unerschwingliche Kultobjekte

Seit seiner Gründung vor hundert Jahren wird geschickt am Mythos Bauhaus gefeilt. Dieser wirkt bis in die heutige Berichterstattung zum Jubiläum hinein – oft werden Bauten der Moderne etwa pauschalisierend als «Bauhaus-Perlen» bezeichnet. Vielmehr sollte das Jubiläum jedoch zum Anlass genommen werden, den Ansatz des Bauhauses kritisch zu hinterfragen. Das Bauhaus war eine Reformschule und bekannt für sein Credo der Einheit von Kunst und Technik. Technische Produkte sollten künstlerisch gestaltet werden – Produktdesign, wie wir es heute nennen würden.

Zur sozialen Wohnungsfrage aber, die in modernen Architekturkreisen intensiv diskutiert wurde, hat das Bauhaus keinen nennenswerten Beitrag geleistet. Die funktionalen Typenmöbel, die für die Arbeiterschicht entworfen wurden, gingen nie in Serie und blieben für MinimalverdienerInnen unerschwinglich – damals wie heute sind sie Kultobjekte, die als Statements in den Wohnzimmern derjenigen stehen, die sie sich leisten können. Was dem Bauhaus fehlte, war ein gesellschaftspolitischer Überbau.

Die Reihenhäuser von Schmidt und Artaria in Basel zeugen dagegen von einem viel radikaleren Ansatz innerhalb des Neuen Bauens. Wie das Bauhaus entspringt zwar auch dieser Ansatz dem typisch modernen Anspruch, man könne von oben herab eine neue Gesellschaft entwerfen: Ingenieure, Künstlerinnen und Architekten verstanden sich als SozialplanerInnen, die über Werkzeuge verfügen, um den «neuen Menschen» nach ihrem Gusto zu formen. Doch die politischsten VertreterInnen des Neuen Bauens entwickelten ihr Programm in erster Linie aus einer gesellschaftlichen Notwendigkeit heraus, der künstlerische Ausdruck war zweitrangig, wenn nicht gar irrelevant. Einer der radikalsten Vertreter dieser Ausprägung war der Basler Architekt Hans Schmidt.

Angesichts der sich verschärfenden Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg stellte sich eine neue Aufgabe für die Architektur: die Wohnung für die «Massen». Im Duktus der Technikbegeisterung, die in der Zwischenkriegszeit so richtig Fahrt aufnahm, sollte die Industrialisierung des Bausektors erschwinglichen Wohnraum für alle ermöglichen. Schmidt gehörte in den 1920er Jahren zur Avantgarde einer linken Moderne in der Schweiz. Mit seinen Mitstreitern gründete er 1924 die Zeitschrift «ABC. Beiträge zum Bauen». Es ist kein Zufall, dass das letzte Heft der Serie von den Parolen «ABC fordert die Diktatur der Maschine» und «ABC kämpft gegen das bürgerliche Zeitalter!» gerahmt wurde. Hier sollte nicht nur eine neue Architektur entstehen, sondern durch Architektur auch eine neue Gesellschaft geschaffen werden.

Kompakt und günstig

Im August 1930 sorgte die in Basel stattfindende Schweizer Wohnungsausstellung, kurz Woba, für Aufsehen. 115 neue Wohnungen sollten im Rahmen der Ausstellung errichtet werden – unter anderem die Reihenhäuser hinter dem Badischen Bahnhof. Schmidt, der sich in der Zwischenzeit mit Experimentalbauten über die Schweizer Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht hatte, wurde mit der Ausarbeitung des Bauprogramms beauftragt. Je eine eigene Küche, ein Bad und eine Waschküche sollten die neuen Wohnungen haben, dazu viel Luft und Licht. Doch sie sollten nicht nur gesund und hygienisch sein, sondern auch möglichst günstig, damit sich die ArbeiterInnenschaft das «Neue Wohnen» auch leisten konnte. Grundgedanke zur Lösung dieses Problems war folgende Annahme: Je kompakter die Wohnung, desto tiefer die Miete. Dabei galt es, nicht einfach die gängige Wohnung zu verkleinern, sondern einen gänzlich neuen Wohntypus zu entwickeln.

Als Inspiration diente die Rationalisierung in der modernen Industrie. So wurden Wohnung und Mobiliar als Einheit gedacht, als sich ergänzendes Gesamtkonzept, dem Leben des modernen Menschen angepasst. Typisierung und Standardisierung waren die Schlagwörter, unter denen Schlafzimmer und Wohnzimmer revolutioniert wurden. Insbesondere sollte die moderne Wohnung von der «guten Stube», dem Inbegriff bürgerlicher Wohnkultur, befreit werden. Gut zu sehen ist das bei den Reihenhäusern der Siedlung Eglisee am Badischen Bahnhof, wo nirgends eine bürgerliche Stube zu finden ist. Am provokativsten ist der Grundriss bei dem von uns betretenen kleinen Haus, in dem sich hinter der Wohnungstür direkt die Küche befindet – ein Gast betritt den Wohnraum also über die Diensträume.

Das Typenmöbel, ein für die Serienherstellung konzipiertes Möbelstück, das in seiner Reduktion auf die Grundfunktion vielseitig einsetzbar war, wurde zum bevorzugten Einrichtungsgegenstand. Mit seiner Schlichtheit und Zweckmässigkeit galt das Typenmöbel als Tor zur modernen Lebensführung. Durch die funktionale Einrichtung, so die Idee, würde die Wohnung lichter und die darin wohnenden ArbeiterInnen damit freier. Im Unterschied zur praktisch gleichzeitig erbauten Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich Wollishofen, die wesentlich bekannter ist, wohnten in der Wohnkolonie Eglisee bald nach der Fertigstellung der Häuser auch tatsächlich Menschen aus der ArbeiterInnenschicht.

Wohnen und Klassenbewusstsein

In der Schweizer Presse wurde die Basler Wohnkolonie damals kontrovers diskutiert. Die Diskussion um die Wohnung und ihre angemessene Einrichtung wurde zu einer fundamentalen Auseinandersetzung um die Frage der Zukunft der Gesellschaft. Im September 1930 schrieb die Oltner ArbeiterInnenzeitung «Das Volk», dass sich in den «dumpfen, grauen, lichtlosen Mietkasernen» kein Selbstbewusstsein, keine proletarische Kraft entfalten könne. Vielmehr seien diese genau das richtige «Milieu», um die ArbeiterInnen niedrig zu halten und in die Resignation zu zwingen. Das Neue Bauen hingegen wurde für seine Sachlichkeit gelobt, weil diese gut zur harten Nüchternheit des ArbeiterInnenlebens passe.

Im Zuge der Debatten rund um die Woba in Basel wurde das Neue Bauen zur Projektionsfläche für gesellschaftliche Visionen und Ängste – befeuert von der typisch modernen Überzeugung, Architektur könne die Menschen verändern. Nicht alle gesellschaftlichen Kräfte waren mit den neuen Wohnkonzepten einverstanden, insbesondere die geringe Grösse der Häuser und die Gleichförmigkeit der Einrichtung wurden zum Stein des Anstosses. In einer solchen «Wohnmaschine» sei kein Platz mehr für Individualität und für die Entwicklung von Persönlichkeit, hiess es aus konservativen Kreisen – wie könne der Mensch bei solcher «Gleichmacherei» nur selber denken. Die «Solothurner Zeitung» vermutete hinter dieser neuen Form von Architektur gar kommunistische Machenschaften: «Das ist das Ideal marxistischer Wohnkultur. (…) Die Einheit der Familie wird systematisch zerstört, aufgebaut werden soll das kommunistische Ideal. Das Mittel dazu liefern diese Wohnkolonien.» Das Neue Bauen als marxistischer Frontalangriff auf die Kernfamilie und damit auf die Keimzelle der westlich-demokratischen Gesellschaft.

Trotz Marxismusverdacht blieb die Wohnkolonie von Schmidt auch in konservativen Kreisen anschlussfähig – insbesondere aus familienpolitischer Sicht. Die Wohnungsreform, behauptete der von der Woba veröffentlichte Artikel «Eheflucht und Wohnungsreform», komme insbesondere der modernen Frau zugute. Denn die Ehe verlange viel von der Frau, zu viel. Sie sollte Hausfrau, Mutter und werktätig sein – eine Mehrfachbelastung, die den Mann nicht betreffe. Das Haushalten müsse deshalb einfacher und schneller werden. Eine kleine Wohnung bedeute weniger Arbeit, was sich insbesondere auf das Eheleben positiv auswirke: «Das neue Wohnen kennt kein Abhetzen der Frau; eine abgehetzte Frau aber ist stets übler Laune, sie fesselt den Mann nicht.» Der Artikel kommt nur scheinbar progressiv daher, die Zuständigkeit der Frauen für den Haushalt wird nicht grundsätzlich infrage gestellt. Die Wohnungsreform, die darin gefordert wird, zementiert vielmehr den Platz der Frauen am Herd – auch wenn dieser Herd das modernste und neuste Modell auf dem Markt ist.

Während die einen in dieser neuen Architektur also die Zukunft des modernen Lebens sahen, fürchteten die anderen hinter der Forderung nach mehr Licht, Luft und Sonne verdeckte politische Kräfte am Werk. Das Neue Bauen in der Wohnkolonie Eglisee hatte nie viel Charme und kaum Kultpotenzial, im Unterschied zu architektonischen Meisterwürfen wie der Weissenhofsiedlung in Stuttgart von 1927, bei der sich das Neue Bauen erstmals als distinguierter Architekturstil zeigte. Bei der Siedlung Eglisee hingegen ist alles Programm: von den standardisierten Fenstern über die rationalisierte Kleinküche bis zum Typenschrank 3M. Ein Prototyp der «Wohnung für das Existenzminimum», in dem es sich, nachdem alle Diskussionen ideologischer Natur abgeklungen waren, zwar auf kleinem Raum, aber doch ganz ordentlich leben liess – und bis heute leben lässt.

Rhea Rieben ist Assistentin am Departement Geschichte der Universität Basel und doktoriert zum Politischen im Bauen von Hans Schmidt.

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